Ach, Anna, die Welt hängt voller Annas, Anna in allem, wofür es sich zu leben lohnt: Anarchie, Anabolika, Analyse, überall und immerzu Anna. Weißt du eigentlich, dass ich nur noch esse, was deinen Namen in sich trägt, damit ich dich stets in mir tragen kann? Ananas, Banane, Panna cotta. Und ist es Zufall, dass selbst Gott Manna regnen ließ und das auf dem Weg nach Kanaan?
Ach, Anna, Anna, Anna, Anna, Anna, Anna, Anna: Alles sollte Anna heißen, nicht Universum, sondern Annaversum, nicht Sonne, sondern Sanna, nicht Henne, sondern Hannah. A und N, N und A, Anna am Annafang, Anna am Endanna. Meine Zanga kanna fast nur noch Anna saganna: Anna Anna Anna.
Ach, Anna, ana dich, Anna, ist alles sannalos. Du machst mich so anna, Anna. Ana dich kanna ich nicht mehr sein, ana dich, Anna, ist alles nur Panna, aber mit dir, Ana, bin ich im Nirwana. Ich kanna anna nichts annaderes mehr denken, danken, dannaken, Anna, als anna dich, Anna. Komanna in manna Armanna, Anna!
Das Handy summt.
Ah, Anna!
„Hallo, Anna, ich habe gerade an dich gedacht. Ich … Was sagst du? Wie nochmal überlegt? Wieso über…? Netter Abend? Also für mich war das der schönste … One-Night- Stand? Betrunken? Aber du hattest doch nur fünf Cock… In der Kürze liegt die Würze, verstehe, aber wollen wir nicht doch noch ein wenig …? Also, einmal ist keinmal würde ich jetzt nicht gerade sa… hm, hm, hm. Jedem Ende wohnt ein Zauber inne? Was willst du denn damit …? Nicht dein Typ? Nett, aber nicht mehr? Verstehe … ja … ja … ja … nein … ja … Ob ich sauer bin? Pff, sauer, ich? Da kennst du mich aber schlecht. Ne ne, das ist schon okay. Klar, sicher, bis irgendwann mal. Bombe! Ciao.“
Jedem Ende wohnt ein Zauber inne. Was ist das denn für ein beknackter Spruch? Will die mich verarschen oder was? Na warte, Anna, du schmierige Schleimschlampe, du bist es nicht wert, dass ich deinen Namen ausspreche. Ich werde ihn wegwischen, auslöschen, zermalmen, zerquetschen, zertreten, zerhacken, zerfetzen, ihn in Salzsäure zersetzen. Ihn gibt es nicht mehr. Ihn hat es nie gegeben. Mein Mund wird ihn noch nicht einmal ausspucken, weder ihn noch auch nur eine Silbe deines widerlichen, abstoßenden, würgreizauslösenden Namens, dieser Kakophonie des Grauens. Bis zum Ende meiner Tage ein Leben ohne AN und NA. Du hast es nicht …ders verdient. Wie k...st du mir das …tun. Einfach so, von einem Moment auf den …deren. Keinen Ged…ken werde ich mehr … dich verschwenden, … sie verschwenden. … wen verschwenden? Wer ist sie? Keine …ung.
„Ein Esel kann kein Löwe sein!“
Der alte Mann roch nach Tod. Zwei Wochen, schätzte Timo, und er irrte nur selten. Zehn Jahre arbeitete er nun schon hier im Geriatrie-Zentrum. Er wusste, wie der Tod roch. Auch wenn er bei jedem Sterbenden eine besondere Note annahm, seine Essenz blieb unverwechselbar.
Aber es war nicht jener Geruch nach bitterem Honig, der ihn hatte stocken lassen, sondern etwas im Gesicht des alten Mannes. Seine seltsam geformte Nase, die ihn an jemanden erinnerte.
Der Mann schlug die Augen auf. Seine Lider zitterten vor Schmerz. Erwartungsvoll richteten sich die trüben Pupillen auf die Hände des Pflegers, die eine Morphium-Injektion vorbereiteten.
Timo erschrak, als ihm bewusst wurde, woher er den Greis kannte. Ein Blick auf die Patientenmappe bestätigte seinen Verdacht: Doktor Alfred Zink.
„Zink wie Blei“, hatte er sich ihnen in der ersten Stunde vorgestellt und dann über seinen Witz laut gelacht. Es war der erste und einzige Witz, den er über sich selbst gemacht hatte, und das einzige Mal, dass sie ungestraft über ihn lachen durften. Danach war ihnen das Lachen im Halse stecken geblieben. Dafür hatte er gesorgt, dieses miese Schwein!
Timos Mundwinkel zuckten, als er die Spritze aus der sterilen Packung zog.
Ihr Lateinlehrer hatte ihnen und vor allem ihm das Leben zur Hölle gemacht, zum Infernum. Nein, er hatte nicht alles vergessen. Und das, was er ihm angetan hatte, war ohnehin in sein Gedächtnis eingeätzt wie Säure, Acidum.
