„Er hat ihn gestoßen! Ich hab‘s genau gesehen.“
„Ich auch, ich kann‘s bezeugen.“
„Ich hab‘s gefilmt. Die Schweine haben ihn zu Tode gehetzt!“
Polizeisirenen nähern sich der Brücke.
„Weg hier!“, schreit der Anführer und flieht als Erster. Die anderen hetzen ihm hinterher.
Als die Polizei eintrifft, finden sie ein paar Stadtstreicher vor, die auf der Brücke eine Flasche Sekt trinken.
„Ein Mord? Jemand von der Brücke gefallen? Ne, hier war alles ruhig“, antworten sie auf die Fragen der Polizisten, die sichtlich verärgert wieder abziehen. Kurze Zeit später erscheint Martins Gesicht am Brückenrand. Die anderen helfen ihm über das Geländer und drücken ihm die Flasche in die Hand.
„Die Idee mit der alten Schaufensterpuppe war genial. In deinen Klamotten sah sie total echt aus. Die Typen sind weggerannt, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Ich wette, die sehen wir nie wieder“, sagt Jürgen. Die anderen nicken. Lachend lassen sie den Sekt kreisen.
In dieser Nacht schläft Martin tief und fest. Als er am Morgen aufwacht, schwebt über der Zoobrücke eine rötliche Wolke.
„Antawara“, murmelt Martin und freut sich auf den Tag.
Ich nahm das schwarz umrahmte Bild aus dem Regal und betrachtete das Foto unseres Betriebsausflugs. Der Duftkringel eines Räucherstäbchens umtanzte die Köpfe meiner Kollegen. Genüsslich ließ ich den betörenden Moschusduft auf mich wirken und versank in den Klängen esoterischer Sphärenmusik. Langsam griff ich zu meinem roten Lippenstift und begann mit den Markierungen.
Ralf, zweiter von links, ein Kreuz über das Gesicht, Dennis in der Mitte, an seinen Kehlkopf ein Punkt, Olaf, rechts daneben, ein Kreis auf seinem Bierbauch, und schließlich Melanie, zweite von rechts, breiter Strich quer über die Brust. Die anderen kannte ich nur vom Namen, gehörten anderen Abteilungen an, interessierten mich nicht.
Vorsichtig stellte ich das Bild zurück an seinen angestammten Platz und faltete die Hände vor der Brust. Dann schloss ich die Augen, atmete tief durch die Nase ein und durch den Mund aus, ein — und aus —
Als ich meine innere Ruhe gefunden hatte, öffnete ich die Augen wieder und betrachtete das gelbe Bündel, das vor meinen Knien auf dem Teppich lag. Mit Daumen und Zeigefinger faltete ich das Leinentuch behutsam auseinander. Da war es, mein Katana. Andächtig bestaunte ich die makellose Form des Schwertes. Bevor ich die Klinge aus der Scheide zog, verbeugte ich mich kurz und ließ dann den Stahl im hereinfallenden Sonnenlicht funkeln.
Draußen im Garten warteten sie schon auf mich, auf mich und mein Schwert. Ich würde ihnen eine Vorführung von dem geben, was ich in den letzten fünf Jahren gelernt hatte. Eine Vorführung, die sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen würden, denn …
Ich lächelte mein Spiegelbild über dem Regal an, erhob mich in einer fließenden Bewegung und prüfte, ob Hemd und Rock richtig saßen. Mit dem Zeigefinger schnippte ich eine Fluse von meinem Ärmel, zupfte ein schwarzes Haar von der Schulter und richtete den Gürtelknoten exakt auf die Höhe meines Bauchnabels aus. Mit dem Schwertgriff in beiden Händen begab ich mich zu meinen Gästen.
Ralf Guhl, mit ihm würde ich beginnen. In meinen Gedanken hörte ich seine nörgelnden Kommentare, mit denen er mich täglich im Büro traktierte: „Wo, zum Teufel, bleibt das Schreiben für Gerber? Da fehlt ein Komma! Ihr Kaffee, Fräulein Dünnbier, macht Ihrem Namen alle Ehre.“
Zu dünn? Mein Kaffee ist perfekt, und niemand tippt schneller und macht dabei weniger Fehler als ich. Und dein Fräulein, mein Bösslein, kannst du dir in dein Doppelkinn stecken!
Dann, Dennis, kommst du an die Reihe. Wie konntest du mich wegen dieses Flittchens sitzen lassen? Läufst ihr nach wie ein rolliger Kater, ihrem viel zu weiten Ausschnitt, dem viel zu kurzen Rock, dem viel zu breiten Hintern. Aber da stehst du drauf, nicht wahr? Vorher war ich dein Kätzchen, und sie, wie nennst du sie jetzt, vielleicht Tiger? Mops würde besser passen. Aber warte nur, dein Kätzchen hat Krallen und die wird sie dir gleich zeigen, dir und Olaf!
