Nach dieser Ansage beruhigte sich Remo allmählich wieder.
»Nel, du kannst deine Visage hier nicht mehr sehen lassen, das ist einfach zu riskant und du bist zu ersetzen. Nur den Laden hier kann ich nicht alleine schmeißen, ich muss jemanden finden, dem ich trauen kann, das dauert ein paar Tage. Bis dahin muss Nelson helfen. Aber er muss sich aus der Schusslinie halten.«
»Was ist mit mir? Ich brauche das Geld. Eine andere Frisur habe ich doch auch.«
»Nel, halt mal die Luft an. Ich sehe das, aber bei dir hilft das nicht viel. Du siehst dermaßen europäisch aus. Für dich habe ich was anderes. Das ist weitgehend bullenfrei. Nächsten Montag mache ich eine Party für ein paar Leute mit viel Geld und hohen Ansprüchen. Ganz privat, da machst du mit. Denk dir einen anderen Namen aus. Sicher ist sicher. Ich zahle Dreihundert fix. Das heißt aber, alles machen, was die Kunden wollen und Open End. Sollte kein Problem sein, die sind fast alle über Fünfzig, saufen gerne und wir fangen nachmittags um sechs an. Du bist um halb fünf hier. Verstanden?«
Natürlich willigte ich sofort ein. Zwar klang das wie völliger Müll und eine Zumutung, aber es war ein Strohhalm.
»Was ist eigentlich mit Yanet? Warum haben die Bullen sie mitgenommen? Hat sie mich verpfiffen?«
»Das geht dich nichts an. Ich glaube, das willst du auch nicht wissen. Jedenfalls ist sie selbst schuld. Für ne Nutte ist es gesünder die Klappe zu halten, auch bei den Bullen. Für mich ist das ein schwerer Verlust. Da musst du eigentlich für aufkommen.«
»Wie meinst du das? Du weißt, dass ich nichts habe.«
»Wir finden schon was. Aber nicht jetzt. Zisch ab, bevors hier losgeht.«
»Ich will noch Geld für den abgebrochen Abend.«
Remo zog die Augenbrauen zusammen. Dann warf er wortlos fünfzig Reais auf den Tisch.
Ich verkniff mir weitere Fragen und haute ab. Mir war fast ein bisschen leicht ums Herz, denn ein paar Tage frei von dieser Arbeit hatte was von Begnadigung. Außerdem kam ich an meiner Kneipe vorbei und für ein Gläschen hatte ich genug einstecken.
15
Nur noch zwei Tage bis Montag. Ich saß vor der Hütte und langweilte mich. Ein Typ mit einem Handkarren rumpelte den Weg entlang. Das Auffälligste an ihm waren seine dreckstarrenden Lumpen.
Er warf die Beutel mit dem Müll, die Marta heute Morgen an den Zaun gestellt hatte, auf seinen Karren. Er machte kehrt und das Knirschen der Karrenräder verklang. Ich wollte rein und einen Kaffee holen.
In dem Moment, in dem ich die Nase durch die Tür steckte, landete eine Faust mittendrauf. Fest und ziemlich überraschend. Ich sah Sternchen und kippte um.
Die Sternchen verblassten, weil der Mond aufging. Ich hob den Kopf. Über mich beugte sich ein stämmiger Kerl, der sich die Handknöchel rieb. Sein Kopf war rund wie ein Kürbis, aus kurzen braunen Locken ragten zwei fleischige Ohrläppchen wie Suppentassenhenkel heraus. Dicke goldene Ringe hingen daran. Seit ich in São Paulo war, lag ich für meinen Geschmack zu viel vor den Fußspitzen von unterbelichteten Typen herum. Aus meiner Nase rann es warm über die Lippen, es schmeckte nach Blut.
Noch ein paar andere Typen bevölkerten die Hütte. Einen kannte ich. Das war der Gnom, den Alina Pepinho genannt hatte. Er sah so aus, als wäre er neulich mit einer Wand zusammen gestoßen.
Neben Dani stand ein junger Schlacks mit einer Hand auf ihrem Schlüsselbein. Genau dort platziert, wo der Hals begann und das T-Shirt die nackte Haut freigab. Vor Martas Bett kauerte ein Typ mit Narbenfresse, der halb gebückt auf jemand darunter einredete. Sein Tonfall war freundlich und beruhigend, also hatte sich der Kleine dort verkrochen.
»Was wollt ihr?«, fragte ich und wollte aufstehen. Mit einem gezielten Tritt beförderte mich der Kürbiskopf wieder auf die Bretter.
Aus dem Hintergrund schob sich ein kleiner, moppeliger Typ, Anzug und graumeliertem Bart wie Lula, Anzug nach vorne.
