Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»Hat das Amorosa Louca heute zu?«

Mich plagten Geldsorgen, ich brauchte cash.

»Heute ist Montag, da ist es zu«, erwiderte Alina. »Heute feiern alle, die nicht unbedingt arbeiten müssen.«

Meine Knete musste also bis morgen Abend reichen. Ich wollte mich auf keinen Fall von der Ribeirofamilie aushalten lassen.

Marta war nach einem Kaffee schon fertig, sie schnappte sich eine Tasche und ging. Ich fragte mich, was sie arbeitete, ihren Aufzug mit Cordhose, fleckiger Jacke und dicken Schuhen konnte ich keinem Job zuordnen. Nach Chefposten sah es jedenfalls nicht aus.

Ich half den Mädchen beim Abräumen und Abspülen, Alina hantierte mit Plastikeimern, Wasser und Tauchsieder herum. Als ich Pipi machen musste, sah ich sie hinter der Hütte an einem wackeligen Tisch mit mehreren Eimern, in denen sie Wäsche stampfte. Ich holte sofort meine schmutzigen Sachen, stellte mich dazu und machte mit.

Es gab Berge zu bewältigen, anstrengend war es auch, aber ich tat gerne etwas Sinnvolles. Dabei brannte uns die Sonne auf den Pelz und wir plauderten.

Ich betrachtete Alina heimlich, weil ich ein Anzeichen der anderen Seite an ihr suchte. Von dieser Aggressivität war jedoch nichts zu sehen, sie schien wie weggeblasen.

»Seit wann wohnt ihr hier?«, fragte ich.

»Sind jetzt zwei Jahre her.«

»Und wo habt ihr vorher gewohnt?«

»In Paraisópolis. Ungefähr ein Jahr.«

»Wieso seid ihr hier in eine Favela gezogen?«

Alina lachte. Es klang bitter.

»Paraisópolis ist auch eine Favela. Aber viel schlimmer als hier. Rodrigo ist dort verschwunden. Hier ist es besser für uns. Mama und Nelson haben eine Arbeit.«

»Was macht Nelson eigentlich im Amorosa Louca , wenn er kein C allboy ist?«

Alina senkte die Stimme. »Er ist Hausmeister, putzt und hilft aus. Er redet nicht gern drüber. Angeblich ist das kein Job für einen Mann. Aber er kann froh sein, dass ihm Cristina den vermittelt hat.«

Sie kicherte leise.

»Aber wer ist Rodrigo? Und warum seid ihr überhaupt in eine Favela gezogen?«

»Rodrigo ist der Vater von Andre und Marc. Vielleicht tot, vielleicht weggelaufen, wer weiß? Außerdem sind wir nordestinos. 5049 Für uns gibt es keinen anderen Platz.«

»Was sind nordestinos?«, fragte ich.

»Wir sind aus dem Norden hergezogen, aber uns mag hier niemand. Sie sagen, wir nehmen ihnen von dem Wenigen, was sie haben, zu viel weg.«

Das kannte ich auch aus Deutschland, wobei die Armen nicht aus dem Norden kamen.

Eine Pause entstand, bis Alina mit verträumtem Blick weitersprach.

»Ich möchte irgendwann in einem richtigen Haus wohnen, mit Garten und Zimmer für alle. Mit schönem Bad. Und fließendem Wasser. Nicht mehr am Tankwagen kaufen.«

Sie seufzte. »Und einer Waschmaschine natürlich.«

Wir hingen die Wäsche auf gossen das Wasser in den Abflussgraben hinter dem Grundstück.

Ab und zu kam jemand den Trampelpfad entlang, grüßte und wechselte ein paar Worte mit Alina. Ich wurde bestaunt als neues Objekt des Siedlungstratsches.

»Oi.« Nelson trottete verpennt aus dem Haus. Andre hing an seinem Unterarm und bremste ihn auf dem Weg zum Klo.

Ich ging mit Alina Kaffee machen. Dani lümmelte vor der Glotze. Das Programm erschien mir noch dämlicher als deutscher Kommerzmüll. Erst nach kurzem Streit mit Alina reduzierte sie die Lautstärke.

Nach dem Kaffee sollte Alina Nelsons Haare schneiden. Er fürchtete, dass sein blondierter Hahnenkamm einfach zu auffällig war.

Ich sah mich in der Zwischenzeit vor dem Haus um. Dort existierte ein Stromkasten. Das Kabel dazu hing an Masten, die den Weg zur Straße säumten. Eine dünne Leitung führte zum Haus.

Vom Weg fiel das Gelände sanft ab zu einem Fluss, der sich bräsig dahinschleppte. Bäume und Büsche suchte man dort vergebens, es gab nur schnell wachsendes Grünzeug, dazwischen viele Flächen mit Flusskieseln und allerlei Unrat.

