Ein rotes Blinklicht hinter der Theke ließ ihn innehalten.
»Moment.«
Er ging hinaus und kam kurz darauf mit drei Männern wieder herein. Sie unterhielten sich ein wenig, dann übergab er sie an ein paar Diven in Reizwäsche.
»Habt ihr auch Frauen als Kundschaft?«, fragte ich, als er sich wieder setzte.
Zuerst sah er verblüfft aus, dann lachte er lauthals.
»Não«, sagte er, als er wieder zu Atem kam, »soweit sind wir noch nicht. Ich glaube, dann würden die Männer wegbleiben. Wäre schade, die haben das Geld.«
»Bar könnte ich auch machen. Da habe ich sogar Erfahrung.«
Remo winkte ab.
»Sonia macht das sehr gut. Außerdem kannst du kein Portugiesisch. Wenn du hier jobben willst, dann beim Ficken.«
Er musterte mich nochmal gründlich.
»Du brauchst was Richtiges zum Anziehen, ordentliche Schminke und alle überflüssigen Haare weg. Dann brauchst du noch ein paar Tage Anleitung.«
Ich gebe zu, es war nicht ohne Reiz, aber meine Angst war viel größer.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Mit dem Stehvermögen ist es nicht weit her. Die Hormone, weißt du. Mit Männern habe ich früher schon mal was gehabt, ist aber schon fast fünfzehn Jahre her. Inzwischen find ich die eher eklig.«
Remo musste schon wieder lachen.
»Das geht den anderen hier genauso. Ein paar warten auf Mr. Right. Die Hormone musst du vielleicht mal weglassen. Du könntest mit einer mitgehen und dir zeigen lassen, wie es gemacht wird. Carmen vielleicht. Kannst du Spanisch?«
»Ja, ein bisschen Spanisch kann ich, aber wenn ich die Hormone weglassen soll, musst du mir den Arsch aufschneiden und sie rausholen.«
Remos Augen blitzten vor Vergnügen.
»Sehe ich aus, wie ein Metzger? Oder gar wie ein Arzt? Aber Doc Remo ist hilfsbereit. Für Durchblutungsstörungen halte ich immer Viagra bereit. Bisher haben wir das damit in den … hmhm … Griff gekriegt. Also, willst du es wirklich probieren?«
»Versuchen kann ichs ja mal. Wie viel könnte ich eigentlich verdienen?«
An der Entscheidung hatten sich zwei Gläser Rotwein beteiligt. Mal hospitieren, das konnte doch nicht schaden. Ich hatte sowieso sonst nichts Sinnvolles zu tun.
»Meine Mädels kriegen Geld pro Kunde, wie viel hängt davon ab, was ihr mit den Kunden macht. Es gibt eine Preisliste, die solltest du dann kennen. Wenn du es schaffst, sie richtig heiß zu machen und noch ordentlich zum Saufen bringst, kannst du schon einen Tausender die Woche machen. Nicht sofort, vielleicht schaffst du die Hälfte. Manchmal sind auch Bullen zu Besuch. Da müssen wir aufpassen. Wenn ein Bulle kommt, kriegst du Bescheid und musst verschwinden. Wenn sie dich erwischen, musst du löhnen. Oder die buchten dich ein.«
Ich fragte lieber nicht wieso. Von der Polizei konnte ich sowieso nichts Gutes mehr erwarten.
»Aber wie ist das mit den Klamotten? Wo kriege ich was her?«
»Carmen soll dir was leihen. Das kannst ihr später abkaufen. Die Mädels haben alle mehr Klamotten als Schränke dafür. Du wirst etwa so aussehen wie Yanet.«
Er zeigte mit dem Kopf zu einem der Tische, an dem zwei Typen mit einer gesträhnten Blondine saßen. Sie trug nicht viel, aber der weiße Spitzen-BH und die weißen Strümpfe zum Strapsgürtel kontrastierten scharf zu ihrer dunklen Haut. An den Füßen trug sie Sandalen mit unanständig hohen Absätzen. Am liebsten wäre ich aufgesprungen, hätte die Männer weggejagt und die zarte Person in ein romantisches Himmelbett geschleift.
Was war bloß mit mir los, fragte ich mich. Ich sollte es bei dem dritten Glas Wein bewenden lassen.
»Ich glaube nicht, dass ich so gut damit aussehe.«
Remo gluckste.
