Ria Klug - Rotverschiebung

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Rotverschiebung: краткое содержание, описание и аннотация

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Was Yanet über mich wusste, war mir schleierhaft. Bisher hatte ich aber keinen Grund gesehen, den Mädels nichts über meine Unterkunft zu erzählen.

Mein Schädel brummte wieder und fühlte mich schlagskaputt. Ich wollte nur reingehen und mich aufs Bett schmeißen.

Nelson wurde ungeduldig, er hob die Hände mit den Handflächen nach oben, zog die Augenbrauen hoch und fragte »E?«

Ich nickte. Ja, ich musste mich entscheiden, anstatt draußen in Winterstarre zu fallen.

»Okay«, erwiderte ich und schob ab. Mir war selbst nicht klar, was ich damit meinte.

Leise öffnete ich die Tür, Nora sollte nichts mitbekommen. Im Eingang brannte die Nachtbeleuchtung und aus ihrem Reich hörte ich einen Fernseher quäken. Auf Zehenspitzen schlich ich hinauf in mein Zimmer.

Auf dem Bett lagen meine gewaschenen Klamotten, eine Tafel Schokolade obenauf. Ich setzte mich daneben.

Viel zu packen würde es nicht geben. Was würde Nelson wohl tun, wenn ich ihn einfach draußen sitzen ließ und mich in die Decken einrollte?

Die Matratze wollte mich verschlingen. Drei Nächte hätte ich noch gehabt, dann hätte ich ohnehin gehen müssen. Wenn Nora mich nicht ohne Kohle dort gedulden hätte? Vielleicht hätte ich ihr im Haus helfen müssen.

Mir drängte sich die Vision auf, wie sie mich an ihr Bett dirigierte, ihren Rock hochhob, unter dem sie nackt war. Ich sollte mich zu ihr runter beugen, mit der Nase die graugesprenkelte Wolle zerteilen und sowohl Geschmack als auch Geruch ignorierend mit Zunge und Mund meinen Aufenthalt verdienen.

Ich stand sofort auf. Meine Sachen stopfte ich in den Rucksack und rollte die Decken zu einem Paket. Den Schlüssel warf ich auf das nackte Laken, dann schlich ich mich davon. Nachdem ich die Außentür hinter mir zu gezogen hatte, hastete ich mit eingezogenem Kopf zum Motorrad.

»Rápido, rápido« 4140, sagte ich. Er konnte für meinen Geschmack gar nicht schnell genug losfahren.

13

Nelson steuerte auf den Seitenstreifen, bremste plötzlich ab und lenkte in eine Lücke zwischen den Betonabsperrungen. Auf dieser Seite der Schnellstraße gab es jede Menge dunkles Gelände, erst in einiger Entfernung funzelte Licht. Wir mussten noch in der Stadt sein, denn wir waren nur zwanzig Minuten unterwegs gewesen.

Nach den Absperrungen wurde der Untergrund holprig und führte bergab. Nelson ließ das Motorrad sehr langsam rollen und wich den tiefsten Furchen, die im Scheinwerferlicht als dunkle, unergründliche Pfützen erschienen, aus. Ein paar Hunde rannten kläffend auf uns zu. Nelson ignorierte sie. Aus der Nachtschwärze schälte sich eine Bretterbude heraus, oder war es Wellblech? Schon waren wir daran vorbei und es tauchten noch mehr Buden auf. Sie standen alle auf der Seite des zerfurchten Pfades, die der Schnellstraße zugewandt war. Umgeben von mickrigem Gesträuch, manche dicht aneinander, andere mit genügend Platz für Gerümpel drumherum. Hinter den Hütten stieg der Fahrdamm bis weit über die Dächer an. Dort dröhnten Lastwagen und strichen Lichtkegel von Scheinwerfern vorbei. Bis auf die struppigen Köter wirkte alles öde und verlassen Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich vielleicht bei Nora geblieben.

Nelson hielt auf eine der wenigen zweistöckigen Baracken zu, die anscheinend das Ende der Ansiedlung bildete. Dieser Bau sah besser aus als die meisten anderen. Er war komplett aus Holz zusammen gezimmert. Er verfügte über eine Art einstöckigen Anbau, davor lag, umschlossen von einer Holzeinfriedung, ein Vorgarten. Die Vorderfront der Baracke zierte eine kleine Verandaüberdachung. Wir tuckerten darunter und Nelson stellte den Motor ab.

Ich war froh, dass ich absteigen konnte, trotz der Decken war mir saukalt geworden.

Während ich mir die Füße vertrat, näherten sich knurrend ein paar Hunde. Sie hatten es eindeutig auf mich abgesehen. Irgendwo hatte ich mal gehört, dass Hunde Schwarze und Weiße am Geruch unterscheiden könnten. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie es bei mir probierten. Nelson bückte sich kurz, griff zum Boden und hob den rechten Arm. Die Viecher gingen sofort auf Respektabstand.