„Arrogante Schreckschraube!“ Ja, ich habe genau gehört, wie du mit Dennis über mich getuschelt und gelacht hast. Die Schreckschraube wird dir im Hals stecken bleiben!
Und zum Schluss zu dir, Melanie. Kommst einfach in mein Revier gestöckelt und verdrehst allen den Kopf mit deinem Schlangen-Tattoo und deinem Silikonbusen. Ich wette, man könnte aus deinen Kunststoffanteilen ein Dutzend Klodeckel recyceln. Ja, das würde zu dir passen, zu dir und zu euch allen.
Inzwischen hatte ich den Garten erreicht. Dort standen und saßen sie und schauten mich verwundert an, wie ich mit meinem Schwert auf sie zuschritt. Wortlos beobachteten sie mich, aber in ihren Augen las ich ihre Gedanken:
Was hat denn die Dünnbier da?
Hej, Kätzchen, schicke Aufmachung!
Kampfsport? Das hätte ich der Schreckschraube gar nicht
zugetraut!
Der Anzug würde mir viel besser stehen.
Das war das Letzte, was sie denken würden. Bevor sie reagieren konnten, zog ich mein Katana aus der Scheide und schlug zu. Zwei Striche schräg über Ralfs Gesicht. Nase und Mund zerschnitten unter dem scharfen Stahl. Im nächsten Moment wirbelte ich herum und stieß Manfred die Spitze in den Hals. Ungläubig blickte er mich an. Als ich den Stahl aus ihm herauszog, kippte sein Kopf vornüber. Olaf saß wie gelähmt im Liegestuhl. Sein Kugelbauch lachte mein Schwert an, er schrie nach ihm und schon wühlte es sich tief in seine Eingeweide. Melanie hatte den Mund zum Schrei geöffnet, aber bevor sie einen Laut von sich geben konnte, zog die Klinge bereits einen breiten blutigen Strich über ihre Brust.
Ich verbeugte mich, wie es die Tradition verlangt. Dann ließ ich mein Katana mit geübten Bewegungen gesäubert in seine Scheide zurückkehren, während mein Blick auf den Opfern ruhte.
Ich hatte ein furchtbares Gemetzel angerichtet: zerschnittene, durchstoßene, blutgetränkte Körper. Es würde etliche Stunden dauern, die lebensgroßen Puppen wieder zusammenzunähen und die Kunstbluttaschen im Hals, im Bauch und in der Brust zu erneuern. Im Moment aber fühlte ich mich frei, frei von allen Stacheln. Und das war es mir wert!
Marmelade, grummeln, Tal und Schlafmohn sind wunderschöne Wörter. Fast so schön wie Sesam, Wind, Seifenblase oder Rosenkohl, aber das schönste Wort von allen, das Wort der Wörter, lautmalerische Poesie in Vollendung, euphonische Krone der sprachlichen Schöpfung, ist: Anna. Anna vorwärts, Anna rückwärts, Anagramm.
Ach, Anna: A wie Atem, wie Alabaster, wie Aura, wie All, wie Amigo, Antike und Amor, wie Aphrodisiakum, Antilope und Antivirenprogramm.
N wie Neumond, Nacht und Natur, wie Nimbus, Nebel oder Nabel, wie nackt, wie Nest, wie Nudelholz.
Ach, Anna, immerzu möchte ich Anna singen, lachen, schreien, murmeln, gurgeln, flüstern, stöhnen. Tanzen möchte ich deinen Namen, ihn mit Badeschaum als weiße Wattewölkchen in den Himmel modellieren, ihn zu Kuchen backen, ihn hinter meine Augenlider tätowieren.
Wenn ich könnte, würde ich deinen Namen in fetten Lettern in den Mond malen, damit er mir im Schlaf erscheint. Wenn ich könnte, würde ich der Sonne deinen Namen ins Gesicht sprayen, damit seine Strahlen meine Haut versengen. Wenn ich könnte, würde ich deinen Namen in meinen Grabstein meißeln.
Ach, Anna, den ganzen Tag möchte ich dich sehen, dich riechen, dich hören, dich spüren, dich schmecken, dich atmen: an-na, an-na, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, jeden Augenblick!
Ach, Anna, du bist der Wind und ich die Möwe, du der Strand und ich das Meer, ich das Herz, du das Blut, ich das Haar und du das Gel, du Latte, ich Macchiato, ich Elmex, du Aronal! Ohne dich, Anna, bin ich nichts, mit dir bin ich alles.
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