»Das ist doch völlig egal, Hauptsache, es macht die Männer an. Warte mal ab, wenn du dich darin siehst. Sei morgen um halb zwei hier. Ich sage Carmen gleich Bescheid, dann muss ich noch ein paar Sachen erledigen. Willst du noch bleiben? Sonia, gib Nel noch was, das geht aufs Haus. Ah, da kommt ja Carmen. Tschau.«
Aus einer Tür neben dem Ausgang stöckelte eine dunkeläugige Schönheit. Sie trug ein durchsichtiges, schwarzes Kleid, das höchstens bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel reichte und darunter nur einen dunklen String. Der String hatte vorne eine deutliche Beule, wegen der ich mich an ihrer Stelle geschämt hätte. Ihren dunklen Haare fielen fast bis auf die Hüften. Sie bewegte sich wie eine Prinzessin, mit leichten Schritten und geradem Rücken. In ihrem Schlepptau folgte ein älterer Typ, der das genaue Gegenteil von ihr war. Plump und schwerfällig, schnaufend, mit verschleierten Augen.
An der Bar bestellten sie Sekt. Remo schlenderte zu ihnen hin, sie wechselten ein paar Worte. Er wies mit dem Kinn zu mir.
Carmen schaute herüber und zeigte mir eine wundervolle Doppelreihe weißer Zähne, die auf ein Werbeplakat gehörten. Mein Blick dagegen verfing sich auf ihren dunklen Nippeln. Carmen sah aus, als hätte sie sich ein männliches Genital anbasteln lassen. Das konnte aber nicht lange her sein, sie war allerhöchstens Mitte Zwanzig.
Eigentlich hatte ich gehen wollen, da aber spürte ich, wie diese Falle über mir zuschnappte. Wie in Trance winkte ich Sonia und ließ mir noch ein Glas Wein einschenken.
Damit ich Carmen nicht dauernd anstarrte, blickte ich mich im Lokal um. Mir war völlig egal, dass Yanet mit den beiden Männern abzog. Ich beobachtete ungerührt, wie Yanets Arschbacken den String zermalmten, der sie trennte.
Weitere Männer füllten den Raum. Eine lange Blonde machte sich an einem kleinen Dunklen zu schaffen. Er klammerte sich mit halb geschlossenen Augen an ihr fest und hielt sein Becken so, dass sie bequem in seiner Hose wühlen konnte.
Ich wendete mich wieder meinem Glas zu. Carmen winkte. Ich schwankte zwischen Beklemmung und Jubel, versuchte aber cool auszusehen.
Carmen reichte mir die Hand und fixierte mich mit ihren Kastanienaugen.
»Hola, Nel, ich bin Carmen. Das ist Manuel. Magst du etwas mit uns trinken?«
»Hola, ja.«
Mein Mund war völlig ausgedörrt, das Angebot mit dem Sekt kam gerade rechtzeitig. Aus der Nähe betrachtet sah Manuel wie ein netter Onkel aus. Trotzdem hatte ich was gegen ihn, denn seine Stielaugen klebten an Carmens Busen. So ein verdammtes Ferkel. Kerle können sich einfach nicht benehmen. Wir prosteten uns zu. Carmen erzählte Manuel etwas über mich. Leider konnte ich sie nicht fragen was sie über mich verbreitete, denn ein anderer Mann begrüßte sie. Ein Büromensch um die Vierzig, den ich augenblicklich hasste. Er trank ein Glas mit, dann entschuldigte sich Carmen bei uns und schob mit ihm ab.
Mir schnürte es die Kehle zu. Ich musste sofort gehen.
Erst als ich draußen war und den roten Lichtschein hinter mir gelassen hatte, konnte ich wieder richtig durchatmen. Die Luft schmeckte feucht und mild, fast schon schwül.
Den Grund dafür bekam ich ein paar hundert Meter später zu spüren. Unvermittelt schüttete es wie aus Kübeln. Nach höchstens einer Minute war ich durch und durch nass.
Als ich vor der Pension den Schlüssel aus der Tasche kramte, ließ der Regen nach. Perfektes Timing. Nora hörte mich kommen. Sie streckte neugierig die Nasenspitze durch den Vorhang, hinter dem offenbar ihr Reich begann.
»Ay, ay, ay, pobrezinha . «
Sie nahm sich meiner an. Ich musste wirklich traurig ausgesehen haben, müde und durchgeweicht. Wie eine Mutter führte sie mich nach oben ins Bad. Aus einem wurmstichigen Schrank im Flur holte sie ein paar frische Handtücher, die genauso dünn gewaschen waren, wie meine zu Hause.
Ich schlotterte am ganzen Körper vor Kälte und Erschöpfung. Trotzdem war Nora schuld, dass ich auch noch ungebremst Rotz und weiteres Wasser heulte.
Sie schälte mich aus den Klamotten und schob mich unter die Dusche. Allerdings ist war nicht nur hilfsbereit, sondern auch sparsam. Nach einer Minute stellte sie das Wasser ab und frottierte recht energisch an mir herum.
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