Nelson trieb sie aus dem Vorgarten, dann stellte er eine verwitterte Holzpalette in die Eingangsöffnung des Zauns. Er schloss das Motorrad mit einer voluminösen Kette ab, schnappte seinen Helm und öffnete die windschiefe Tür, die in den Anbau führte.

Eigentlich wollte ich sein Zuhause nicht kennenlernen. Aber ich war in diesem Moment auf ihn angewiesen, wenn ich nicht auf der Straße schlafen mochte.

Nelson kramte im Dunklen herum. Es wurde hell. In einer Ecke lehnte eine Leuchtstoffröhre, deren Leuchtkörper zur Wand zeigte und für indirektes Licht sorgte. Ich war überrascht, mit elektrischem Licht hatte ich nicht gerechnet.

Ich stand in einem Jungenzimmer. Die Wände waren mit Plakaten voll gepinnt. Auf einem liebkoste ein Bürschlein namens Robinho einen Pokal, ein anderes zeigte einen Typen in Alufolie, der mit der Faust aus einem Rennwagen winkte. Turnschuhe und volle Ascher wetteiferten um die Geruchshoheit. In einer Ecke lag eine Matratze. Ein Stuhl, der aussah wie aus einem Straßenlokal entführt, und eine verschrammte Kommode rundeten die Einrichtung ab. Es war letztlich eine jämmerliche Bretterkiste von höchstens zehn Quadradtetern Größe, durch deren rohe Wände der Straßenlärm ungehindert eindrang.

Nelson hing seine Jacke an einen Nagel und setzte sich auf die Matratze. Er gähnte ausgiebig, öffnete Schlips und Hemdkragen, dann kratzte er sich langsam am Kopf. Ich befürchtete, er würde gleich einschlafen, während ich noch herumstand. Er blickte zu mir auf und klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich.

Glaubte er wirklich, dass ich mich zu ihm legen würde? Ich wollte nicht mal die Nacht mit ihm im selben Zimmer verbringen. Mir war sein Blick auf meine Erektion noch im Gedächtnis. Außerdem musste ich mal.

»Alina, onde?«, fragte ich. Nelson schaute auf die Uhr.

»Em breve«, murmelte er matt.

Schlauer machte mich das nicht.

»Banheiro?« 4241Mit dieser Frage ging ich das andere Problem an. Nelson stemmte die Lider hoch, dann sich selbst. Er nahm eine Taschenlampe von der Kommode, mit der er nach draußen stiefelte. Ich folgte ihm. Hinter der Bretterbude, aber noch innerhalb der Umzäunung, stand ein Klohaus. Mit der Taschenlampe wagte ich mich hinein. Hätte der Geruch geleuchtet, wäre ich ohne Schneebrille blind geworden.

Zum ersten Mal in meinem Leben pinkelte ich in ein Loch in einem Brett. Obendrein litt ich immer noch an dem Ständer, was die Sache nicht einfacher machte. Es plätscherte so laut unter mir, dass ich fürchtete, die Brühe würde mir an den Hintern spritzen. Zum Abwischen gab es Zeitungspapier. Ich suchte mir ein Stück ohne Foto. Händewaschen gab es nicht. Draußen entdeckte ich dann den kleinen Graben, der vom Klo wegführte und sich im Dunkeln verlief.

Zurück am Haus hörte ich Nelson mit jemandem reden. Alina saß auf dem Stuhl und hörte sich an, was an dem Abend geschehen war, soviel begriff ich. Ich war sehr erleichtert sie zu sehen. Besonders, weil sie mich nach dem ersten Schreck über meinen kurzgeschorenen Schädel freundlich begrüßte. Nachdem Nelson alles erzählt hatte, gähnte sie ausgiebig.

»Ich bin müde. Willst du auch schlafen, Ne-uw? Schläfst du bei mir? Morgen besprechen wir alles, oder?«

Wir ließen Nelson alleine. Alina führte mich zu der anderen Tür, die sie leise öffnete. Sie legte den Zeigefinger auf die Lippen und flüsterte »Meine Mama schläft.«

Vorsichtig bewegte sie sich durch einen größeren Raum mit knarrendem Boden, an einem Tisch mit etlichen Stühlen vorbei zu einer Leiter. Die führte durch ein Loch in der Decke nach oben.

Wir kletterten die Leiter hinauf. Erst dort schaltete Alina eine Lampe ein. Auch ihr Zimmer war eine Holzkiste, allerdings in Barbieausführung. Spiegel, Vorhang, eine Vase mit Grünzeug, in der Mitte ein kleiner Teppich auf den rohen Brettern. Das Bett war ordentlich gemacht und mit einer Decke überzogen. Die kleine Nachttischfunzel tauchte Teile des Raums in tiefe Schatten. Alina zeigte auf einen Vorhang und flüsterte »Dort schlafen die Kinder.«

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