An die rechtsseitige Finsternis gewöhnte sich Frieda ebenso überraschend schnell. Vom Krankenbett aus visierte sie mit dem linken Auge alle möglichen Details an: Kanten, Risse, Flecken, Lichtspiegelungen. Sie bestaunte all die Dinge, die sie im Normalzustand gar nicht wahrgenommen hätte. Überhaupt fühlte sich Frieda als Patientin unerhört wohl. Sie war auf Distanz zu ihren Eltern und dem Abistress, wenigstens für eine Weile. Sie hatte Zeit für sich, bekam Besuch von ihren Freunden und pimpte ihre Mahlzeiten mit mitgebrachten Snacks. So frei wie im Krankenhaus war sie schon lange nicht mehr gewesen.
»Ich hab’ sogar ein neues Gedicht geschrieben«, verkündete sie Jana beim Spaziergang durch den Klinikpark.
Jana: »Hast du’s dabei?«
Frigga: »Zufällig ja.«
Jana: »Bin ganz Ohr.«
Frigga: »Aber nicht lachen! Es ist sentimental. Ich stand unter Drogen.«
Jana: »Ich kenn’ doch dein wahres Ich.«
Frigga: »Also gut, ich verlese ...
Der Name der Gesichtsrose
Im Körper wohnt der Geist, vielseitig und still,
wie ein Schatz aus Büchern in einem Kloster.
Doch schlummert auch ein Virus namens Zoster
wie Gift an den Seiten, die ich lesen will.
Wenn das Chaos der Welt in das Kloster dringt,
sieht der Zoster die Zeit herangekommen,
dann steigt er aus den Tiefen, erst verschwommen,
bis er fern der Mauern die Dunkelheit bringt.
Mir scheint, dass zu leben mit Schmerz getränkt ist.
Schönheit und Verfall gehören zusammen.
Auf dass der eitle Mensch das niemals vergisst.
Und steht selbst die Bibliothek in Flammen,
wahrt unbrennbar den Schatz noch der Humorist,
der ahnt, welcher Welt wir wirklich entstammen.
Fertig.«
Jana: »Ja, nicht schlecht, für einen Mathe-LKler. Hast du ein Sonett geschrieben?«
Frigga: »Wenn du es bestätigst, dann muss es tatsächlich ein Sonett sein.«
Jana: »Reimschema dürfte passen. Die Metrik holpert etwas, aber ich will mal ein Auge zudrücken ... verdammt, das hab’ ich nicht so gemeint!«
Frigga: »Schau mir ins Auge, Kleine!«
Jana: »Ein Glück, dass der Humorist in deinem Sonett vorkommt. Hab’ ich das richtig verstanden, dass du jetzt auch eine andere Welt hinter der sichtbaren für möglich hältst?«
Frigga: »Wie gesagt, ich stand unter Drogen.«
Jana: »Na klar, mein Einauge.« Sie nahm Frieda in den Arm.
Das war in aller Kürze die Geschichte, wie Frieda kaputtging. Es dauerte noch eine Weile, bis sie ihren Namen in Frigga änderte. Eher zufällig stolperte sie bei ihren Recherchen zur Einäugigkeit über den schwedischen Siebziger-Jahre-Streifen, der je nach Version auch »They Call Her One Eye« genannt wird. Die Hauptfigur heißt entweder Madeleine oder Frigga, alles etwas verwirrend. Frigga passte aber ganz gut, weil Frieda nur »ed« durch »gg« ersetzen musste und der Anklang nordischer Mythologie ein kühles, kraftvolles Echo nach sich zog: Frigg oder Frigga als höchste Göttin, die Gemahlin Odins, der wiederum ein Auge für einen Schluck aus Mimirs Brunnen der Weisheit geopfert hatte. Passte doppelt gut.
»Unter den Blinden ist die Einäugige Königin«, amüsierte sich Steffen, nachdem Frieda aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ihre neue Asymmetrie beeindruckte ihn, und es war nicht leicht, Steffen zu beeindrucken. Thomas begann, viele Fragen zu stellen: Wie sich das anfühle. Antwort: Komisch. Ob sie ein Glasauge bekomme. Antwort: Nein. Ob sich das Auge noch mitbewege. Antwort: Ja. Ob sie noch dreidimensional sehen könne. Antwort: Kaum. Ob sie das Märchen »Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein« der Brüder Grimm kenne. Antwort: Vage. Ob sie sein Taschenteleskop benutzen wolle. Antwort: Okay. So äußerte er seine Anteilnahme. Jana übertrieb es zunächst mit ihrer Fürsorge, nahm Frieda beim Überqueren jeder Straße an die Hand, beinahe so, als wäre sie komplett blind. Aber das pendelte sich ein, und schon bald waren die vier enger denn je miteinander verbunden. Eine Einheit, die scheinbar nichts auf der Welt trennen konnte.
