einer dieser Momente, in denen der bunte Schleier des Alltags kurz vom Gesicht der Lebens rutscht. Eine dieser raren Gelegenheiten, in denen ich hinter die Kulissen der irdischen Existenz blicken darf. Auf diese Erfahrung kann ich mich nicht vorbereiten. Und ich weiß, dass ich jetzt all meinen Mut zusammenzunehmen muss, wenn ich diese flüchtigen Eindrücke festhalten und ergründen will.
Meine Neugier oder meine Furcht vor dem Unbekannten, welcher von diesen beiden Impulsen gewinnt die Oberhand? Denn ich bin nicht zum Abenteurer geboren. Wenn es wirklich ernst wird, pflege ich zu kneifen und bin froh, wenn der Kelch der Wahrheit an mir vorüberzieht. Meistens bin ich froh, wenn diese düsteren Traumbilder wieder in den tiefen Falten meines Gedächtnisses verschwunden sind.
Doch dann ertaste ich unversehens den losen Traumfaden, der geduldig vor meiner Nase baumelt und ziehe wagemutig an ihm. Einer nach dem anderen erscheinen dunkle Gestalten auf der Bildfläche, die unter der verspiegelten Oberfläche meines Bewusstseins an unsichtbaren Fäden ziehen. Meister der Manipulation, die sich im Alltag als Menschen tarnen und selbst in der Welt der Träume und Geister ihr wahres Gesicht hinter Masken verbergen.
Fleißig und gut organisiert wie Termiten sammeln sie pausenlos Macht über andere und wickeln sie ein in einen Zustand sklavischer Abhängigkeit.
Eine Vorstellung, bei der mir eine kalte Gänsehaut über den Rücken läuft. In meinem Bauch rotiert ein großer, grauer Eisklumpen, geformt aus Angst.
Denn plötzlich sehe ich sie glasklar vor mir. Die Meister der Manipulation, die mich an unsichtbaren Fäden dirigieren.
Genau das geschieht hier an jedem einzelnen Tag auf diesem verdammten Pornodreh. Wir verwandeln uns allmählich in Leibeigene. Das Schlimme ist, dass wir eigentlich ganz genau wissen oder zumindest spüren, was mit uns geschieht. Doch aus Furcht, uns den Tatsachen zu stellen, machen wir auf ahnungslos und stellen uns vorsätzlich dumm.
Ich frage mich, was denen wohl wichtiger ist. Die fleischliche Hülle namens Mensch oder die Seele, die im durchgefickten Körper eines namenlosen Darstellers wohnt?
Sind diese Menschenfresser auch Seelenfresser? Sind sie es, denen ich meine Seele verkaufe? Ist diese ganze Pornoindustrie vielleicht nur die Kulisse für etwas ganz anderes? Für eine groß angelegte Hetzjagd auf orientierungslos durch die Welt taumelnde Seelen?
Im Frühstücksraum
herrschte ein wildes Durcheinander, Hauen und Stechen am Buffet. Der Tonmann organisierte sich gerade englisches Frühstück, ein nach ranzigem Fett stinkender Berg von Rührei, Speck und Würstchen. Allein von dem Geruch, verging mir schlagartig der Appetit. Als ich vorsichtig an meinem Kaffee nippte, hatte ich starke Schluckbeschwerden und mein Hals fühlte sich merkwürdig geschwollen an.
Dieses Unwohlsein rief mir einen weiteren Traum der letzten Nacht in Erinnerung. Nur einen winzigen Ausschnitt daraus, ähnlich des Witterns eines unangenehmen Geruchs. Ein diabolisches Fragment.
Mitten in der Nacht stank es plötzlich penetrant nach Schwefel. Ein bleischweres Gewicht lag auf mir und drückte mich tief in die Matratze meines Bettes. Eine gallertartige, schwammige Substanz, aus deren unförmiger Mitte heraus ein schwarzer, undeutlicher Schemen, unerbittlich wie ein Schraubstock, meinen Kopf umklammerte und einen harten Gegenstand in meinen Mund zwängte. Ihn derart brutal tief in meine Kehle schob, als versuchte er mein Gehirn zu pfählen.
Wie diese grausame Geschichte endete, erschloss sich mir leider nicht. Oder Gott sein dank...
Ich ließ mir nichts anmerken und schlürfte gequält lächelnd den lauwarmen Kaffee, um mein säuerlich aufkeimendes Gefühl von Übelkeit im Schach zu halten.
