Ich fühlte mich beobachtet. Tatsächlich ruhte Isabels Blick auf mir. Sie wendete sich nicht ab, als ich ihn erwiderte.
Ihren Gesichtsausdruck wusste ich allerdings nicht zu deuten. Ob sie etwas über die Vorfälle in Sorocaba wusste?
»Wie lange wirst du noch hierbleiben, Nel?«
Ich war über diese Frage so überrascht, dass ich ins Stottern geriet.
»Bis … Am vierten Dezember kann ich … geht mein Flug.«
Sie stand auf und verabschiedete sich. Wieder gab ich ihr die Hand, obwohl ich sie lieber umarmen wollte.
Ich starrte hinter ihr her, bis sie nicht mehr zu sehen war. Alina bemerkte es und verzog den Mund.
Die Kinder quengelten, sie waren müde und mussten nach Hause. Wir suchten unsere Sachen zusammen und gingen.
Von der Bushaltestelle an der Siedlung aus musste ich Andre tragen, so fertig war er.
Das Haus lag verwaist, Dani war nicht da. Eigentlich ideal für Diebe, die Türen wurden zwar verriegelt, aber selbst ich hätte ohne Weiteres eine dieser Bretterbuden einrennen können. Dort musste man den Nachbarn trauen, oder seine Hütte ständig bewachen.
Ich ging runter zum Fluss, über dem der Sonnenuntergang den Himmel wie Heringsalat in Rosaschattierungen einfärbte. Die Ratten kamen zum Spielen raus.
Isabels Blick ging mir nicht aus dem Schädel.
Knirschende Schritte schreckten mich auf. Ein Typ näherte sich, brummelt »Oi«, dann setzte er sich einen Meter entfernt hin.
Nach einer Minute öffnete er den Mund und redete. Nach ein paar Sätzen stellte er eine Frage, die ich nicht verstand. Ich sah ihn mir genauer an. Er war ein halbes Hemd mit ledrigem Gesicht. In den tiefen Falten um Mund und am Hals kreuzten graue Stoppeln die Klingen. Selbst über die Entfernung stellte ich fest, dass er so roch wie er aussah. Mit »Não falo portugûes« wollte ich ihn loswerden.
Er ließ sich nicht beirren. Wieder begann er mit seinem Gequassel, nur diesmal langsamer. Einige Worte wiederholte er mehrmals und so ganz allmählich begriff ich, worum es ging. Er erwähnte Nelson und Alina, sagte mehrfach »Sorocaba« und »Cavalcani«. Einen Satz wiederholte bestimmt zehnmal, wobei er sich immer wieder an die Stirn tippte. Zum Schluss erzählt er was von »dinheiro«.
»Ah, ich glaube du willst Geld, du fiese Kanalratte. Du glaubst, du weißt was, womit du Kohle machen kannst, was?«
Ich sagte das nicht unfreundlich, aber auf Deutsch. Schließlich wusste ich nicht, wie gefährlich er war, über den Gestank hinaus. Ich konnte mir auch nicht denken, woher dieser Penner irgendwas wissen konnte.
»Tja, da hast du Pech«, sagte ich und stand auf, drehte mich zu ihm und zog meine leeren Hosentaschen auf links. Das musste eigentlich ein internationales Zeichen sein. Er gaffte mich ungläubig an, verzog das Gesicht und faselte was von »gringa« und »dinheiro«.
»Hast Recht, du hässliche Schleimkröte«, erwiderte ich im Nel-Normalmodus, »klar hab ich Kohle. Ist redlich zusammengefickt. Kannst du haben, Drecksack.«
Damit schnipste ich ihm eine Fünfzig-Centavo-Münze vor den Latz. Sie plinkerte an ihm runter in den Kies.
Er sprang auf und drohte mir mit der Faust.
»Ha, willst du boxen? Mit dir nehm ichs auf. Komm schon, ich hab richtig Lust dir eine reinzuhauen.«
Ich nahm die Fäuste hoch und machte einen Schritt auf ihn zu. Eigentlich war das nicht meine Art, aber er hatte mich in die richtigen Stimmung gebracht.
»Nel!«, rief Alina. Sie war auf dem Weg zu uns. Einen Moment hielt der Kerl unschlüssig inne, dann schlurfte er davon. Leider war meine beschauliche Abendstimmung ruiniert. Ich ging Alina entgegen.
»Was wollte Pepinho von dir?«, fragte sie.
»Geld erpressen, glaube ich. Er hat was von Sorocaba und Cavalcani gefaselt. Aber ich bin pleite.«
Alina blieb ruckartig stehen.
»Sicher? Canalha, wie kann er davon Wind bekommen haben? Wir reden mit Nelson, wenn er nach Hause kommt. Mama ist zu Hause, sollst ihr von Jose Luis erzählen … Cristina natürlich. Mama sagt immer Jose Luis.«
Wir schlenderten langsam zurück. Alina hakte sich bei mir ein.