»Drei Sitzplätze, ja?«, fragt Christine an ihrem Platz im Reisebüro. Der Monitor zeigt eine Verbindung mit Ryanair von Frankfurt-Hahn nach Glasgow-Prestwick an.
»Ja«, antwortet Jana mit einem Ächzen, weil es nicht vier Sitze sind. Ohne ihre Mutter wäre aus dem spontanen Reisevorhaben womöglich nichts geworden. Dank Christine gibt es nun einen Hin- und Rückflug, einen Reiseführer für die Highlands, eine Stadtkarte für Edinburgh, eine Landkarte für ganz Schottland und sogar wesentliche Campingutensilien: ein Doppelzelt für Jana und Frigga, Schlafsäcke und Isomatten für alle drei.
Christine: »Der Flieger scheint ziemlich voll zu sein. Ihr müsst vielleicht separat sitzen, aber ihr könnt vor Ort euer Glück probieren, oder ich rufe morgen ...«
Jana: »Schon gut, Mum, wir kommen klar. Der Flug dauert doch nicht lange. Danach haben wir viel Zeit zusammen.«
Christine: »Prima, dann buche ich das jetzt ein. Auf meine Kreditkarte.«
Jana: »Das muss echt nicht sein!«
Christine: »Doch! Ihr habt noch die Bahnfahrten, das Shuttle, den Megabus und mehr zu zahlen. Schottland ist teuer, und ich will, dass ihr euch eine schöne Auszeit macht. Die letzten Tage waren schwer genug.«
Jana: »Danke, das werden wir.«
Christine: »In dem Reiseführer findest du auch eine Beschreibung des West Highland Ways. Ihr müsst immer auf das Distel-Symbol achten, das euch den Weg weisen wird. Die Distel ist übrigens die Nationalpflanze der Schotten. Steht alles im Führer.«
Jana: »Schon gut, Mum. Lese ich in der Bahn oder im Flugzeug.«
Christine: »Dabei fällt mir ein, dass wir bei den ganzen Campingsachen im Keller noch die gute Thermosflasche haben müssten, und Reisebesteck, und die alte Stirnleuchte. Ob die noch geht?«
Jana: »Das muss ich alles mitschleppen?«
Christine: »Teilt euch die Sachen am besten auf. Ihr habt ja einen starken Mann bei euch.«
Jana: »Jetzt nicht fies werden.«
Christine: »Na, der Thomas kann schon was tragen. Apropos fies: Wir müssen vor der Abfahrt unbedingt noch zur Apotheke, Mückenspray gegen die fiesen Midges kaufen. Die Sandmücken sind zwar kleiner als unsere Stechmücken, treten aber in Massen auf. Was das betrifft, verreist ihr leider in der schlimmsten Jahreszeit. Von Berufs wegen müsste ich euch davon abraten.«
Jana: »Wird schon gehen. Frigga raucht ja, das hat draußen beim Schlupf immer geholfen.«
Christine: »Das Spray kaufen wir trotzdem! In der Apotheke können wir euch gleich noch ein Erste-Hilfe-Set besorgen. Ihr werdet euch verletzen.«
Jana: »Dann reicht’s aber, Mum.«
Christine: »Gut, mein Schatz. Weißt du, als Backpacker seid ihr etwas ganz Besonderes. Ihr befindet euch im unmittelbaren Austausch mit der Landschaft und den Leuten, die ihr trefft. Ihr seid ein wandelndes Zeichen für Naturverbundenheit, Weltoffenheit und Friedfertigkeit. Euch werden viele freundliche Gesichter begegnen. So habe ich das früher oft erlebt.«
Jana: »Klingt gut.«
Christine und Jana – Alleinerziehende und Einzelkind, eine enge Dyade, manchmal zu eng, wie Jana findet. Ihr Vater ist schon vor langer Zeit nach Dresden gezogen, um eine Alternativfamilie zu gründen. Zwischenzeitlich gab es die hochnotpeinliche Affäre mit Kai. Vor gut zwei Jahren machte Christine aber mit ihm Schluss und brach damit auch einen Bann zwischen Jana und Frigga.
Jana hat sich vorgenommen, eine verantwortungsvolle Reiseleiterin zu sein. Christines Gene sind eine gute Basis dafür, ebenso Janas Sprachbegabung. Die angehende Anglistik-Magistra war immerhin schon mal in London. Der Gedanke an das schottische Sightseeing lässt ihr Herz höher schlagen. Sie hat sogar überlegt, zwischen Skye und Edinburgh eine Übernachtung am Loch Ness einzubauen. Andererseits: Der Zeitplan ist bereits sportlich, und sie will Friggas Dramaturgie nicht weiter strapazieren. In erster Linie ist es die Reise ihrer Freundin, die Steffen weitaus näher stand.
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