»Português?«, fragte er.
»Não, no entiendo . « 5453Das Reden fiel mir schwer.
»Espaniol?«
»Ja, ein bisschen«, erwiderte ich.
»Wo ist Nelson?«
Pepinho mischte sich ein, zeigte nach nebenan. Der Anzugträger schickte den Kürbiskopf und den Typ vom Bett nach nebenan.
»Aufstehen und hinsetzen.«
Ächzend gehorchte ich. Ich hätte dringend einen Lappen gebraucht, um das Blut aufzufangen. Es tropfte jetzt nicht nur auf mein Shirt, sondern auch auf die Jeans. Dafür hatten Männer wie er natürlich keine Augen. Die hatte er auf meinen Busen gerichtet. Damit nicht genug, er war so dreist zu betatschen.
»Puta, eh …«, grunzte er.
Ich musterte seinen Hosenlatz, dann trat ich zu. Leider erwischte ich ihn nicht richtig. Er fluchte und scheuerte mir eine. Mir wurde für Momente schwarz vor Augen.
Mit einigem Getöse schleiften die Kerle Nelson herbei. Zum Aufwecken hatten sie seine Lippe blutig geschlagen. Große Lust auf Widerstand strahlte er nicht aus. Vor dem Anzugträger duckte er sich regelrecht. Der hielt ihm einen Vortrag. Pepinho stand dabei und warf mit zeternder Stimme die eine oder andere Bemerkung ein.
Die Kerle ließen Nelson los. Dann durfte Pepinho vortreten und zuschlagen. Er machte es nicht routiniert, aber mit Inbrunst. Nelson wehrte sich nicht. Er ließ die Arme hängen und schwankte mit den Schlägen hin und her.
Dani gab einen Schreckenslaut von sich. Der Schlacks grub seine Finger noch tiefer in ihre Haut, mit der anderen packte er ihren Pferdeschwanz. Sie hielt still und die Hand wanderte in das T-Shirt hinein.
Pepinho verstauchte sich die Flosse und ließ von Nelson ab, nachdem er ihn noch mal getreten hatte.
Der Anzugträger redete nun von Geld, soviel konnte ich verstehen.
Nelson schüttelte mehrfach den Kopf, während er seinen Kiefer vorsichtig abtastete. Der Anzugträger wendete darauf sich an mich. »Du musst Geld geben.«
»Woher soll ich Kohle haben, du saublöder Bock?«
»Spanisch reden«, sagte er laut.
»Ich habe nichts, bin pleite. Was glaubst du, warum ich hier hause?«, radebrechte ich.
»Du hast Geld gestohlen von dem reichen Arzt. Wo ist das?«
»Wir haben dort nichts gestohlen.«
»Dann …« Er überlegte. »Dann nimmt Toni das Mädchen mit.«
Er zeigte zu dem grinsenden Schlacks rüber, der in Danis T–Shirt herumwühlte. Sie wimmerte leise.
»Nimm deine Dreckpfoten da weg. Du, du …« Ich suchte ein Schimpfwort. »Du stronzo!« 5554
Die Wut trieb mich vom Stuhl hoch. Ich wollte auf der Stelle jeden ungespitzt in den Boden rammen.
Die Narbenfresse packte mich am Arm und am Shirt. Der Ausschnitt zog sich fest in meine Kehle. Ich musste stillstehen. Er fasste sofort nach, verstärkte seinen Griff und ich konnte nur noch mit den Augen rollen.
»Pass auf«, sagte der Anzugträger, »oder du kommst auch mit. Franco will dich bestimmt gerne haben.«
Ich überlegte fieberhaft. Mir musste was einfallen, aber schnell.
»Moment, wartet. Ich habe doch Geld.«
»Ah, du hast Geld? Wo?«
»In meiner Hosentasche. Der soll ich mal loslassen.«
Ein kurzes Kommando, dann konnte ich mich wieder bewegen. Mit scharfem Blick verfolgte er, wie ich in meinen Hosentaschen suchte. Die paar Reais ließ ich stecken, um die ging es mir nicht. Rechts hinten wurde ich fündig. Ich warf einen verknitterten Scheck über zehntausend Dollar auf den Tisch. Der Anzugträger nahm ihn, las, drehte und wendete das Papier und kratzte sich am Kopf.
»Woher hast du das?«
»Hat mir die Klinik gegeben.«
Das stimmte zwar nicht ganz, aber in dieser Situation nahm ich es nicht so genau.
Er überlegte und überlegte. So hatte er sich das Geld wohl nicht vorgestellt. Andererseits schienen zehntausend Dollar eine heftige Versuchung zu sein. Endlich fasste er einen Entschluss.
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