Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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»Ich habe Krach mit Yanet, wohl weil wir einen ihrer Kunden bedient haben. Darf ich so was überhaupt? Meinst du ich soll mich entschuldigen?«

»Zum Teufel mit diesen dauernden Zickereien«, sagte Remo genervt. »Kunden gehören niemandem, die entscheiden selbst, was und wen sie wollen. Wie oft muss ich das noch erzählen?« Er seufzte. »Okay, ich red noch mal mit ihr, später. Jetzt habe ich keine Zeit.«

Er blickte über den Schreibtisch zu seinem staubigen PC– Monitor, der einen Windows Bildschirmschoner zeigte. Ziemlich liederlich kam sein Büro daher, überall lagen Pappkartons herum und wackelige Stühle stapelten sich. Vor hundert Jahren war das letzte Mal gestrichen worden. Trotzdem hätte ich gerne mit ihm getauscht.

Ich bedankte mich und ließ ihn alleine.

Später war mir fast alles egal, ich ließ mich treiben, noch nicht mal Yanets aggressive Haltung machte mir etwas aus. Beim Tabledance an den Stangen klatschte ich zu Ana–Jeisols Darbietungen, danach setzten wir noch einen drauf, indem wir für unser Publikum eine Knutschnummer mit rituellen Begattungsbewegungen aufführten.

Gegen Mitternacht hatte ich etwa einhundertdreißig Reais gutgemacht, aber rasende Kopfschmerzen und eine lästige Dauererektion, die nicht weichen wollte.

12

Die Bullen kamen zu zweit. Zunächst bemerkte ich sie nicht, erst als mich Carmen mit einer Kopfbewegung samt einigen Grimassen auf die Männer aufmerksam machte.

Sie standen beim Eingang und sahen sich um. Einer trug einen hellen Anzug, der andere eine Lederjacke. Zum Glück war das Licht schummerig und sowohl Ana-Jeisol als auch ein paar Männer befanden sich zwischen ihnen und mir. Remo, der am Tresen aushalf, warf mir einen warnenden Blick aus suppentellergroßen Pupillen zu und nickte energisch mit dem Kinn Richtung Tür ins Obergeschoss. Dann kam er hinter der Theke vor und steuerte die Bullen an.

Ich zog Ana-Jeisol mit mir, wobei ich darauf achtete, dass sie mich vor den Bullen abschirmte. An der Treppe traf ich Nelson. Er war im Bild, das sah ich ihm an. Nelson führte mich nach oben. Dort blieben wir stehen. Nelson legte einen Finger auf den Mund und lauschte. Wir hörten, wie unten die Tür geöffnet wurde, begleitet von einem Schwall Musik und Lärm. Männerstimmen verschwanden in Remos Büro. Nelsons zusammengezogene Brauen signalisierten, dass er fieberhaft nachdachte.

Er nahm meine Hand und führte mich den Gang entlang, bis zum letzten Zimmer auf der linken Seite. Da schloss er auf, schob mich hinein und lehnte die Tür an. Dieser Raum war gefüllt mit ein paar zerlegten Betten und anderen Einrichtungsgegenständen. Wir hockten uns auf Püschelhocker, die dort lagerten. Ich blickte Nelson fragend an, er hob aber nur vage die Schultern. Dabei lauschte er konzentriert und machte dabei eine abwiegelnde Handbewegung, die ich als »nur die Ruhe« interpretierte.

Minutenlang blieb alles still, nur entfernt und dumpf war der Lärm aus der Bar zu hören.

Tania Sotelo hatte sich also doch gemerkt, was ich ihr erzählt hatte. Wenn die Bullen die Mädels befragen würden, konnte es uns an den Kragen gehen. Ich war sicher, Yanet würde mir eins auswischen wollen.

Plötzlich fiel mir auf, dass ich nur dieses Nuttenzeug anhatte. Wenn wir hochgenommen werden sollten, wollte ich wenigstens ordentlich angezogen sein. Ich bedeutete Nelson mit Händen und Grimassen, was ich vorhatte. Er betrachtete unverholen meine Erektion. Sie hatte zwar nachgelassen, war aber noch deutlich sichtbar. Im String fand sich nicht genügend Platz. Ich drehte mich sofort zur Seite. Das fehlte gerade noch.

Bevor mich Nelson aufhalten konnte, huschte ich hinaus in Carmens Zimmer. Ich hatte Glück, es war leer. Meinen Kram zog ich einfach oben drüber.

Gerade als ich fast fertig war, hörte ich Stimmen von unten. Remo lachte laut.

Mit den Schuhen in der Hand flitzte ich zurück, hinter mir Schritte und Stimmen, die nach oben kamen. Nelson stand mit halb geschlossenen Augen hinter der Tür.

