Und dann hatte sie sich endlich dazu durchringen können, Hilfe anzunehmen und wäre deswegen fast gestorben. Das Grauen der letzten Tage würde sie ihr ganzes Leben lang verfolgen. Daria schloss hastig die Augen und versuchte, die Bilder abzuschütteln. »Mir geht es gut.«
Rogue nickte, stand auf, öffnete eine seiner Satteltaschen und zog ein Shirt heraus. Er warf es ihr zu. »Zieh deine Sachen aus, die sind feucht. Ich häng deine Kleidung über den Ast dort«, sagte er in einem Befehlston, der keinen Widerspruch zuließ.
Daria sah unsicher an sich runter. Nicht, dass sie ein Problem damit hatte, sich vor Männern auszuziehen, aber sie hatte noch immer keine Lust auf schockierte Blicke und unangenehme Fragen. Und sie hatte ein Problem mit seinem Befehlston. So würde sie nicht mehr mit sich umspringen lassen. »Danke, sie werden schon trocken«, entgegnete sie trotzig und funkelte ihn bedrohlich an. Er sollte ihr ansehen, dass sie sich nichts sagen lassen würde.
»Scheiß drauf, werden sie nicht. Her damit, hab ich gesagt. Ich hab schon eine Menge nackte Weiber gesehen, also keine Angst, du hast nichts, was ich nicht schon gesehen habe«, knurrte er, wandte sich dann aber von ihr ab. »Ich schau auch nicht hin. Raus aus den Sachen und rein in den Schlafsack.«
Daria schnappte nach Luft. Sie wollte etwas sagen, aber bei dem Blick, den er ihr zuwarf, schluckte sie es lieber runter. Dieser Mann war es eindeutig gewohnt, Befehle zu erteilen. Und Daria war sich nicht sicher, wie sie damit umgehen sollte. Es verängstigte sie, lockte aber auch ihren Trotz hervor. Den Trotz, der ihr bei Manuel so manchen blauen Fleck eingehandelt hatte. Unentschlossen rutschte sie hin und her, entschied sich dann aber doch dafür, die feuchte Kleidung auszuziehen, denn sie fror und wollte diesen Biker nicht noch wütender machen. Schlimm genug, dass sie auf ihn angewiesen war.
Im Moment war er zwar ein Übel, aber das einzige Übel, das ihr hier raushelfen konnte. Sie selbst hatte nämlich keine Ahnung, wo genau sie sich befand. Selbst wenn sie laufen könnte, würde sie wohl so lange durch diesen Park irren, bis sie verdurstet oder verhungert zusammenbrechen würde. Und sie war ihrem Peiniger nicht entkommen, um jetzt mitten in der Wildnis draufzugehen. Nicht draufgehen beinhaltete auch, nicht an Unterkühlung, einer Lungenentzündung oder sonstigen Dingen zu krepieren, die einem mitten in einem riesig großen Park wie diesem eben so passieren konnten.
Sie schlüpfte aus ihrer Kleidung, den Blick auf den breiten Rücken des Bikers gerichtet, auf dessen Kutte ein keltisches Kreuz mit Schädeln zwischen zwei Schriftzügen zu sehen war, auf denen › Helldogs ‹ und › Tolosa ‹ stand. Als der Club hier ankam, stand auf dem unteren Patch noch › Glasgow ‹ . Die ganze Stadt rätselte seither, was die Schotten nach Spanien und ausgerechnet in ihre Kleinstadt getrieben hatte.
Sie schlüpfte in das schwarze, ausgewaschene Shirt, auf dessen Brust dasselbe Logo prangte, dann kroch sie so schnell es ging in den Schlafsack, damit er die blauen Flecke auf ihren Oberschenkeln nicht sehen konnte. Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihre Handgelenke, um die herum sich dunkelrote Ringe mit Abschürfungen gebildet hatten, und seufzte. Ihre Bluse war langärmlig und hatte dieses Problem gut verborgen. Sie schob die Hände mit in den Schlafsack und hoffte, dass das Feuer bald erlosch, damit es dunkel genug wäre, damit er nichts mehr sehen konnte, was ihn dazu veranlasste, sie zu befragen. Sie wüsste nicht, wie sie ihm diese Dinge, die sie selbst kaum glauben konnte, erklären sollte. Wenigstens war ihr sein Shirt um so vieles zu groß, dass die kurzen Ärmel ihre Arme gut verdeckten.