»Gefällt dir Isabel? Viele wollen sie, aber sie ist lésbica, du verstehst? Du, was bist du? Bisschen Mann und bisschen Frau, oder was?«
Die Frage war für Außenstehende nicht leicht zu beantworten, deshalb nahm ich die Abkürzung.
»Lésbica tambêm . « 515 0
»Ah, muss ich Angst vor dir haben, eh?«
Sie ließ mich los und lachte.
Marta wartete auf uns. Sie sah ernst und müde aus. Ihre Haare und die Hose waren mit Sägemehl übersät.
Das Reden fiel mir schwer, ein hartnäckiger Frosch saß in meinem Hals und ich musste mich dauernd räuspern und Tränen zurückhalten. Bisher hatte ich keine Gelegenheit gehabt, Cristinas Tod zu verdauen, das spürte ich deutlich.
So gut es ging beantwortete ich Martas Fragen.
Sie wirkte bedrückt, als sie sich hinter ihren Vorhang zurückzog.
Ich wollte mich auch gerne hinlegen, aber ich traute mich nicht. Es war Alinas Bett.
Draußen knatterte Nelsons Motorrad, ein paar Minuten später stand er in der Tür.
Alina nahm ihn sofort wieder mit nach draußen. Ich folgte. Alina redete auf ihn ein.
Nelsons gute Laune verschwand auf der Stelle. Stattdessen ballte er die Fäuste und schimpfte. Nicht lange, dann lag er mit Alina im Streit. Nelson beendete den erregten Wortwechsel, indem er einfach ging. Alina lief hinter ihm her und hielt ihn nochmal am Arm fest. Er riss sich los und verschwand in der Dunkelheit.
»Er geht zu Pepinho. Ich will das nicht, er macht bestimmt einen Fehler. Aber er will nicht hören.«
So was hatte ich mir schon gedacht. Einen Moment standen wir schweigend herum. Alina fragte »Schlafen?«
Okay, same proceedure as last night, Ms. Sophie, dachte ich.
Ich klammerte mich fest, weil Nelson das Motorrad im Zickzack durch die Autokolonnen jagte. Sollte ich doch runter fallen, würde ich nicht auf dem Asphalt landen, da war kein Platz. Eher auf einer Windschutzscheibe. Bestimmt hätte der Fahrer die Sichtbehinderung mit dem Scheibenwischer zu beseitigen versucht.
Wir waren auf dem Weg zum Amorosa Louca, darauf hatte ich den ganzen Tag gewartet.
Aus Langeweile war ich spazieren gegangen. Zuerst musste ich durch eine Freiluftlatrine. Hier kam mir das Berliner Hundescheißesonar sehr zur Hilfe.
Ich war am Fluss, der Cabuçu hieß, entlang gelaufen bis zur Einmündung in den Rio Tiete. 5251Der Tiete war ein ähnlich trauriges Rinnsal, nur breiter. Vielleicht stank er auch anders.
Nelson bog in die Rua Bandeirantes ein. Langsam rollten wir am Amorosa Louca vorbei. Dann bog er noch zweimal ab, weil er das Motorrad an den versteckten Platz hinter dem Puff stellen wollte.
Ich verließ mich ganz auf Nelsons Bullenspürnase, so gelangten wir unbehelligt ans Ziel.
Remo ließ uns schweigend ein. Sorgfältig schloss er hinter uns ab. Er geleitete uns in sein Büro, warf sich in seinen Schreibtischstuhl und betrachtete uns nachdenklich.
Über seiner rechten Augenbraue hatte er eine verfärbte Schwellung mit einem frischen Schramme.
Eine Minute unbehagliches Schweigen folgte. Als Nelson den Mund aufmachte, stoppte ihn Remo.
»Klappe halten. Ihr hättet mir sagen müssen, dass ihr diesen Arzt gekillt habt. Verdammt, ich muss so was wissen.«
Er redete abwechselnd Portugiesisch und Englisch.
»Benutzt mal euren Grips, falls ihr welchen habt. Dieser Cavalcani ist ein bekannter Schönheitschirurg, der macht aus Vogelscheuchen richtige Barbies. Für ziemlich einflussreiche Leute hier in der Stadt. Außerdem ist er bei der PP .5352 Der hat Freunde ganz oben. Die Sache verläuft nicht so einfach im Sand.«
»Aber ich wollte das nicht …«
»Seht mich an.« Er zeigte auf sein Gesicht. »Glaubt mir, ich habe wirklich gute Kontakte, aber das ist mir noch nie passiert. Fast hätten die mich eingebuchtet. Zum Glück gibts da diesen Staatsanwalt … Geht euch nichts an. Jedenfalls ist die Sache noch nicht ausgestanden. Die suchen jetzt, bis sie welche finden, denen sie das anhängen können. Bevor sie das bei mir probieren seid ihr dran, merkt euch das.«
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