Ria Klug - Rotverschiebung

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Der vier Bände umfassende Gesamtausgabe «Rotverschiebung» beginnt in Brasilien, wo die Transfrau Nel Arta auf kriminelle Machenschaften stößt, während sie sich in einer Anpassungs-OP unterziehen wollte. Ein deutscher Honorarkonsul ist darin verstrickt.
Mehr als einmal kann sie nur knapp ihrem Kopf aus der Schlinge ziehen.
Zurück in Deutschland kann sie ihre Verstrickungen nicht loswerden und gerät immer wieder in Konflikt mit der Polizei. Sie muss lernen ihren Jähzorn zu zügeln, Konflikte zu vermeiden und zu vertrauen, was ihr sehr schwer fällt.
Im vierten Band sorgt sie in ihrem Heimatort für erheblichen Aufruhr, findet aber auch eine lange vermisste Nähe zu ihrer Mutter wieder.
Im flammenden Finale geht es für sie ums Ganze.
Die Bände «Kleine Betriebsstörung», «Schnicksenpogo» und «Popelige Mauscheleien» sind vor Jahren schon im Print erschienen. In dieser Gesamtausgabe sind sie gründlich überarbeitet und um den vierten, bislang unveröffentlichten Band «Nachts Zündeln», ergänzt worden.

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Sie hantierte so selbstverständlich, als wäre ich ihr Kind. Ich schrie vor Schmerz auf, als sie meinen rötlich verfärbten, angeschwollenen Oberschenkel mit dem Handtuch bearbeitete. Nora hielt inne und schaute sich die Sache an.

»Ay, ay, ay«, murmelte sie wieder und tupfte vorsichtig weiter. Sie brachte mich in Handtücher gewickelt ins Zimmer, meine nassen Sachen auf dem Arm. Unter gutturalen Mutterlauten stopfte und zupfte sie an der Bettdecke herum, nachdem ich ins Bett gekrochen war.

11

Mein Oberschenkel schmerzte so, dass ich mich nur steif und unbeholfen bewegen konnte. Ich betrachtete den blau-grünen Fleck, schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich aus dem Schwanz des Wachdienstlers mit einem Fleischmesser das Mittelstück rausschneiden würde.

Zum Anziehen hatte ich nur schmutzige Sachen, aus denen ich die besten heraussuchte. Meine Schuhe waren noch klamm.

Auf dem Weg nach draußen passte mich Nora ab. Sie examinierte gründlich ob es mir besser ging, tätschelte mir die Wange und bat mich in ihr Reich. Ich tauchte durch den muffigen, schweren Vorhang und folgte ihr in einen dunklen Gang, der mit Möbeln in einen Geschicklichkeitsparcours verwandelt worden war.

Zu allem Überfluss stieß ich mir das lädierte Bein an einer hinterhältigen Kommode, die sich mit ihrer Alterspatina fast unsichtbar gemacht hatte, sagte aber nichts, damit Nora mich in Ruhe ließ.

Sie öffnete eine Tür am Kopfende, Licht strömte herein und bewahrte mich vor einem weiteren Zusammenprall. Wir traten in einen großen, betonierten Innenhof, eingegrenzt von hohen, vermoosten Mauern. Es gab einen geräumigen Schuppen mit offenem Tor, wo Möbelteile, Matratzen und anderes Gerümpel lagerte, das allmählich zu Kompost werden würde.

Auf der anderen Seite spannte ein vergilbtes Plastikdach über rostigen Stahlstützen, darunter zwei Waschmaschinen, ein Steinwaschbecken und ein Schränkchen.

Der Himmel war in Wäscheleinensegmente aufgeteilt. Zwischen Handtüchern und Bettwäsche hingen meine Klamotten. Nora ließ mich fühlen, dass sie noch nass waren. Sie rochen nach Waschpulver, also hat Nora sie gewaschen. Langsam wurde mir das unheimlich.

Nora bot mir Kaffee an. Ich lehnte ab, ich brauchte einfach meine Ruhe. Das war wie vor einer schweren Operation.

Außerdem musste ich telefonieren, aber ungestört.

»Moment bitte, ich stelle Sie durch«, sagte die Sekretärin, nachdem ich lange warten musste.

»Dr. Klinkhammer. Sie wollten mich sprechen?«

Eine knarrende und desinteressierte Stimme.

»Ja. Ich habe mir sagen lassen, Sie wären für die Klinik Casa da Beleza der richtige Ansprechpartner.«

»Und?«, sagte er und ich hörte, wie er sich zurechtsetzte. Lauter wurde er auch. »Was ist damit? Wie war noch mal Ihr Name?«

Ich war mir nicht sicher, wie ich vorgehen sollte. Eine kleine Pause entstand.

»Ich weiß, dass dort Organe geklaut werden.«

Das erzeugte eine Pause am anderen Ende.

»Wie kommen Sie darauf? Woher wollen Sie das wissen, Herr …?«

»Frau Arta. Ich habe die Leiche gesehen. Von Cristina Ribeiro.«

»Kann es sein, dass Sie zufällig vorgestern in Sorocaba waren? Bei Dr. Cavalcani?«

»Das sage ich Ihnen, wenn Sie mir sagen, ob Sie von dem Organklau wissen.«

Danach dauerte die Pause ziemlich lang. Schließlich räusperte sich der Konsul.

