Zuvor mussten wir stetig bergauf steigen, ab der Einfriedung wendeten wir uns bergab. Ricardo ging weiter voran. Er bewegte sich vorsichtig und langsam. Nachdem wir ein Stück marschiert waren, zweigte ein weiterer gerodeter Streifen ab. Er führte vom Zaun weg, direkt abwärts.
Ricardo überlegte einen Moment, dann schlug er diesen Weg ein.
Ein dumpfes Bellen drang durch die Bäume. Ricardo blieb mit erhobener Hand stehen und lauschte. Das Bellen wurde lauter. Wir erstarrten, nur Ricardo hockte sich hin und fingerte etwas aus seiner Umhängetasche.
Das Bellen gewann weiter an Lautstärke, dazu ertönte immer heftigeres Rascheln und Knacken.
Sekunden später sprang ein Hund knurrend und bellend auf uns zu. Ricardo hielt dem Köter etwas entgegen, durch das Knurren war ein »Plöpp« zu hören. Der Köter klatschte aufjaulend vor uns ins Unkraut.
Trotzdem war immer noch Bellen und Getrampel zu hören, das sich schnell näherte. Blitzschnell ging Ricardo erneut in Stellung und das Gleiche passierte nochmal. Jaulen, ein schwerer Schlag auf den Boden, Gewinsel. Ricardo nahm einen kurzen Schlagstock aus der Tasche. Drei Schläge, die Hunde lagen still. Dann lauschte er wieder, aber es blieb ruhig. Mir war übel, obwohl ich Hunde nicht mochte. Ich näherte mich den beiden dunklen Haufen. Kein Schnaufen, kein Zucken, nichts. Ricardo zerlegte eine kleine Armbrust und stopfte sie wieder in seine Tasche. Das machte er sicher nicht zum ersten Mal.
Ich musste zusehen, wie er die Kadaver drehte und nach seinen Pfeilen suchte. Mit einem Messer grub er sie aus. Sogar an einen Lappen für das Blut hatte er gedacht. Verdammt, worauf habe ich mich nur eingelassen, dachte ich dabei.
Alina zog mich am Arm hinter den anderen her. Das Gelände wurde flach. Durch die Bäume schienen erleuchtete Fenster. Auf der Veranda vor einem großen Wohnzimmerfenster stand Cavalcani und rauchte. Ich erkannte ihn am Profil.
Zwischen dem Waldrand und dem Haus lagen zwanzig Meter offenes Gelände. Wir konnten uns nicht ungesehen nähern, solange Cavalcani draußen stand und qualmte.
In mir wucherte die irre Hoffnung, irgendetwas könnte geschehen, sodass wir wieder abziehen müssten. Es brauchte nur eine große Abendgesellschaft zum Dinner kommen. Oder Rambo könnte plötzlich aus dem Haus treten, auf die umgehängte MP klopfen und dem Doc sagen können, gehen Sie unbesorgt rein.
Stattdessen drückte Cavalcani die Kippe aus, räusperte sich und verschwand durch die Terrassentür hinein. Weitere Minuten verstrichen, aber alles blieb ruhig.
Ricardo ging wieder voran. Er näherte sich der Veranda. Nelson folgte ihm. Sie winkten Alina zu einer zweiten Tür, ein paar Meter daneben. Alina zerrte mich mit dorthin.
»Pronto?«, zischelte Ricardo.
»Ta bom« 2525, rief Alina und riss die Tür auf.
Es war der Eingang zur Küche. An einem Tisch baute eine junge, dunkelhäutige Frau in weißer Schürze Teller und Schüsseln auf. Sie schrie auf und eine volle Suppenterrine fiel aus ihren Händen. Alina packte die Frau und drehte ihr einen Arm auf den Rücken. Der Oberkörper der Angestellten landete klirrend auf dem Geschirr. Alina zischte ihr etwas ins Ohr. Die Angestellte erstarrte sofort und gab keinen Ton mehr von sich.
Aus dem Wohnraum nebenan hörten wir nach dem Klirren von Glas Gewimmer und Klatschen. Es klang wie Kotelettklopfen. Alina quetschte die Angestellte in die Speisekammer.
Die Tür zum Wohnzimmer stand halb offen. Ich erblickte ein Stück von einem gedeckten Esstisch, weiße Tischdecke, Teller, Besteck, Servietten. Das Tischtuch hatte unschöne Falten, zwei Kerzenleuchter waren umgekippt und bildeten Wachspfützen. Auf dem Boden lag ein zerbrochenes Aperitivglas in einer kleinen Lache, die ins dunkle Parkett versickerte. Hinter dem Tisch saß schreckstarr eine ältere Dame mit kastanienrotem Haar. Sie wimmerte und schniefte leise.
Ich hörte Nelson in aggressivem Tonfall reden.
