»Polizei, machen Sie sofort die Tür auf«, brüllte ein Mann, noch einmal klopfte es ungeduldig gegen die Tür.
Manuel sah fluchend in Richtung Flur, dann wieder zu Daria, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Magen hielt und heftig nach Luft schnappte. Der Schmerz in ihrem Oberkörper war so überwältigend groß, dass er ihr Tränen in die Augen drückte und ihr den Atem raubte. Sie hatte das Gefühl zu ersticken, gegen eine unsichtbare Barriere anzuatmen. Sie rang verzweifelt nach Luft und brach fast erleichtert zusammen, als sie endlich einen tiefen Atemzug fertigbrachte.
»Das ist deine Schuld«, zischte er. »Auf die Beine mit dir«, befahl er und zerrte sie ungeduldig am Oberarm auf die Füße. Daria schwankte, gehorchte aber, obwohl die Schmerzen, die ihren Körper in Griff hatten, so stark waren, dass sie sich kaum dazu in der Lage fühlte, irgendetwas zu tun, außer sich wimmernd auf dem Boden zu krümmen. »Wehe, du vergeigst das hier«, flüsterte er drohend und starrte sie mit wütendem Blick nieder.
Daria nickte vorsichtig, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und folgte Manuel in den Flur, wo wieder jemand energisch forderte, die Tür zu öffnen. Daria holte tief Luft, straffte die Schultern und atmete zischend ein, als Schmerz sich durch ihren gesamten Körper katapultierte. Manuel legte die Hand auf den Türgriff und sah sie fragend an. Sie nickte und lehnte sich mit der Schulter gegen eine Wand, um möglichst entspannt zu wirken. Aber was sollte das bringen? Bestimmt sah ihr Gesicht aus, als wäre sie gegen Rocky angetreten: rot und blutig und geschwollen. Trotzdem, sie musste das hier gut machen, damit Manuel zufrieden mit ihr war. Warum also nicht behaupten, sie wäre Boxerin? Oder hätte einen Autounfall gehabt? Welche Ausreden hatte sie die letzten Male benutzt?
Manuel öffnete die Tür, ein männlicher Polizist füllte sie mit seiner hochgewachsenen Statur und den breiten Schultern fast komplett aus. Sein Blick blieb sofort auf ihrem Gesicht haften. Obwohl sie in seinen verärgerten Augen sehen konnte, dass er die Situation sofort erfasst hatte, setzte sie ein Lächeln auf, in der Hoffnung, ihm zu signalisieren, dass alles in Ordnung wäre. Er schob sich in die Wohnung, packte blitzschnell Manuels Arm und Handgelenk und drängte ihn mit der Brust gegen die Wand. Seinen Arm verdrehte er ihm auf den Rücken und fixierte ihn so. Hinter ihm kam eine brünette Polizistin in die Wohnung. Sie war so klein, dass Daria sie erst jetzt entdeckte, wo ihr Kollege die Sicht auf sie freigegeben hatte. Sie lächelte Daria freundlich an und blieb vor ihr stehen.
»Ich habe nichts getan«, wimmerte Manuel. Das schien den Polizisten nur noch wütender zu machen, er zog Darias Ehemann ein Stück von der Wand weg und stieß ihn grob wieder dagegen. Der Polizist legte ihm Handschellen an und zerrte Manuel nun an Daria vorbei in das Wohnzimmer zurück, wo Scherben auf dem Boden verteilt lagen, der Tisch verschoben war und auch sonst alles ziemlich deutlich auf das hindeutete, was hier passiert war. Selbst wenn die Unordnung noch auf eine schlechte Haushaltsführung zu schieben wäre, das Blut auf dem Boden war es nicht.
Die Polizistin hielt Darias Oberarm und zwang sie, sich auf das Sofa zu setzen. Manuel wurde von ihrem Kollegen unsanft in den Sessel gestoßen.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte die Polizistin, die schwanger zu sein schien. Unter ihrer Uniform wölbte sich mindestens ein Sechsmonatsbauch. Daria wunderte es, dass man sie trotzdem auf solche Einsätze schickte. Was, wenn Manuel nicht ruhig sitzen blieb, sondern sich auf sie stürzte? Bei dem Gedanken krampfte sich ihr Magen panisch zusammen. Sie hatte auch immer ein Kind gewollt, aber diesen Wunsch hatte sie ganz schnell tief in sich vergraben, als Manuel fast sofort nach der Hochzeit gezeigt hatte, was für ein Mann er wirklich war.
»Mir geht es gut«, murmelte sie mit tonloser Stimme. Sie musste sich mehr anstrengen, damit die Polizisten sobald wie möglich wieder gingen und Manuel zufrieden mit ihr war. Nur dann konnte sie sichergehen, dass sie nicht die Konsequenzen für das Auftauchen der Polizei tragen musste.
