Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»Welche Kinder?«

»Meine. Und meine Schwestern.«

»Viele?«

»Zwei Kinder und zwei Schwestern.«

Das hatte mir gerade noch gefehlt, ein paar schmutzige Rotznasen, die beim ersten Sonnenstrahl krakeelen würden, egal ob ich noch schlief oder nicht.

Dort wohnten also mindestens sieben Personen auf höchstens vierzig Quadratmetern. Das war ungefähr die Größe meiner Wohnung in Berlin.

Alina schüttete Wasser aus einem Kanister in eine rote Plastikschüssel auf der Kommode und machte Katzenwäsche. Ich tat es ihr gleich, nachdem ich mich notdürftig abgeschminkt hatte.

Sie schälte sich aus ihren Jeans, zögerte einen Moment, zog sich das T–Shirt über den Kopf und legte den BH ab. Natürlich drehte ich mich diskret weg, achtete aber darauf, dass ich doch alles sehen konnte. Leider verschwand ihr geschmeidiger Körper sofort unter einem Schlafshirt. Der Slip blieb an.

Ich streifte den Nuttenkram ab. Mit Schlafshirt und Slip konnte mich wieder zu ihr drehen. Sie saß auf dem Bett und betrachtete mich. Auf dem Schoß hielt sie ein Kissen. Sie klopfte mit der Rechten sachte auf die Matratze. Ich schnappte meine Decken aus der Pension und ließ mich neben ihr nieder.

»Du bist auch ein hübscher Junge«, sagte sie.

»Ich bin kein Junge.«

»Aber du hast was von einem Jungen.« Sie zeigte auf meine immer noch geschwollene Körpermitte.

»Das spielt überhaupt keine Rolle.«

»Schade.«

»Das ist viel wichtiger.« Ich zog mein Schlafshirt hoch und zeigte ihr meinen Busen.

»Ja, das ist auch schön«, erwiderte sie, »aber das habe ich selbst.«

Sie schob mein Kissen zum Fußende und bettete ihren Kopf auf das Kissen gegenüber.

Aha, so sollte das also sein. Ich war enttäuscht und erleichtert zugleich. Ohne einen Tropfen Alkohol war ich zu gehemmt, Körperkontakt hatte ich ebenfalls genug. Alina löschte das Licht und wühlte sich in ihre Decke.

Wenig später ging ihr Atem ruhig und gleichmäßig.

Ich fühlte mich ganz nah und ewig weit weg.

Noch eine ganze Weile lag ich wach, geplagt von meinem Brummschädel. Was war mit Yanet passiert, so scheiße wie sie aussah? Warum wurde sie von den Bullen mitgenommen?

Beim ersten Piep war ich hellwach. Der Straßenlärm wühlte schon länger in meinem Gehörgang, zum Halbschlaf hatte es aber immer noch gereicht. Das Kinderquaken dagegen war zu nah und zu fremd. Zwei knopfäugige Zwerge in Schlafanzügen, die ich ins Zimmer wuseln sah, peilten verlegen zu mir rüber.

Alina brummelte verschlafen irgendwas, da kuschelten sie sich zu ihr ins Bett. Damit war es mit der Ruhe endgültig vorbei. Sie zappelten wie Kaulquappen und schnatterten wie Gänse.

Ein paar Minuten hielt ich das aus, dann setzte ich mich auf. Jetzt starrten mich drei Paar Kastanienaugen an.

Alina stellte uns vor, der ältere hieß Marc, die Rotznase war Andre.

Eine Weiße mit raspelkurzem Stoppelhaar in Mamas Bett, daran mussten sie sich erst gewöhnen.

Ich war jedenfalls erschüttert, denn Alina musste schon als Jugendliche schwanger geworden sein.

Unten hörte ich jemand klappern und scharren. Ich zog mich an und kletterte hinunter.

Der Wohnraum war möbliert mit dem großen Tisch, einem Geschirrschrank, dem die Glastür fehlte, Kühlschrank und Herd, sowie einer Kommode mit Glotze.

Hinter einem halb offenen Vorhang konnte ich ein zerwühltes Bett und einen schmalen Kleiderschrank erkennen. Die Hintertür stand offen. Sie führte hinaus zum Scheißhaus und lockte mit einer großen Raute Sonnenlicht auf den abgewetzten Brettern. Langsam schlenderte ich dorthin.

Ich sah mir die Gegend genauer an. Zur einen Seite gab es noch mehr Bruchbuden, Gerümpelhaufen und struppiges Gesträuch dahinter. Da und dort ragten die emporschießenden Blätter von Bananenstauden in die Höhe. Geradeaus erhob sich der vermüllte Fahrdamm, auf dem der Verkehr brauste. Über allem spannte sich ein blauer Himmel mit ein paar hingesprenkelten Federwolken.

