„Nee, so ist das nicht gemeint. In die Elektrokleinbusse wird ein Fahrtenschreiber eingebaut und wir sollen dann die Dinger auslesen und nachschauen, wie schnell die gefahren sind.“
„Gut, das könnte man ja machen, aber dazu brauchen wir doch so ein Lesegerät oder?“
„Genau, das ist der Punkt. Wer bezahlt so ein Gerät? Glaubst du, dass Wilhelmshaven uns so ein Gerät anschafft?“
„Nee, nie und nimmer. Ich werd‘ natürlich offiziell anfragen, aber die Antwort kenn‘ ich schon.“
„Wenn wir ständig Unfälle mit E-Fahrzeugen hätten, könnt‘ ich das ja verstehen, aber das steht doch in keinem Verhältnis zum Nutzen?“
„Seh‘ ich genauso, wenn die das unbedingt wollen, dann muss die Gemeinde das eben bezahlen.“
„Dann wird das nichts, die haben doch kein Geld, wie zu Hause in Bremen, nur immer Ankündigungspropaganda.“
„Du immer mit deinem Bremen, ist doch eigentlich eine tolle Stadt.“
„Ich bin der Letzte, der das nicht unterschreiben würde, aber es läuft eben einiges schief.“
„Okay, ich beantrage das Ding mal. Noch was anderes, die Gemeinde hängt in zwei Wochen wieder die Schilder für die Fußgängerzone auf, bald sind Osterferien. Du weißt, unser
Dauerthema, Kontrolle der Fahrradfahrer.“
„Ja, ja nun nerv nicht. Ich werd‘ mich dann da wieder ein paar Mal aufbauen. Mal sehn, was die Gemeinderatsmitglieder machen, wenn ich denen ein Bußgeld aufdrücke, die fahren doch auch mit dem Rad durch die Fußgängerzone.“
„Mach‘ ruhig, dann sehen sie, dass wir was tun.“
Ihre Unterhaltung wurde durch das Läuten des Telefons beendet. Siebelts nahm ab. Es war nur ein kurzes Gespräch. Er nickte ein paar Mal und legte dann auf.
„Unsere Verstärkung für Ostern hat sich angekündigt. Leider keine schöne blonde Kollegin namens Mona Behrens.“
Siebelts grinste Petersen an, der über diesen Gag überhaupt nicht lachen konnte. Siebelts fuhr fort:
„Entschuldigung, ich wollte dich nicht ärgern. Ich war ja nicht dabei als die Kollegin hier war, aber der Inselfunk…“
„Ist ja gut, hör auf damit. Die Sache ist Vergangenheit.“
Petersens Stimme klang verärgert.
„Nichts für Ungut, also da kommt ein älterer Kollege aus Wardenburg, der war schon mal häufiger hier, ein bisschen langsam in allem, der ist auch bei Beförderungen mehrfach übergangen worden. Walter Haake hat noch 5 Jahre, der reißt sich kein Bein mehr aus, aber besser als nichts.“
„Okay, wenn es Ostern genauso ruhig bleibt wie Weihnachten und Silvester, dann kriegen wir das hin.“
Petersen räumte die Kaffeetassen weg und verabschiedete sich zu einem Streifengang. Auf der Promenade angekommen, atmete er erst einmal tief ein. Die frische Meeresluft, die Brandungsgeräusche, alles das hatte er mittlerweile lieb gewonnen. Der Ärger über seinen unfreiwilligen Abschied aus Bremen und die Demütigungen durch das Disziplinarverfahren waren zwar noch nicht vollständig verflogen, aber mittlerweile fühlte er sich auf Wangerooge recht wohl. Vom Osten her sah er die gelben Dumper, die den Sand für den Hauptstrand auffuhren. Für die Spaziergänger war das eine lästige Störung bei der Strandwanderung, aber es gab keine Alternative zu dieser Maßnahme. Der Strand musste wieder her, so dass die Insel vor den nächsten Sturmfluten geschützt werden konnte. Die Touristen brauchten ihn ebenso, damit sie um ihre Strandkörbe schöne Burgen bauen konnten. Petersen grinste bei diesem Gedanken.
Auf dem Weg Richtung „Café Pudding“ kam er an der großen Baustelle nahe der Polizeiwiese vorbei und was er so beobachten konnte, ließ architektonisch nichts Gutes für die Insel erwarten. Mittlerweile hatte auch das Regionalfernsehen von Radio Bremen in einer Wochenserie mit dem Titel „Ausverkauf einer Insel“ über die starke Bautätigkeit fremder Investoren auf der Insel berichtet. Die Gegnerin dieser Bautätigkeit im Gemeinderat war Opfer eines Verbrechens geworden. An der Aufklärung dieses Verbrechens hatte er einen großen Anteil gehabt. Die Entwicklung für die Insel war jetzt nicht mehr zu stoppen. In Höhe des „Strandkorbs“ wurde Petersen aus seinen Gedanken gerissen. Die Bedienung aus der Kneipe, ein netter Kerl aus Polen, mit dem er sich schon häufig unterhalten hatte, stürzte aus der Kneipe, als er Petersen vorbeigehen sah:
„Sheriff, ich hätte sowieso gleich bei dir angerufen. Bei mir sind eben zwei Typen einfach abgehauen, ohne zu zahlen. Die hatten 50 Euro auf dem Deckel.“
Die Bezeichnung „Sheriff“ hatte Petersen nun auf der ganzen Insel weg, seitdem der Magister angefangen hatte ihn so zu nennen.