Daria wusste doch mittlerweile, wie das Spiel lief. Die Polizei war nicht zum ersten Mal hier. Sogar diese beiden waren schon hier gewesen. Sie würde ihnen wie immer eine Lüge erzählen und sie wären gezwungen, es wie immer zu glauben. Sie konnten nur handeln, wenn sie etwas zugab. Wenn sie das nicht tat, mussten sie unverrichteter Dinge wieder gehen.
»Sie sind wieder die Treppe runtergefallen?«, fragte die Polizistin mit Vorwurf in der Stimme. Daria warf dem männlichen Polizisten einen nervösen Blick zu. Er musterte sie unter seinen kohlrabenschwarzen Ponysträhnen hervor aufmerksam. Seine Stirn runzelte sich, als Daria Luft holte, um ihre Lüge aufzutischen. Er hatte Daria durchschaut, noch bevor sie etwas gesagt hatte. Wie oft er wohl schon von Frauen in ähnlichen Situationen belogen worden war?
Er schien etwa Mitte Dreißig zu sein. Jung genug, um noch nicht allzu abgestumpft gegen das zu sein, was er in seinem Berufsalltag zu sehen bekam. Alt genug, um schon zu viel gesehen zu haben in seiner Laufbahn als Polizist. Sein Gesichtsausdruck schwankte irgendwo zwischen Bitte und Gleichgültigkeit. Aber da lag noch etwas anderes in diesem Blick aus den dunklen, fast schwarzen Augen. Daria konnte es nicht deuten, aber es machte ihr Angst. Angst davor, ihn zu enttäuschen. Nur: was würde ihn enttäuschen, die schmerzhafte Wahrheit oder die Lüge? Der Blick, mit dem er sie bedachte, fühlte sich an, als würde er nach ihr greifen und sie bedrohen, wenn sie nicht die Wahrheit sagte. Er hatte eine deutliche Warnung in sich. Daria rieb sich mit ihren schwitzenden Händen über die Oberschenkel.
Der Mann hatte attraktive Gesichtszüge. Daria wusste nicht, ob sie das noch mehr verunsicherte oder ob es sie sogar ein wenig entspannte. Sie versuchte sich daran zu erinnern, was sie das letzte Mal, als er hier war, gesagt hatte. Aber es fiel ihr nicht mehr ein.
Als seine Kollegin hier war, war es also der Treppensturz. Einmal hatte sie auch behauptet, sie wäre gegen eine offen stehende Tür gerannt. Ein anderes Mal war sie gestolpert und auf dem Tisch aufgeschlagen. Damals, als ihre Nase gebrochen war, weswegen sie jetzt leicht schief stand. Daria sah zu Manuel, der sie unter zusammengekniffenen Augen drohend anstarrte. Sie wollte so gern die Wahrheit sagen, aber was dann? Wohin sollte sie gehen? Manuel würde sie wahrscheinlich umbringen, wenn er sie jemals noch einmal sehen würde. Und sie hatte nichts außer dem hier. Aber sie hatte das hier so satt. Und so wie der Polizist sie ansah, hatte er es auch satt. Er wollte mit Sicherheit kein weiteres Mal herkommen müssen.
»Ich hatte einen Unfall mit dem Fahrrad. Bin eine Böschung runtergestürzt.« Ein weiterer Unfall für die Akten der Polizei. Und sogar die Wahrheit. Sie könnte es beweisen, die Polizisten würden gehen und es wäre vorbei. Alles ginge wieder seinen normalen Gang. Bis zum nächsten Mal. Was würde Manuels Wut dann auslösen? Wie lange noch, bis sie nie wieder aufstehen würde? Seine Angriffe wurden immer brutaler. »Das Fahrrad ist hinüber, deswegen war er wütend und hat ein bisschen getobt. Aber er hat mir nichts getan.« Daria atmete aus. Wie konnte sich dieses Geständnis beklemmend und befreiend zugleich anfühlen? Ängstlich warf sie Manuel einen kurzen Blick zu, dessen Gesicht vor Wut zu brennen schien. Sie sah schnell zur Seite. Ja, er würde sie umbringen. Dieses Mal würde er es tun.
Die Polizistin zog eine Augenbraue hoch und legte entmutigt den Kopf schief. »Sie wissen, dass es Möglichkeiten gibt, Sie zu beschützen? Wir könnten ihn mitnehmen.«
Daria schüttelte verzweifelt den Kopf, in ein paar Tagen wäre er mit noch mehr Wut im Bauch wieder hier, außerdem müsste sie ihn anzeigen, was ihn noch wütender machen würde. Und wovon sollte sie dann leben? Sie besaß nichts. Daria besaß kein Konto, keine Kreditkarte, nichts Erspartes - einfach nichts, nur das Haus. Den Rest ihres Erbes hatte Manuel verwettet oder versoffen. Sie hatte nicht einmal einen Job. All das hatte er ihr immer verboten. Er hatte dafür gesorgt, dass sie für immer abhängig von ihm war.
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