»Bist du fertig?«
»Äh … ja, klar. Tut mir leid. Du kannst dich umdrehen.«
Er wandte sich zu ihr um, kam näher und bückte sich nach ihrer Kleidung. Sein Haar wurde vom Schein des Feuers angeleuchtet, was ihm etwas noch Engelhafteres verlieh. Diese unschuldig wirkenden Haare standen in so starkem Widerspruch zu seinem sonst rauen, sehr männlichen und gefährlich wirkenden Äußeren, dass Daria verwirrt blinzeln musste, als ihr Blick von dem Lichtkranz um sein Haar auf sein strenges Gesicht fiel. Daria schätzte ihn auf etwa vierzig Jahre. Damit dürfte er gut sechzehn Jahre älter sein als sie. Trotzdem reagierte ihr Körper auf ihn, auf sein Äußeres, seine Blicke, mit denen er sie musterte, mit einer ihr höchst unwillkommenen Hitze und Nervosität. Dass er mit ihrer Kleidung in der Hand vor ihr stand, verursachte ein Flattern in ihrem Magen. Es fühlte sich viel intimer an, dass er ihre Kleidung berührte, als sie sich je hätte vorstellen können. Und sein Blick erst, der auf sie gerichtet war und unzufrieden und hart wirkte. Er musterte sie, ihr Gesicht, ihr Haar und alles, was er von ihrem Körper unter dem Stoff des Schlafsacks ausmachen konnte, mit einer Intensität in den stahlblauen Augen, die Daria erzittern ließ. Sein Blick blieb auf dem Logo auf ihrer Brust hängen und seine Mundwinkel zogen sich zu einem Grinsen nach oben.
»Erzähl bloß keinem, dass ich dich die Clubfarben tragen lasse. Besonders nicht den Frauen im Club, wenn du sie mal triffst. Da fangen die nur an Dinge zu sehen, die nicht da sind.«
Daria runzelte verwirrt die Stirn. »Was meinst du?«
Rogue winkte kopfschüttelnd ab. »Nichts Wichtiges. Die Weiber drehen nur gerade etwas durch bei uns im Club. Die sehen überall potentielle Old Ladys für mich.«
»Old Ladys?«
Rogue erhob sich, stieg die Böschung nach oben und hängte Darias Sachen über einen Ast. Dann nahm er einen Rucksack von einem Ast, den er dort befestigt haben musste, und kam wieder zurück. »Unsere Old Ladys sind vergleichbar mit dem, was der Normalbürger eine Ehefrau nennt. Nur nehmen wir die Sache mit den Old Ladys etwas ernster als der Normalbürger.«
»Ernster?«, plapperte Daria nachdenklich nach. Was konnte noch ernster sein als eine Ehe? Sie konnte sich darunter nichts vorstellen.
»Ist kompliziert«, sagte Rogue und setzte sich neben sie auf die Decke. Er hielt ihr ein Sandwich hin, das sie dankbar annahm. Sie konnte sich kaum erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Ihr Magen knurrte sofort laut und vernehmlich.
»Wohl schon eine Weile unterwegs?«, wollte Rogue wissen, aber Daria ignorierte seine Frage einfach und lenkte ihn stattdessen mit einer Gegenfrage ab.
»Warum nennt man dich Rogue?« Sie biss in ihr Sandwich, das mit Tomaten, Salat und kaltem Braten belegt war und das köstlichste Sandwich war, dass sie je zwischen ihre Zähne bekommen hatte. »Hmm«, seufzte sie.
»Ja, wir haben eine ganz anständige Köchin im Club«, sagte er. Er starrte auf die Flammen des kleinen Feuers, das kaum groß genug war, ihre Füße zu wärmen, und warf etwas in die Flammen, pulte in der Erde und warf wieder etwas in die Flammen.
»Den Namen schlepp ich jetzt schon so lange mit mir herum, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, warum mich alle so nennen. Aber ich glaube, mein Vater hat mich so genannt, weil ich früher beim Kartenspielen immer betrogen habe. Im Club hat jeder einen Straßennamen und das ist eben meiner. So ist das bei uns. Wenn wir uns für den Club entscheiden, legen wir unser bürgerliches Leben ab.« Er warf wieder etwas in die Flammen. »Nenn mich trotzdem Rogue, das tun alle.«
Sie biss von ihrem Sandwich ab und nickte, obwohl er sie gar nicht ansah. Sie fühlte sich angespannt so nahe neben ihm. Er machte sie nervös und sie würde nach den Tagen der ständigen Angst dieses Gefühl endlich gerne abschütteln können, aber das ging nicht. Hätte sie nicht einem Pfarrer in die Arme laufen können? Den bürgerlichen Namen ablegen. Straßennamen … Wie komisch das alles klang.
Rogue kaute schweigend, biss von seinem Brot ab und kaute wieder. Er schien völlig in Gedanken versunken, wahrscheinlich merkte er nicht einmal, dass sie ihn misstrauisch unter die Lupe nahm und abzuschätzen versuchte, wie viel Gefahr ihr von ihm drohte, wenn sie die Nacht mit ihm hier mitten im Wald verbrachte. Sie stand seit Tagen unter Daueralarm. Ihr ganzer Körper schien nur noch aus Angst und Entsetzen und Schmerzen zu bestehen. Und wenn er so vor sich hin schwieg, dann half ihr das nicht unbedingt, ihn besser einschätzen zu können. Was wusste sie schon, wie diese Biker drauf waren. Man hörte nie Gutes über diese Motorradclubs.
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