„Der Wagen ist leer, Sarah“, meldete Quint und Elia hörte ihr Seufzen.
„Bitte versuch’s noch mal auf seinem Handy, Elia.“
„Hab ich gerade. Wieder nur seine Mailbox.“
Sie alle wussten, dass das nichts Gutes bedeutete.
„Elia, bald ist Sonnenaufgang. Was machen wir denn jetzt?“
Die Verzweiflung in ihrer Stimme war deutlich zu hören.
„Wir teilen uns auf. Quint, du suchst die Gegend stromaufwärts ab, ich laufe stromabwärts. Der Fluss ist so breit, dass John bestimmt auf der Seite geblieben ist, wo sein Jeep steht.“
„Gut", meinte Sarah, "Dann ich ziehe inzwischen mit dem Heli von hier aus immer größere Kreise. Kurz vor Sonnenaufgang lande ich auf der Lichtung, über die wir vorhin geflogen sind, und sammle euch wieder auf.“
„Wie willst du da denn landen?", entgegnete Quint ihr scharf. "Der Platz ist gerade mal groß genug für ein Picknick!“
„Bitte, Quint, wir haben keine Zeit zum Streiten.“
„Meine Sarah schafft das schon, vertrau ihr.“
„Du musst es ja wissen.“
Quint und er ließen die Helme zurück und sprangen aus dem Hubschrauber. Trotz der Höhe landeten sie mühelos und wie geschmeidige Raubkatzen. Sarah winkte ihm noch zu, dann verschwand er lautlos zwischen den Bäumen.
John gab Lara einen letzten Kuss auf die Stirn.
Der Wunsch, ihr Leben zu retten, würde nun sein Todesurteil bedeuten.
Gleich würde die Sonne aufgehen und ihn bei lebendigem Leib zu Asche verbrennen.
Gerade wollte er sich von ihr wegrollen, damit sein brennender Körper sie nicht verletzen würde, als er einen Helikopter hörte.
Hoffnung keimte in ihm auf.
Er versuchte, sich bemerkbar zu machen und zu rufen, doch seiner schwachen Stimme gelang es noch nicht einmal mehr, den lauten Gesang der Vögel zu überstimmen, die bereits den neuen Morgen begrüßten.
Krampfhaft bemühte sich John, nicht ohnmächtig zu werden, auch wenn ihm immer wieder schwarz vor Augen wurde.
Doch der Hubschrauber war weitergeflogen und das Rotorengeräusch schließlich ganz verstummt.
Elia wartete mit Quint am Rand der Lichtung, bis Sarah auf dem kleinen Flecken Wiese gelandet war.
Er öffnete die Tür zum Cockpit und schüttelte den Kopf.
„Und bei dir, Sarah?“
„Ich hab nichts sehen können, aber hier ist alles so dicht bewachsen. Gut möglich, dass ich schon zweimal über John hinweggeflogen bin, ohne ihn zu entdecken.“
Er sah seiner Frau die Verzweiflung an.
Quint legte ihm von hinten eine Hand auf die Schulter.
„Die Sonne. Wir müssen los, Elia, es hat keinen Sinn mehr.“
Quint stieg bereits wieder in den Hubschrauber, doch anstatt sich für den Abflug bereit zu machen, schaltete seine Frau den Motor aus und legte ihren Helm zur Seite.
„Sarah?“ Tränen liefen ihr aus den Augen.
„John hat mich damals gerettet. Ich kann spüren, dass er hier irgendwo in der Nähe ist. Steig ein und schließ die Türen, dann seid ihr hinten vor der Sonne geschützt. Ich werde weiter nach ihm suchen.“
„Sarah“, sanft legte er eine Hand auf ihren Oberarm. „Sieh dir den Himmel an, gleich ist es so weit. Wenn du ihn überhaupt findest, dann nur noch seine Asche.“
„Ich muss das tun.“
Sollte ihr irgendetwas passieren, wäre er nicht in der Lage ihr zu helfen. Sie blickte auf seine Hand und er merkte, dass er ihren Arm mittlerweile festhielt.
„Bitte!“ Ihre nassen, blassblauen Augen flehten ihn geradezu an. Mit einem Seufzen ließ er sie los.
„Gut. Ich laufe auch noch eine letzte Runde. Aber wenn ich in den Hubschrauber steige, kommst du auch. Ich will dich nicht mitten in der Wildnis ohne Schutz umherirren lassen, während mich die Sonne hier drin einsperrt.“
Er reichte ihr seine Hand, als sie ausstieg.
Quint beugte sich von hinten aus dem Heli und warf Sarah einen finsteren Blick zu.
„Für deinen Bruder hättest du das auch getan, Quint“, wehrte sich seine Frau ganz ungewohnt.
Quints Gesichtsausdruck wurde bitter, die Hände ballten sich zu Fäusten. Seine Sarah hatte ihm damit einen Schlag unter die Gürtellinie verpasst. Er vermutete, dass es ihr jetzt schon wieder leidtat, aber es zeigte Wirkung, denn mit einem Knurren verschwand der rothaarige Vampir zwischen den Bäumen.