Cavalcanis »Não, não« klang jämmerlich. Wieder ertönte dumpfes Klatschen, dann Stöhnen.
Mit jedem Klatschen wimmerte die Frau lauter. Nelson rief nach mir, meine Knie wurden noch weicher als sie ohnehin schon waren. Alina musste mich durch die Tür schieben. Das große Zimmer erwies sich als Altenheim für betagte dunkle Möbel, dicke Bücher und Ölschinken.
Cavalcani hielt sich mühsam mit aufgerissener Hemdbrust und zerzaustem Haarkranz auf einem Stuhl. Mit fleckigem Gesicht blinzelte er kurzsichtig in meine Richtung. Eigentlich trug er eine Brille. Nelson stand neben ihm, eine Hand lässig auf Cavalcanis Schulter.
Nelson vibrierte förmlich, seine Pupillen waren nur kleine Punkte. Scheiße, das musste Doping sein.
Ricardo hielt sich etwas entfernt auf der anderen Seite auf, auch er stand unter Strom. Mit dem Schlagstock schlug er leise klatschend einen schnellen Takt in seine linke Handfläche. Wenigstens war nirgendwo eine Knarre zu sehen.
Langsam näherte ich mich. Cavalcanis Mundwinkel waren eingerissen. Auf seinem Kinn glänzte verschmiertes Blut. Auch auf der aufgerissenen Knopfleiste seines Hemds gab es Blutflecken.
Er tat mir leid, fast noch mehr als ich mir selbst.
»Wegen Cristina …«, krächzte ich mit trockenem Mund. Er blinzelte mich angestrengt an.
»Miss Arta?«, fragte er mit viel zu hoher Stimme.
»Ich weiß, was ihr gemacht habt.« Mehr brachte ich nicht raus.
»Aber …«, stammelte er. Dann war ihm anzusehen, wie eine Idee durch sein Hirn zischte.
»Sie wollen ihr Geld zurück, nicht wahr? Kein Problem, ich schreibe Ihnen einen Scheck. Sagen Sie bitte den beiden, dass wir das gütlich regeln.«
Er wollte sich aufrichten, aber Nelson drückte ihn wieder runter. Scheck, das hatte er verstanden. Ich nickte ihm zu, dachte, lassen wir den Doc nen Scheck oder zwei schreiben, das beruhigt die Gemüter.
»Ta bom . « Nelson nahm die Hand weg.
Cavalcani erhob sich schwerfällig. Ricardo klaubte dessen Brille auf und gab sie ihm. Ein Glas war gesprungen, das Gestell hing schief im Gesicht.
Cavalcani schleppte sich zu einem Sekretär, öffnete die Schreibplatte und eine Schublade, der er Stift und Scheckheft entnahm. Alle Augenpaare folgten ihm dabei.
Nelson verlagerte ständig sein Körpergewicht von einem Bein auf das andere. Er wirkte wie ein Ballon kurz vorm Platzen. Auf sein kurzes Kommando kam Cavalcani zurück an den Tisch. Er zog den Stuhl näher ran, glättete das Tischtuch und schlug das Heft auf. Mit dem Kugelschreiber in der Hand zögerte er, dann blickte er zu mir auf.
»Sind Sie mit zehntausend Dollar einverstanden? Wegen der Unannehmlichkeiten, die Sie hatten?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, füllte er den Scheck aus und reichte ihn mir.
»Sie können ihn bei jeder Bank einreichen. Er wird nicht zurück gewiesen werden, das verspreche ich.«
Nachdem ich den Scheck genommen hatte, sagte er »Bem?« und schaute sich fragend um. Die Stille hielt er nur wenige Sekunden aus, dann fragte er etwas auf Portugiesisch.
Nelson grinste und machte eine auffordernde Bemerkung. Cavalcani schrieb einen zweiten Scheck. Danach blinzelte er in die Runde und fragte wieder. Nelson beachtete ihn nicht. Er blickte Alina an, dann die schniefende Frau des Docs und machte eine kurze Kopfbewegung.
Darauf bugsierte mich Alina in die Küche. Im Vorbeigehen zupfte sie Frau Cavalcani am Ärmel und gab ihr ein kurzes Kommando. Alina dirigierte die Frau auf einen Stuhl und schloss die Tür. Sie fragte mich, auf den Scheck weisend, ob ich zufrieden damit wäre.
Mein zögerndes Nicken kommentierte sie mit einem Grinsen, das sagte »Siehst du, lass uns mal machen.«
Ich fragte mich, ob der Scheck wirklich einlösenbar wäre. Ich würde beim Versuch verhaftet werden können, immerhin waren da zwei gekillte Köter, Körperverletzung, Hausfriedensbruch. Weiß der Himmel, welche Vergehen ein Richter noch finden würde.
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