1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Während er tief Luft holte, machten schwarze, bauchige Thermoskannen und eine Dose mit salzigem Knabberkram die Runde. Mit zittrigen Händen wurde Kaffee nachgeschenkt und zugegriffen, geräuschvolles Schlürfen und Kauen.
Fressen und gefressen werden. Mir kam es vor, als würde sich dieses altbewährte Ausschlussprinzip in diesem Moment aufheben. Während wir massenweise Salzbrezeln und Kräcker in uns hineinstopften, wurden wir lebendig verspeist.
Als die Faust des Menschenfresserhäuptlings urplötzlich auf den großen, runden Tisch donnerte, schwappte Tee und Kaffee über, selbst mir, der ich inzwischen relativ schmerzfrei war, was die Machtspielchen des Pornopaten anging, fielen vor Schreck ein paar Krümel des staubtrockenen Gebäcks aus der offenen Kinnlade.
„Hat hier keiner einen halbwegs vernünftigen Vorschlag? Für was bezahle ich euch unkreative Sesselfurzer eigentlich?“
Jetzt erwachte die Versammlung aus dem Halbschlaf, geschäftig blätterte man in dicken Ordnern. Ich fühlte mich nicht angesprochen, als ausführendes Organ lagen weitreichende Konzepte nicht in meinem Verantwortungsbereich. Also schloss ich meine Augen und träumte mich weg. Aus Erfahrung kannte ich die Prozedur in- und auswendig, die als nächstes auf dem Programm stand, die monatliche Machtdemonstration.
„Meint ihr im Ernst, dass ihr in euren Unterlagen irgend etwas findet, von dem ich noch nichts weiß?“
Da war er wieder, der allwissende Pornopate. Ich verkniff mir ein zynisches Grinsen und war heilfroh, dass ich in meiner Rolle als Künstler und Vorzeigeregisseur der Produktionsfirma eine gewisse Narrenfreiheit besaß und in Momenten wie diesen so tun konnte, als ginge mich der ganze Zirkus rein gar nichts an.
Elektrisierte Spannung breitete sich aus, hinter meinen geschlossenen Lidern konnte ich die Atmosphäre im Raum knistern hören. Ich sah es förmlich vor mir, wie sie da im Kreis saßen, die kreativen, überbezahlten Pornographen, und sich gequält bogen unter dem eisigen Schweigen und stechenden Starren ihres Bosses. Wie sie verzweifelt versuchten, sich der Reichweite seiner Pupillen zu entziehen, die unerbittlich in ihr Nervenkostüm stachen wie spitze Nadeln. Unscheinbare, aber überaus wirkungsvolle Folterinstrumente, die langsam, wie der Lichtstahl eines Leuchtturms, die Runde machten und jeden Einzelnen ausführlich ins Visier nahmen.
Es war kein Mucks zu hören. Die Stimmung im Raum als Totenstille zu umschreiben, wäre nicht übertrieben gewesen. Gebannt hielten die Schreibtischtäter den Atem an und stellten sich tot. Ich sah sie vor mir, wie ihre Blicke eingeschüchtert nach einem unverbindlichen Anhaltspunkt suchten, wie sie von den schwarzen Thermoskannen zu den Keksdosen und wieder retour eierten. Alles war besser als ein direkter Blickkontakt mit der dunklen Macht.
Denn jeder von ihnen wusste nur zu gut, was das bedeutet hätte. Wer in diese Augen sah, der lernte das Fürchten und badete ins Eis.
Wenn Blicke töten könnten...
Mir schien es so, als wären seine durchaus dazu imstande. Stechende Blicke, die seinem Gegenüber bis ins Mark drangen, um ihm das Leben auszusaugen.
„Also Folgendes... .“
Als ob ein barmherziger Samariter eine große Tür geöffnet und die Sonne hereingelassen hätte.
„...würde ich vorschlagen.“
Die versammelten Herren atmeten erleichtert aus. Auf dieses Zeichen hin öffnete ich meine Augen und landete wieder im Konferenzraum.
„Wie heißt die Kleine noch? Die, die so natürlich und unverbraucht wirkt vor der Kamera?“
Ein ganz Eifriger meldet sich zu Wort.
„Nadja.“
„Genau, die meine ich. Ich habe das Material gesichtet. Sie ist ein Rohdiamant, wunderbar ungeschliffen. Ihren Manager habe ich auch schon kontaktiert, bis auf einige Details ist eigentlich schon alles in trockenen Tüchern. Ich habe ihn bei der Gelegenheit beauftragt, ein paar neue Nadjas aufzureißen. Der Typ ist zwar ein ausgemachter Schwachkopf, aber als Fischer hat er ein gewisses Talent. Er hat einen guten Riecher für Mädchen, die danach schreien geopfert zu werden.“
Er grinst selbstzufrieden. Die Angelegenheit entwickelte sich ganz nach seinem Geschmack. Zögerlich stahl sich auch ein erstes vorsichtiges Lächeln auf die Gesichter seines Publikums.