Jenseits des Wasserlaufs lag ein Streifen Grünland, dahinter Fabrikhallen. Zwischen Weg und Wasser gab es keine Hütten. Sicher überschwemmte der Fluss öfter mal das Gelände, entsorgte den Abfall und brachte dafür neuen.

Etwa zwanzig Bruchbuden säumten den Fahrweg, gegen die meisten war das Ribeiroanwesen eine komfortable Villa. Alle hatten Satellitenschüsseln, so groß wie Obstkörbe für Riesen.

14

»Hallo Nel«, rief Alina. Sie winkte mir, ich sollte kommen. Nelson packte das Motorrad für den Ausflug in den Park. Ich erkannte ihn kaum wieder. Seine Schwester hatte alles weggeschnitten was blond war und noch Einiges mehr. Nur ein paar Millimeter trennten ihn von der Glatze.

Die Maschine wurde so beladen, dass er niemand mitnehmen konnte. Wir anderen gingen zur Straße, dort gab es eine Bushaltestelle. Dani blieb zu Hause.

Zweimal mussten wir umsteigen und für das letzte Stück in die brechendvolle Metro.

Wir kamen an einem Haupteingang zum Park heraus, genauso wie Hunderte mit uns.

Alina erklärte, dass Kinder gerne geklaut wurden. Deshalb passten wir in diesem Gedränge höllisch auf sie auf.

Mit den Massen strömten wir in eine Allee, die zu einer grünen, dunklen Röhre verwachsen war.

Nach ein paar hundert Metern verlief sich die Menge langsam, wir hielten uns nach rechts und verließen den Hauptweg über eine Wiese. Etwas später erreichten wir einen riesigen Teich, dessen Saum wir folgten.

Überall auf den weitläufigen Wiesen und am Wasser hatten sich Leute niedergelassen. Paare bevorzugten das Ufer.

Trotzdem war immer noch genügend Platz. Eingeengt musste sich niemand fühlen. Aus einer Gruppe von etwa zehn Leuten winkte uns Nelson mit beiden Armen.

Alina stellte sie mir alle der Reihe nach vor, den Schwall an Namen und Verwandtschaftgraden konnte ich mir aber nicht merken. Ricardo war zum Glück nicht dabei. Dafür gehörten viele Kinder dazu.

Wir breiteten Decken aus, darauf wurde das Essen drapiert. Es gab Obst, Salate, Gebäck, kleine Würstchen und Berge von Bananen.

Ich aß sehr wenig und auch nur, weil es mir aufgenötigt wurde. Schließlich hatte ich weder etwas mitgebracht noch etwas davon gekauft.

Die Schatten wurden langsam länger und der Himmel bezog sich schleierig. Auf dem Rücken liegend betrachtete ich die Wolken. Das Geplätscher der Unterhaltung lullte mich ein. Manchmal verstand ich einzelne Worte, damit fantasierte ich mir was zusammen. Nelson erzählte etwas über mich, der Name Sorocaba fiel ein paar Mal. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er die ganze Wahrheit berichtete.

»Alí, Isabel.« Nelson sprang auf und wedelte mit den Armen.

»Ola, Isabel, aqui.«

Ich richtete mich auf. Eine braunäugige Kleine mit langen Haaren kam lachend näher. Sie trug Jeans und Flipflops. Schwarz lackierte Zehennägel glänzten.

Nachdem sie alle begrüßt hatte, war ich an der Reihe. Sie betrachtete meine Stoppelhaare.

»Cool. Hallo, ich bin Isabel.«

Mein Herz machte einen Hüpfer, denn sie sprach Englisch.

»Meine Mutter ist mit dem Bruder von Martas erstem Mann verheiratet, also ich bin eigentlich auch eine Kusine von Alina und Nelson. Und natürlich von Dani und Luiza.«

»Freut mich. Ich bin Nel.«

Ich gab ihr sehr förmlich die Hand. Zu förmlich, für das was ich fühlte.

»Ich komme gerade von der Arbeit und muss sofort was essen.«

Sie setzte sich neben mich und griff zu.

Zwischendurch redete sie viel und lebhaft, wechselte übergangslos von Portugiesisch zu Englisch und zurück. Ich betrachtete sie unauffällig. Sie gehörte zu denen, die im Alter richtig rund werden würden, dachte ich. Bis dahin hatte sie nur einen runden, festen Hintern und eine beachtliche Oberweite.

Nach einer Weile legte ich mich wieder auf den Rücken und betrachtete die Wolken. Sie sollte nicht merken, dass ich sie anstierte.

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