„Warte, ich komm mal eben rein, ich brauch eine vernünftige Beschreibung von denen.“
Petersen ging langsam die Treppe zur Kneipe hoch, setzte sich rechts an den runden Tisch unter dem Fernseher, zückte sein Notizblock und nahm die Beschreibung der Zechpreller entgegen. Ein weiterer Gast mit Namen Friedel steuerte noch bei, dass beide gesuchten Personen Kölner Dialekt sprachen. Petersen fand es schon etwas außergewöhnlich, dass morgens schon die Zeche geprellt wurde. Er kannte dieses Phänomen nur aus der späten Nacht oder dem frühen Morgen, wenn die Kneipengänger voll waren und nicht mehr ein und aus wussten. Er verabschiedete sich aus dem „Strandkorb“ und bog in die Zedeliusstraße ein. Ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Wenn jemand morgens die Zeche prellte, dann wollte er womöglich in den nächsten Stunden abreisen. Im Schaukasten der Deutschen Bahn am Rosengarten suchte er nach den Abfahrtzeiten. In 10 Minuten würde ein Zug gehen. Sein Schritt wurde jetzt schnell. Vielleicht hatte er Glück und die beiden Rheinländer saßen im Zug. Er las beim Gehen noch einmal die Beschreibung der beiden Männer durch: Beide groß, einer mit ‘ner blauen Vliesjacke, der andere mit einem roten Segelparka. Der Zug war schon am Bahnsteig bereitgestellt worden. Die meisten Fahrgäste saßen bereits im Zug. Schnell ging Petersen in das Büro des Fahrdienstleiters und bat um einige Minuten Aufschub, da er den Zug kontrollieren wollte. Der Beamte willigte ein. Er kannte Petersen vom „Störtebeker“. Dieser hatte schon mal einen Graffitischaden an einem Waggon aufgeklärt. Petersen las kurz seine Personenbeschreibung vor. Der Bahnbeamte ging mit ihm auf den Bahnsteig. Petersen kontrollierte den Zug vom Ende her, der Eisenbahner vom Zuganfang. Im dritten Waggon hörte er schon sehr laut Stimmen mit Kölner Dialekt. Die Beschreibung passte auf die leicht angetrunkenen Männer.
„Haben wir nicht was vergessen, meine Herren?“, sprach er die Männer an, „oder handeln Sie nach dem Motto, die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst, aber ohne zu bezahlen?“
Die Männer schauten sich verdutzt an.
„Heinz, er kennt unser Liedgut, der Wachtmeister is jot. Isch glaub‘ mer haben tatsächlich wat vergessen.“
„Zahlemann und Söhne“, mischte sich jetzt der andere Kölner ein.
Petersen musste grinsen:
„Wenn nicht jetzt, wann dann?“
Dann forderte er sie auf, den Zug zu verlassen. Der Spaß war vorbei. Erst gab es ein Murren, als aber der Fahrdienstleiter sich zur Unterstützung zu Petersen gesellte, kletterten beide Männer aus dem Zug.
Onno Siebelts staunte nicht schlecht als Petersen mit den beiden auf der Wache erschien. Nach eingehender Befragung taten beide ihren Zechbetrug als Versehen ab. Sie zahlten sofort ihre 50 Euro. Siebelts nahm die Personalien auf, während Petersen mit dem „Strandkorb“ telefonierte. Auf eine Anzeige wurde verzichtet, aber beide Kölner bekamen Hausverbot. Nachdem der notwendige Bericht geschrieben wurde, verabschiedete sich Siebelts, der auf Grund seiner verminderten Arbeitszeit in der Regel nachmittags frei hatte. Er hatte aber Petersen mehrfach versichert, dass, wenn Not am Mann wäre, er jederzeit abrufbar wäre. Petersen wusste diese Zusage zu schätzen, wollte aber wirklich nur im Notfall davon Gerbrauch machen. Im Übrigen würde demnächst ja noch die Verstärkung vom Festland eintreffen. Was ihm wirklich Sorgen machte, war die Zunahme von Vandalismus und Sachbeschädigungen auf der Insel. Blumenkübel wurden umgeschmissen, Fahrräder demoliert und erst kürzlich wurden ein Teil der Außenbestuhlung des Bahnhofkiosks und eine gläserne Tischplatte zerstört. Brauchbare Spuren: Fehlanzeige. Auch die auf der Insel kursierenden Spekulationen brachten keine neuen Erkenntnisse. Siebelts und er hatten eine Liste mit Täter-Szenarien aufgestellt, aber letztlich stocherten auch sie im Nebel der Vermutungen. Alkoholisierte Schüler aus den Schullandheimen, von denen die Insel einige hatte, und die große Anzahl meist osteuropäischer Arbeiter von diversen Baustellen standen an der Spitze der Liste. Siebelts hatte mit rotem Filzstift quer auf die Liste „Suff“ geschrieben. Petersen musste hierüber immer wieder grinsen, wenn er sich die Liste ansah, aber irgendwie lag der liebe Onno mit seiner großen Erfahrung wahrscheinlich richtig. Die Zahl der sogenannten „Getränkeunfälle“, wie es die Insulaner nannten, war erheblich. In den letzten zwei Monaten musste der Rettungshubschrauber fünfmal die Opfer von „Getränkeunfällen“ ins Nordwest-Krankenhaus nach Sande fliegen.
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