In Windeseile schlüpfte ich in die Treter. Meine zitternden Hände erschwerten das Schnüren.

Nelson riskierte immer wieder ein Auge nach draußen. Er tippte mir auf die Schulter, dann zeigte er in Richtung der Tür am Stirnende des Gangs. Gleichzeitig hielt er mich mit einer Geste zurück, damit ich nicht sofort aufsprang und losrannte.

Die Stimmen kamen näher, ich begriff, dass die Bullen in jedes Zimmer hineinschauten. Türen klappten, Remo kommentierte lachend. Zusammengekauert auf dem Boden linste ich selbst hinaus. Ich sah Remo klopfen und eine Tür öffnen. Der Bulle im Anzug machte einen langen Hals. Der andere war nicht zu sehen. Remo deutete auf irgendetwas und der Bulle betrat den Raum.

Mit ein paar schnellen Schritten war Nelson an der Tür, auf die er vorher gezeig hatte. Sie ließ sich fast lautlos öffnen. Ich folgte ihm. Wir betraten eine große Dachterrasse und Nelson drückte die Tür ganz sachte wieder ins Schloss.

Unter uns lag die Straße, dahinter die Autobahn. Zu den anderen Seiten erstreckten sich dunkle Gebäude und unbeleuchtete Höfe. Neben der Tür gab es einen kleinen Holzverschlag, an dem kletterte Nelson empor. Oben angekommen reichte er mir eine Hand und hievte mich hoch. Mit einem großen Schritt konnten wir auf das Flachdach treten. Nelson führte mich zum entfernten Ende, dabei ermahnte er mich, leise zu gehen. Wir warfen uns hinter einer Lichtkuppel flach auf den kühlen Teeranstrich.

Ab und zu lugte der Mond zwischen den Wolken hervor und tauchte alles in ein bleiches Licht mit scharfen Schatten.

Das Dach säumte eine höchstens zwanzig Zentimeter hohe Einfassung. In der Mitte, zwischen den Lichtkuppeln, erhob sich eine Art Aufsatz. Er war etwa einen Meter hoch und zwei mal zwei Meter im Grundriss. Einige Rohre verbanden ihn mit dem Untergrund. Das war die einzige Stelle, hinter der man sich zuverlässig verbergen konnte. Sicher aber auch die erste, hinter der ein Verfolger nachsehen würde.

Die Leuchtreklame verbreitete zudem ein diffuses rosafarbenes Licht, was die Sicht eher erschwerte denn erleichterte.

Die Stimmen von Remo und dem Bullen drangen von der Terrasse herauf. Die Unterhaltung klang recht entspannt, aber es machte mich nervös, dass ich nicht verstand, wovon geredet wurde. Die Stimmen wurden wieder leiser, schließlich sperrte die zuklappende Tür die Geräusche wieder ein.

Nelson stand bereits, als die Tür erneut geöffnet wurde. Zu den Stimmen von eben gesellte sich eine dritte. Ich verstand nur den Namen »Yanet«. Er wurde mehrmals genannt. Nelson warf sich mit einem unterdrückten Fluch wieder hin.

Wir hörten jemand schnaufend und polternd den Holzverschlag erklimmen. Der Polizist mit dem hellen Anzug krabbelte auf das Dach. Er rief Anweisungen nach unten, worauf sich Schritte schnell entfernten. Von Remo war nichts mehr zu hören.

Der helle Anzug hob sich deutlich gegen den Nachthimmel ab, obwohl sich der Bulle geduckt an der Einfassung festhielt. Ich spürte, wie er intensiv über das Dach spähte. Nach ein paar erstarrten Minuten ächzte er sich hoch und watschelte gebückt ein paar Schritte.

»Ei, pode ir saindo logo« 3332, rief er.

Nach dem ersten Schreck realisierte ich, dass er nicht in unsere Richtung blickte. Er beobachtete den Dachaufsatz. Nach einer kurzen Pause zog er eine Pistole aus der Jacke. Dann watschelte er zu dem verrohrten Aufsatz, in dem jetzt Wasser rauschte. Unbeholfen bewegte er sich daran entlang und lugte um die Ecke. Er stieß zischend Luft aus, hielt sich an einem Rohr fest und spähte wieder übers Dach. Er war höchstens noch sechs, sieben Meter weg.

Torkelnd näherte er sich noch ein Stückchen. Am nächsten Oberlicht stoppte er wieder schwer atmend. Auf einmal verstand ich, dass er an Höhenangst litt.

Sollte ich hingehen und ihn runterstoßen? Ich wechselte mit Nelson einen langen Blick. Er überlegte etwas Ähnliches, das sah ich ihm an. Wenigstens hatte er keine Knarre in der Flosse. Das war auch besser so, schließlich hatte der Bulle seine Waffe parat und auf die kurze Entfernung traf selbst ein Scheintoter.

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