»Davon ist mir nichts bekannt. Aber wenn es wahr ist, muss ich der Sache nachgehen. Sie können mir dabei helfen. Waren Sie schon bei der Polizei?«

»Noch nicht. Aber ich werde da hingehen.« Das sagte ich mit soviel Nachdruck wie möglich.

»Das sollten Sie natürlich auch. Ich würde Ihnen gerne dabei helfen. Sprechen Sie eigentlich Portugiesisch?«

»Nein, aber …«

»Sehen Sie. Ich würde Sie begleiten. Dann wird Ihre Aussage nicht so schnell als Unfug abgetan. Ich verfüge über ein paar Kontakte. Wo sind Sie jetzt? Wollen Sie in mein Büro kommen? Ich kann Sie auch abholen lassen. Was meinen Sie?«

»Wieso glauben Sie, dass ich Hilfe brauche?«

Klinkhammer zögerte wieder mit der Antwort. Dann sagte er »Ihr Name ist Arta, nicht wahr? Dann brauchen Sie auf jeden Fall Hilfe. Hören Sie, ich will ganz offen mit Ihnen sein. Ich weiß, dass Sie bei dem Überfall auf Dr. Cavalcani dabei waren. Seine Frau und das Hausmädchen sind Zeugen. Wenn Sie jetzt ohne Unterstützung zur Polizei gehen, sind Sie einfach nur ein Mittäter und ein Mörder. Die brasilianische Polizei ist nicht zimperlich, glauben Sie mir.«

»Wieso wollen Sie mir helfen? Das verstehe ich nicht.«

»Ach«, sagte er betont locker, »da gibt es mehrere Gründe. Sie sagen, da findet Organklau statt. Wenn Sie jetzt einfach zur Polizei gehen, spielt das keine Rolle mehr. Die werden sich nur mit dem Mord beschäftigen. Ich weiß aber, dass Sie nicht aktiv daran beteiligt waren. Außerdem sind Sie Deutscher und ich bin Konsul.«

»Ich verstehe immer noch nicht, weshalb Sie so scharf aufs Helfen sind. Im Konsulat sagen die ausdrücklich, geholfen wird nur bei der Suche nach nem Anwalt.«

Allmählich wurde Klinkhammer ungeduldig.

»Hören Sie, ich mache den Job seit über dreißig Jahren. Ich weiß, wie das geht und brauche keine Anweisungen vom Konsulat. Außerdem bin ich mit vielen einflussreichen Leuten bekannt. Das Casa da Beleza ist auch mein Baby. Ich hab es mit aufgepäppelt und vermittle viele Patienten dahin. Auch Deutsche. Hervorragender medizinischer Standard und nur halb so teuer wie in Europa. Deswegen interessiert mich, was da wirklich läuft. Wenn Ihnen jemand helfen kann Sie da rauszuhauen, dann ich. Also, wo stecken Sie?«

»Ich bin in einem Internetcafé.«

»In São Paulo? In welcher Straße?«

»Ja, in der Stadt. Wie die Straße heißt, weiß ich nicht.«

»Fragen Sie jemanden. Ich lasse Sie abholen.«

Mich störte sein Drängen. Das kam mir merkwürdig vor.

»Hier ist gerade niemand.«

»Das gibts doch nicht. In welchem Stadtviertel sind Sie? Oder sagen Sie mir wenigstens, wo Sie wohnen. Wie kann ich Sie erreichen?«

»Ich habe noch keine Unterkunft. Ich rufe Sie noch mal an, wenn ich weiß, wo ich bleibe.«

»Warten Sie, warten Sie. Kommen Sie doch einfach in mein Büro.«

Er nannte mir eine Adresse in der Avenida Paulista.

»Ich bin den ganzen Tag hier. Ich erwarte Sie. Kommen Sie zu mir, bevor Sie zur Polizei gehen. Das ist besser für Sie, glauben Sie mir.«

»Ja, okay.«

Ich legte auf. Was, wenn er mir nicht helfen konnte? Mit dem Maul waren diese Typen immer Weltmeister. Wenn es dann nicht klappte, lag die Schuld bei anderen. Darauf wollte ich mich nicht verlassen. Soweit war ich noch nicht.

Kurz vor halb zwei näherte ich mich dem Amorosa Louca. Ich schlenderte sehr langsam, nicht nur weil mich die Blessur behinderte. Ich ging wie durch einen zähen Brei, in dem ich mir jeden Schritt erkämpfen musste. Aber selbst auf diese Weise stand ich irgendwann vor der Tür.

Mit einem ausgedehnten Frühstück hatte ich mich selbst noch in Zugzwang gesetzt. Am Ende musste ich meine vierzig Reais auf die Theke blättern.

Ich sah mir noch mal die Fotos im Schaukasten an. Von den Frauen darauf erkannte ich keine. Ich fragte mich, wie ich auf so einem Bild aussehen würde.

Remo öffnete mir.

»Tudo bem? Carmen ist noch nicht da, die kommt aber sicher gleich. Warte an der Theke.«

Der Geruch nach kaltem Rauch erfüllte den leblosen Raum. Ein Typ kam herein und stellte sich neben mich. Er steckte in einem dunklen Anzug, war jung und schwarz und wenn er diesen blondierten Haarbüschel obendrauf nicht gehabt hätte, hätte es noch länger gedauert, bis ich Nelson erkannte. Er grinste mich dünn an und sagte »Oi Nel, tudo bem?«

»Was machst du denn hier?«

Ich konnte nicht behaupten mich zu freuen, ihn zu sehen.

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