Nebenbei bemühte ich mich, mir einen Reim auf diese, wie eine Vergewaltigung anmutende, Szene zu machen. Konnte es sich bei diesem Albtraum eventuell um den verzweifelten Versuch meines Unterbewusstseins handeln, den gestrigen, spontanen Dreh mit den beiden Frischlingen zu verarbeiten?
Wie hieß die Kleine noch mal, der am Abend zuvor so übel mitgespielt wurde? Nadja?
Als ich mich verstohlen umblickte, entdeckte ich ein paar Tische weiter die junge Frau, die Manfred zum Deep-Throat genötigt hatte. Sie sah leichenblass und übernächtigt aus, stocherte lustlos in ihrem Müsli und machte eine angestrengt gute Miene zum bösen Spiel.
Widerwillig gestand ich es mir ein. Sie tat mir leid.
Aus Erfahrung wusste ich, dass sich jede Art von Mitgefühl an einem Pornoset ganz fix zu einem Luxusproblem auswachsen konnte. Trotzdem lag mir erneut eine Botschaft auf der Zunge. Ich wollte ihr etwas mitteilen, tat es aber nicht.
Gestern haben alle diese fiesen Stecher gecheckt, dass du deine Gefühle nicht im Griff hast. Sie haben deine Angst und dein Ausgeliefertsein gerochen. Deine Angst vor deinem Zuhälter und auch vor dem, was im Rahmen des Drehs auf dich zukommen wird.
Die Meute hat Witterung aufgenommen. Dein sichtbarer Schmerz, dein unverhülltes Leid ist das Licht, auf das diese Bestien gewartet haben. Ab jetzt umkreisen dich die Motten des Missbrauchs. Und so schnell wirst du sie nicht wieder los. Jetzt will die Elite der besonders kranken Arschficker mit dir drehen. Sie sind ganz scharf darauf, dich zu quälen und sich auf deine Furcht einen abzuwichsen.
Nach und nach werden sie dich totficken. Denn darin haben sie jede Menge Übung. Sie sind die Profis unter den Killerfickern.
Liebe Nadja, du solltest wissen, dass eine junge, schöne Frau mit echten Gefühlen, besonders denen des hilflosen Schmerzes, das absolute Highlight jeder Pornoproduktion ist.
Ihr Status
der Verletzlichkeit hatte inzwischen die Runde gemacht. Auch die Motten des Missbrauchs verfügten nämlich über einen gut funktionierenden Buschfunk und ihre Trommeln hatten eine große Reichweite. Ihre Botschaft reichte bis hinauf an die Spitze eines Eisberges und klingelte zuckersüß im Ohr eines eiskalten Mannes, eines skrupellosen Geschäftsmannes. Er stand in dem Ruf, einer jener gnadenlos gewinnorientierten Geschäftsmänner zu sein, die über Leichen gehen. Sie pflasterten seinen Weg.
Am ersten Montag nach Produktionsende fand mal wieder die monatliche Chefvisite statt. Zeit für eine gründliche Bestandsaufnahme und notwendige Feinjustierungen. Da wurden in trauter Männerrunde die Weichen gestellt für das zukünftige Late-Night-Programm der pornosüchtigen Kundschaft. Monster, Mumien, Mutationen...
„Nadja, so so. Die soll ja ein echter Rohdiamant sein.“, sagte er durch den schmalen grinsenden Schlitz in seiner unteren Gesichtshälfte. Sein Grinsen war sehr dünn, wie mit einem scharfen Rasiermesser ins Gesicht geschnitten. Er lächelte, ohne die Mundwinkel zu heben, ohne jede sichtbare Regung, weder innerlich noch äußerlich.
Jeder im Konferenzraum wusste, dass diese Grimasse nichts mit guter Laune zu tun hatte. Sie glich eher dem Zucken der Lefzen eines Raubtieres, das ein schmackhaftes Opfer ausgespäht hatte und nun zum Sprung ansetzte.
Denn er hatte die Lizenz zum Jagen und Töten, und er besaß das Privileg, als als Erster aus dem hungrigen Rudel seinen Appetit zu stillen. Schließlich war er der Häuptling der Menschenfresser und hielt sich für das obere Ende der Nahrungskette.
„Das ganze Standardprogramm liegt wie Blei in den Lagern. Mit diesem langweiligen Einheitsbrei kann man heutzutage keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Macht endlich die Augen auf! Unsere Konkurrenten zeigen uns, was die Kunden wirklich wünschen. Sie wollen an die Hand genommen und an ihr Limit geführt werden, und anschließend weiter darüber hinaus. Sie wollen die Grenze des guten Geschmacks überschreiten. Von nett gevögelten Friseusen und Hausfrauen kriegt heute doch kein Schwanz mehr einen hoch.“
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