„Jetzt brauchen wir unbedingt einen unmissverständlichen Titel, damit die Kunden auch gleich wissen worum es geht und, dass unser Produkt ihre geheimsten Wünsche erfüllt. Knallharte Vergewaltigungen am laufenden Band. Selbstverständlich ist das alles Fake, nur gestellt. Aber mit dem gewissen Etwas, was die Sache realistischer erscheinen lässt. Deshalb werden wir diese Nummern auch nicht mit den abgefuckten Altprofis als Opfern drehen, denen kein Schwein ihre Tränen und Angst abkauft. Einfach schon aus dem Grund, weil sich jeder unserer Kunden schon ein Dutzend mal auf sie einen heruntergeholt hat und deren gelangweilte Visagen allmählich satt hat. Das künstliche Gestöhne, diese ganze hundsmiserable Schauspielerei....“
Verschwörerisch blickt er in die Runde und senkt seine Stimme.
„Nein, was wir brauchen sind naive, eingeschüchterte Mädchen, unbedarftes Frischfleisch à la Nadja. Sehr junge Frauen, denen man die Verzweiflung ansieht und abnimmt, einfach, weil sie echt und authentisch ist. Und dann stellen wir mit denen die Dinge an, die sonst nur die Nutten mitmachen. Das volle Programm, das alles beinhaltet, wovon Männer heimlich träumen. Gang-Bang-Massaker mit jungfräulichen Drei-Loch-Stuten sozusagen...“
Während mir allmählich mulmig wurde, redete sich der Pornopate zunehmend in Rage, er schien voll in seinem Element zu sein. Die kalten Stahlaugen fingen plötzlich an zu leuchten und ein schwärmerischer Zug trat in sein ansonsten eher wächsern wirkendes Gesicht.
„...Anal-Fisting, Ultra-Deep-Throat, Anpissen und als Dreingabe noch ein bisschen Sadomaso für Anfänger. Schläge bis die Arschbacken glühen. Da bleibt kein Wunsch unerfüllt und sei er auch noch so extravagant.“
Allmählich begann ich zu ahnen, worauf dieser Wahnsinn hinauslief. Mir blieb sie Spucke weg. Dem Pornopaten wohl auch, kein Wunder, so enthusiastisch hatte ich ihn vorher noch nie vom Leder ziehen sehen. Mit einem lauten Plopp öffnete er eine Flasche Mineralwasser.
„Ich weiß, das ist im Prinzip alles nichts Neues...“
Er hob seinen spitz zulaufenden, sorgsam manikürten Zeigefinger und stach mit einer heftigen Aufwärtsbewegung himmelwärts, als wollte er da oben jemandem ein Auge ausstechen.
„Der kleine, aber feine Unterschied ist, wir veranstalten all diese herrlichen Sauereien mit blutjungen Fotzen, die so rüberkommen wie Jungfrauen, die wir am Tag zuvor aus ihrem Kinderzimmer entführt haben.“
Mit diesem grenzwertigen Satz goss er sich so stürmisch ein, dass das Sprudelwasser über den Rand des Glases schäumte. Und das ihm, der sonst jede Handbewegung überaus korrekt ausführte, der so pedantisch in jeder seiner Gesten war, dass sie schon fast wie einstudiert wirkten. Wie die Bewegungsabläufe einer fleischgewordenen Maschine...
Diese Assoziation brachte mich auf eine seltsame Idee. Wäre es nicht möglich, dass diese graue, gruselige Eminenz gar kein lebendiges Wesen, nicht aus Fleisch und Blut war, sondern ein ferngesteuerter Automat, der von finsteren Mächten aus einem höllischen Jenseits gesteuert wurde?
„Tobt euch nur aus, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vorschläge sind willkommen. Hautsache, das Ganze wirkt schön brutal und authentisch. Und natürlich muss alles absolut legal ablaufen, da sichern wir uns ab. Ich habe unseren Anwalt schon informiert. Die Darstellerinnen unterschreiben vor den Aufnahmen einen Vertrag, in dem sie erklären, dass sie freiwillig bei dem Dreh mitgemacht haben und ihnen keine Gewalt angetan wurde.“
Ein breites Schmunzeln machte die Runde. Jetzt waren die Sesselfurzer und der Häuptling wieder Verbündete. Beim Thema Vergewaltigung und Jungfrauen fanden sie ihren gemeinsamen Nenner.
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