Eine letzte Runde. Für Sarah und für seinen besten Freund.
Auf dem Rückweg zum Hubschrauber alarmierte ihn der schwache Geruch von getrocknetem Blut und er folgte der Spur.
Als er gleich zwei nahezu leblose Körper fand, staunte er nicht schlecht. Er richtete sich kurz auf und rief die anderen. Dann beugte er sich zu John herunter, der wirkte, als würde er jeden Moment das Bewusstsein verlieren.
„Hey, John, Kumpel. Du siehst echt beschissen aus. Was soll das werden? Eine Romanze, sterbend im Sonnenaufgang?“
Einen Moment später stand Quint neben ihm und fluchte beim Anblick der Unbekannten. „Eine Frau? Scheiße, was ist denn hier los? Romeo und Julia?“
John schien kaum noch zum Sprechen fähig zu sein und krallte sich an seinem Arm fest. „Elia, schwör mir, dass du die Frau mitnimmst und dich um sie kümmerst. Sie hat wahrscheinlich innere Blutungen.“
„Hey, Mann – wir können die Frau nicht mitnehmen. Du kennst die Regeln, keine Fremden im Hauptquartier.“
Verzweifelt zog ihn sein Freund näher zu sich heran.
„Du bist mir das Leben deiner Gefährtin schuldig, Elia. Ich fordere diese Schuld jetzt ein. Du nimmst sie mit zu uns, schwöre es!“
Elia seufzte, doch dann straffte er die Schultern und legte kurz die Faust auf sein Herz. „Ich schwöre es, beim Leben meiner Frau, das du gerettet hast.“
Sobald sein Freund den Schwur hörte, sank er erleichtert zurück und verlor das Bewusstsein.
Prüfend schweifte sein Blick über die Frau. „Scheiße, Kumpel. Deiner Schönheit geht es aber gar nicht gut.“
Schwer atmend traf nun auch seine Frau ein. Der Anblick der beiden Schwerverletzten ließ sie erstarren. Er sah, dass ihre schlanke Gestalt zu zittern begann.
„Oh mein Gott, leben die zwei überhaupt noch?“
Wieder seufzte er, wusste schon jetzt, was John und ihm bevorstand.
„Ja, Sarah, gerade noch so. Wir nehmen sie mit. Beide.“
Sarah legte ihre andere Hand leicht auf seine Schulter.
„Elia, wir müssen uns beeilen, die Sonne geht jetzt auf!“
„Ich weiß, Schatz, wirf den Rotor schon mal an.“
Während Sarah bereits davoneilte, kümmerte sich Quint um John und trug ihn im Laufschritt zum Hubschrauber.
Er selbst nahm die Frau so vorsichtig wie möglich auf die Arme und brachte sie ebenfalls zur nahen Lichtung, wo Sarah bereits am Steuer des Helikopters wartete.
Der große Hubschrauber war für Vampire umgebaut worden. Er verfügte über einen abgetrennten Passagierbereich mit spiegelnden Metallfolien an den Scheiben. Dieser Schutz war lebensrettend, denn beim Einsteigen erreichten ihn bereits die ersten Sonnenstrahlen und verbrannten ihm vor dem Schließen der Tür noch die Hand.
Drinnen hüllte er die Schwerverletzte vorsichtig in zwei Decken. Dabei wurde ihm wieder deutlich vor Augen geführt, wie verwundbar Menschen waren. Durch die dunkle Scheibe blickte er nach vorn zu Sarah.
Durch einen Autounfall bei Tageslicht hätte er sie fast verloren. Elisabeth, Johns Gefährtin, hatte neben ihr gesessen und nicht überlebt.
Sarah war ein Mensch und deshalb zerbrechlich, aber gleichzeitig die Einzige, die jetzt bei Sonnenlicht noch in der Lage war, den Hubschrauber zu fliegen. Denn trotz gegenteiliger Mythen, wurde man durch einen Biss nicht zum Vampir. Vampire wurden geboren und waren ausnahmslos männlich. Weibliche Nachkommen blieben ganz und gar Mensch, waren aber zu einer einzigartigen Symbiose mit Vampiren fähig, ebenso wie ganz, ganz wenige andere Frauen in der Bevölkerung auch. Allein diesen Frauen war es möglich, mit einem Vampir eine Symbiose einzugehen und dessen lebenslange Gefährtin zu werden. Der Vampir schenkte seiner Frau dabei immer wieder sein Blut. Dieses Vampirblut verlieh der Gefährtin eine Zeit lang die Fähigkeit, jede Zelle ihres Körpers zu regenerieren. Aber das geschah längst nicht in der Geschwindigkeit wie bei den Vampiren selbst, weshalb sie der weitaus zerbrechlichere Part in einer Symbiose waren.
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