Nach wenigen Wochen hatte ihn Zink zu einem „Betonfünfer“ klassifiziert und zu einer permanenten Zielscheibe seines Spotts gemacht.
Während Timo den Kunststoffpfropfen von der Nadel löste, kam ihm die Szene in den Sinn, die sein Leben in eine Sackgasse gelenkt hatte und die er darum nie vergessen würde. Alle sollten im Stowasser nachschlagen und auf Lateinisch den Beruf nennen, den sie später einmal ergreifen wollten.
„Medicus“, hatte er gesagt, als er an der Reihe war.
Daraufhin hatte Herr Zink schallend gelacht: „Na, das wollen wir um der armen Patienten willen besser nicht hoffen, was? Asinus leo esse non potest. Ein Esel kann kein Löwe sein. Oder wie wir sagen würden: Schuster, bleib bei deinem Leisten!“
Seine Mitschüler, diese Arschkriecher, hatten noch die ganze Stunde darüber gelacht, und in den Pausen musste er fortan ihre spöttischen I-A-Rufe ertragen.
„Asinus leo esse non potest.“ Nein, er hatte den Spruch nicht vergessen. Er war ihm als Kainsmal in die Stirn gebrannt. Doktor Zink hatte ihn mit einem Satz vor den anderen zum Esel gemacht und dafür gesorgt, dass er sich selbst als Esel fühlte.
Während Timo langsam die klare Flüssigkeit aufzog, spulten sich in seinen Gedanken all die Ereignisse ab, deren Auslöser sein Lehrer gewesen war.
Da er fortan jegliche Mitarbeit verweigerte, verwandelte sich seine Betonfünf in eine Sechs, wodurch er trotz guter Noten in den anderen Fächern sitzenblieb. Seine große Liebe wurde versetzt und fand bald eine noch größere Liebe, die nicht aus einer unteren Klasse kam. Der Trennungsschmerz trieb ihn in den Wahnsinn. Betrunken und in einem Anfall blindwütiger Verzweiflung stürzte er sich von einer Brücke. Ein Baum fing seinen Sturz auf, doch verletzte er sich so schwer, dass sein rechtes Bein gelähmt blieb. Er wurde zum Außenseiter, humpelte durch die Schattenseite des Lebens, fing an zu trinken. Nur mit Ach und Krach schaffte er sein Abitur. Studium? Asinus leo esse non potest! Sein Vater vermittelte ihm eine Arbeit, die ihn anödete, die er hasste. Er trank weiter, verlor seinen Job, zog aus. Depressionen, Klinikaufenthalte, Entzug. Beziehungen? Unfähig, sich zu binden. Schließlich die Ausbildung zum Krankenpfleger. Hier bei den Alten und Moribunden fühlte er sich unter seinesgleichen. Auch sie hatten schon so gut wie alles verloren.
Timo drückte die Luft durch die Nadel. Ein kleiner Tropfen Morphium perlte daraus hervor, ein Anblick, der ihn jedes Mal faszinierte. Doktor Zink starrte ihn an, hustete, wurde ungeduldig, sein Blick flehender.
Timo schaute ihm die Augen, dann auf die Nadel. Wie oft hatte er sich ausgemalt, sich für sein verkorkstes Leben an diesem Mann zu rächen. Er hatte ihn in seinen Träumen erwürgt, erschlagen, erstochen, verbrannt. Als er sich nun ausmalte, dass seine Rache noch viel grausamer ausfallen würde, lächelte er. Er würde seinen ehemaligen Lateinlehrer nicht töten, nein, er würde ihn die Qualen seines erbärmlichen Restlebens spüren lassen. Doch zuerst würde er sich ihm zu erkennen geben. Er sollte wissen, wer ihm die letzten Tage nun seinerseits zum Infernum machte. Timo würde ihm seinen Namen ins Gesicht spucken und ihm sein Leid ins Gewissen brennen.
Doktor Zink stammelte irgendetwas vor sich hin, unverständliche Laute, aber Timo wusste, was sie bedeuteten: „Bitte, machen Sie schnell! Bitte, ich habe solche Schmerzen!“ Aber konnte ein dummer Esel das verstehen? Nein.
„Erinnern Sie sich an mich, Herr Zink wie Blei? Asinus leo esse non potest! Ich bin es, der Esel. Der Esel, der zu dumm ist, ihnen eine Injektion zu verabreichen. Oh, jetzt habe ich das Morphium doch tatsächlich aus Versehen verspritzt. Ach, ich Esel, wie konnte das nur passieren? Das tut mir jetzt aber leid. Nein, eine weitere Spritze ist nicht drin. Wir führen hier streng Buch, wissen Sie. Eine Injektion pro Tag. Na, vielleicht morgen. Wenn ich dran denke. Ich bin ja so schusselig manchmal. Aber das schaffen Sie schon. Sie sind ja nicht aus Pappe, nicht wahr, Herr Zink? Sie sind doch ein Löwe. Leo est Leo!“
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