Zur anderen Seite gab es keine Hütten mehr, nur eine Art Trampelpfad verschwand im Gestrüpp. In einiger Entfernung erhob sich ein Hochspannungsmast, dessen Leitungen den Himmel in Streifen schnitten.

Ich ließ mir die Sonne aufs Gesicht scheinen. Das war wenigstens etwas.

»Ola«, sagte eine Frauenstimme hinter mir. In der Tür stand eine drahtige Frau mit silbern durchwirktem dunklen Haar, das durch einen Pferdeschwanz straff an den Hinterkopf gezogen wurde. Ihr Blick wirkte skeptisch.

»Bom dia«, sagte ich, stolz auf mein schnell gelerntes Portugiesisch, »eu seu Nel, amiga da Alina e Nelson.« 4342

»Muito prazer«, erwiderte sie und kam ein Stückchen näher. »Eu sou Marta, a mae. Você viu « Sie zögerte, sucht nach Worten. »Você viu o Jose Luis, o meu mais velho, morto na clínica, não foi?« 4443

Ich verstand ungefähr worum es ging. »Cristina?«

Sie verzog den Mund, sagte etwas unwillig »Sim , Cristina.«

Es folgten noch ein paar unverständliche Sätze. Marta merkte es, sie hielt inne, dann reichte sie mir die Hand.

»Seja bem vind! Alina devo traduzir. Um cafezinho?« 4544

Ich nickte heftig. Sie deutete auf die offene Tür und ging vor.

Zwei Mädchen deckten den Tisch. Die Ältere, vielleicht vierzehn, hatte ihre Haare zu einem buschigen Pferdeschwanz gebunden, der ihr weit über den Rücken hinunter reichte. Ein rosa Top und bauchfreie Jeans mit weißem Gürtel wiesen sie als Teenager aus. Die Kleinere trug die Haare kurz und steckte in Jeans einem grüngelben Brasilien–T–Shirt.

Auf der Kommode im Hintergrund brodelte Wasser in einem Topf mit Tauchsieder. Marta stellte uns vor.

»Minhas filhas, Luiza e Dani. Este é Nel.« 4645

Dani, die Ältere, blickte mich kaum an, ihr »Ola« war fast unhörbar. Luiza schien weniger schüchtern, sie musterte mich neugierig.

Alinas Kinder kletterten die Leiter herunter. Andre zog mich am T–Shirt und plapperte auf mich ein.

»Não falo portugûes« 4746, erwiderte ich. Von solchen Kleinigkeiten ließ er sich jedoch nicht aufhalten. Als ich ihm auf seine Fragen nicht antwortete, zeigte er mir ein Spielzeugauto.

Luiza schickte ihn vom Tisch weg, weil er beim Fahren alles rammte, was im Weg stand. Da zeigte ich ihm, wie das Auto Arme, Beine, Bauch und Rücken hoch und runter fahren konnte.

Marta stellte mir eine Tasse Kaffee hin. Andre setzte sich sofort neben mich und überschüttete mich mit einem neuen Redeschwall.

Zum Glück ließ sich nun Alina blicken, das lenkte ihn ein von mir ab. Schließlich saßen wir alle außer Nelson am Tisch.

An Martas Kopf vorbei blickte ich auf ein großes Plakat, das über ihrem Bett hing. Ihr röhrender Hirsch war ein bärtiger älterer Typ mit der Ausstrahlung eines Teddybärs. Darunter stand Luiz Inácio Lula da Silva und Vota PT, dazwischen, richtig groß Zero Foam. Marta bemerkte meinen Blick.

»Nosso presidente« 4847, erklärte sie.

Alina übersetzte, dass Lula schon viel für sie getan hätte und er ein Glück für Brasilien wäre. Wegen ihm hätte man endlich Strom und irgendwann werde es auch ordentliche Häuser geben.

Vielleicht sollte er bis dahin genügend Bretter, Wellblech und Plastikplanen spendieren, dachte ich ohne es auszusprechen.

Ich vermutete stark, dass Martas Kinder von verschiedenen Männern stammten, von denen aber keiner mehr eine Rolle spielte. Im Präsidenten hatte sie sich einen ausgesucht, der sich nicht so leicht aus dem Staub machen würde, sie aber genauso enttäuschen konnte.

Ich fragte Alina, ob sie zur Arbeit musste oder die Kinder zur Schule, aber Alina lachte und erklärte »Heute ist fünfzehnter November, Feiertag. 4948Nur Mama arbeitet, heute kann sie gute Geschäfte machen. Wir gehen zum Parque do Ibirapuera. Dort treffen wir Freunde und Verwandte. Willst du mitkommen?«

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