»Willst du wenigstens een Stück Kuchen?«, fragte ihn seine Tante und hielt ihm einen Pappteller mit einem Apfelkuchen hin.
»Lass ihn doch, wenn er nüscht will«, brummte sein Onkel, der das Stück schon für sich einkalkuliert hatte. Er hörte sich etwas freundlicher an. Daher riskierte es Elias, den Kuchen anzunehmen. Während er in den süßen, hellen Teig biss, versuchte er, nicht mehr an das weiße Gesicht des Mannes auf der Trage zu denken.
Melchior saß auf der Fensterbank in seinem Studierzimmer, wie er es nannte. Er saß immer irgendwie erhöht, wie Katzen es gerne tun. Von hier oben unter dem Dach konnte er über die Dächer der Nachbarvillen bis zu den Alpen blicken. Er hatte die Arme über dem Kopf verschränkt und beugte sich seitwärts nach beiden Seiten, um die Schultern zu dehnen.
»Lass dich nicht verrückt machen, Lu«, sagte Melchior, »Carla sieht doch immer alles kohlrabenschwarz. Im Kritisieren und Besserwissen ist sie die Queen of the Universe, das weißt du doch.« Lukas antwortete nicht. Er saß an Melchiors Schreibtisch und starrte angestrengt in dessen Laptop. »Die wird sich schon wieder einkriegen, mach dir keinen Stress deswegen. Spätestens …«
»Menschenskind, mir ist egal, ob sie sich einkriegt«, unterbrach ihn Lukas, »wenn sie nur die Klappe hält. Die kann uns in Teufels Küche bringen.«
»So, so, in Teufels Küche. Was ist denn das für eine Ausdrucksweise? Du redest ja wie die Geschäftsfreunde von meinem Dad.«
»Von mir aus. Die kann uns megamäßig Trouble machen, wenn das für dein Sprachzentrum kompatibler ist.«
»Okay, okay, Freund Lukas«, seufzte Melchior, »dann lass uns doch ein Palaver halten und überlegen, wie wir das Weib in Acht und Bann schlagen.« Lukas riss sich vom Bildschirm los.
»Du hast wirklich noch nicht geschnallt, wie kurz wir vorm Rauswurf stehen, was? Carla muss nur unseren ehrenwerten Professor Jung abpassen und ihm ein paar Sachen flüstern. Der wartet doch nur auf sowas. Glaub’s mir: Zwei, drei Worte von ihr und eine Woche später hat jeder von uns einen freundlichen Brief auf seinem Schreibtisch: ›Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, blablabla …‹ und raus bist du. Vier Jahre Plackerei für nix und wieder nix. Wie soll ich das meinem Vater beibringen? Für das Geld, das ihn mein Studium gekostet hat, hätte er schon längst seine Werkstatt modernisieren können. Seit Jahren wartet er darauf.«
»Ach komm jetzt, Lu …« Lukas klappte den Laptop zu. Sein Ton wurde merklich kühler.
»Nicht jeder hat so viel Kohle wie dein Dad, Melchior, schon vergessen? Es gibt tatsächlich Leute, die müssen jeden Tag arbeiten.« Melchior sprang von der Fensterbank und baute sich vor seinem Freund auf.
»Wenn ich eines satthabe, dann, dass mir ständig das Scheißgeld meines Vaters vorgeworfen wird.« Lukas wich zurück.
»Ich dachte, es wird dir nachgeworfen«, sagte er und versuchte zu grinsen. Melchior holte zum Schlag aus, zögerte kurz und grinste dann ebenfalls. Er gab Lukas einen eher symbolischen Kinnhaken.
»Jedenfalls werden wir nicht so schnell exmatrikuliert, Lu. Ganz so einfach geht das nicht.«
»Aber du vergisst den Schaden, der entstanden ist. Soweit ich gerade rausgefunden habe, ist der Besitzer der Therme ein harter Hund. So einer versteht keinen Spaß, mit dem kannst du nicht verhandeln.« Melchior zuckte gleichgültig mit den Schultern.
»Viel wichtiger ist doch die Frage: Was machen wir mit dem Video?«
»Wir mieten ein Schließfach bei Gringotts in London und lassen es von Harry Potter bewachen.«
»Wer ist Harry Potter?«
»Irgendein Kobold, glaub’ ich.«
»Zum Glück hört uns keiner zu«, meinte Melchior, »sonst könnte man noch auf den Gedanken kommen, wir wären nicht erwachsen.«
»Ein Spitzer, ein Küchenschwamm, ein Kieselstein, ein Ehering, der Größe nach zu urteilen vom Ehemann, vier Kinokarten, gültig für heute Abend für den Film ›Flammendes Inferno‹, das ist ein ziemlich alter Schinken, eine Packung Räuchertofu, ungeöffnet, was mich nicht wundert, ein Apothekerfläschchen mit Tabletten, zwei Herrenbadehosen mit zweifelhaftem Muster, eine Taschenlampe, sechs große Badetücher oder Saunatücher, eine Packung Zigaretten, Marke Gauloises, wusste gar nicht, dass es die noch gibt, eine Kondolenzkarte, mit Tinte geschrieben und daher komplett unleserlich, ein Einkaufszettel, mit Bleistift geschrieben, teilweise leserlich, ein Studentenausweis der psychologischen Fakultät an der LMU München, lautend auf Lukas Freun, eine Lupe, drei Sonnenbrillen, alle kaputt, sieben, nein acht Handys, unheimlich hinüber, ja – ich glaube, das wäre alles. Fehlt nur noch eine Angelrute und ein Eimer Holzkohlen.« Penny Stock holte tief Luft, nahm die Lupe und wog sie in der Hand. »Schon teilweise krass, was die Leute so alles mitnehmen, wenn sie in die Sauna gehen.« Sie befanden sich in Fischlis Büro. Vor ihr lag auf dem Metalltisch ausgebreitet das Sammelsurium an Gegenständen, die sie und ihre Assistenten aus dem Vitalbecken, dem Außenbecken und den Whirlpools gefischt hatten. Sie reichte Zweifel die akkurate Liste. Der junge Bademeister stand daneben und nickte.
»Sie würden sich wundern, was wir da schon alles gefunden haben.« Melzick und der Kommissar waren kurz vorbeigekommen, um sich einen Überblick zu verschaffen, bevor sie mit den übriggebliebenen Badegästen sprachen. Melzick nahm zielsicher einen Gegenstand vom Tisch und hielt ihn in die Höhe.
»Das fehlt auf deiner Liste, Penny, was ist das?«, fragte sie und betrachtete neugierig von allen Seiten einen kleinen schwarzen Kasten. Penny Stock räusperte sich verlegen.
»Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich das Ding bezeichnen soll. Ist wohl irgendwas Technisches, aber ich will da ganz genau sein und erstmal im Internet recherchieren. Die Kollegen konnten mir auch nicht weiterhelfen.« Zweifel nahm den Kasten prüfend in die Hand.
»Ähm, vielleicht …«, meldete sich der junge Bademeister zu Wort, »vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen.« Sie drehten sich alle drei zu ihm um. »Ich glaube, das ist ein Gerät, mit dem man alle möglichen Produkte erkennen kann, in Supermärkten, Geschäften, Kaufhäusern und so. Blinde benutzen sowas.«
»Warum hab ich Sie nicht schon eher gefragt«, seufzte Penny Stock. »Jetzt müssen wir nur noch den blinden Besitzer ausfindig machen«, sagte Zweifel.« Außer dem Studentenausweis lässt sich ja sonst nichts von dem Zeug eindeutig zuordnen. Sie haben alles genau inspiziert, Penny?
Irgendwelche Anhaltspunkte?« Sie schüttelte den Kopf. »Alles fotografiert?« Sie nickte. »Gut, die Sachen bleiben erstmal hier, bis diese Angelegenheit aufgeklärt ist. Wenn die Eigentümer sich melden sollten«, damit wandte er sich wieder an den jungen Bademeister, »dann notieren Sie bitte Namen, Adresse und Telefonnummer und sagen den Leuten, dass wir uns bei ihnen melden.« Es klopfte. Der Dienstälteste der sechs Beamten, die sich in der Zwischenzeit mit etwa fünfzig mehr oder weniger aufgeregten Badegästen unterhalten und die Personalien aufgenommen hatten, stand vor der Tür. Da Fischlis Büro mit vier Personen fast schon überfüllt war, ging Zweifel zu ihm hinaus auf den Flur des kleinen Verwaltungsbereiches.
»Wir sind fertig mit den Befragungen, Herr Kommissar.« Er überreichte Zweifel einen Stapel DIN-A4-Blätter. »Das sind die Aussagen der Leute. Mehr oder weniger ähnliche Schilderungen. Wir haben alle befragt, die noch da waren.« Zweifel nickte anerkennend.
»Also haben Sie mir keinen mehr übriggelassen?«, fragte er. Der Mann riskierte ein millimetergroßes Schmunzeln.
»Doch, es gibt noch jemanden. Der will nur mit dem ›großen Boss‹ reden, wie er sagt.« Zweifel zog die Augenbrauen in die Höhe. »Ich nehme an, damit hat er Sie gemeint«, ergänzte der Mann, ohne eine Miene zu verziehen. Zweifel überflog die Blätter, während der Beamte neben ihm wartete. Die Aussagen waren allesamt wörtlich protokolliert worden:
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