1 ...8 9 10 12 13 14 ...30 Das Glück hatte auch endlich ihn getroffen. An seinen Gedächtnisverlust vor wenigen Stunden dachte er nicht mehr. Warum auch? Eine schwere Krankheit passte nicht zu seinem perfekten Lebensglück, das er glaubte, gefunden zu haben.
>>Danke, Frau Schneider! <<, sagte Kai freundlich zu der älteren Dame, als er näherkam und sie erkannte.
Sie wohnte im gleichen Stockwerk wie er. Man wechselte ein paar nette Worte, wenn man sich begegnete, mehr aber nicht.
Der Aufzug war jetzt in der achten Etage angekommen. >>Schönen Abend! Herr Raimann! <<, wünschte ihm die Frau freundlich, als sie vor ihm den Aufzug verließ.
Seine kleine Wohnung war gegenüber dem Auszug. Es waren nur wenige Schritte bis zu seiner Wohnungstür.
Während er nach seinem Wohnungsschlüssel suchte, hörte er, dass leise Musik aus seiner Wohnung kam. Komisch, nur sein Freund Ken hatte noch einen Schlüssel, dachte er.
Erst vor wenigen Tagen hatten sie beide die Zweitschlüssel ihrer Wohnung getauscht. Nur im Notfall wollten sie davon Gebrauch machen. Es war sehr merkwürdig für ihn. Seine Wohnung war auch nicht mehr verschlossen! Durch eine leichte Drehung des Schlüssels nach rechts, ließ sich die Wohnungstür öffnen.
>>Ken, bist du es? <<, > rief er vorsichtig und ging in die Richtung, aus der er die Musik kam.
Durch die weit offenstehende Tür in der Diele konnte er jetzt ungehindert in das Bad sehen.
Was er sah, stockte ihm den Atem! Es war die Angst, die blitzschnell in ihm hochkroch und ihn fast erstarren ließ. Langsam zögernd was ihn erwartete, ging er weiter ins Bad. Jetzt erst konnte er richtig erkennen, was in seiner Abwesenheit geschehen war.
Sein guter Freund Ken lag leblos auf dem Rücken im kalten Wasser der halb vollen Badewanne.
Seine leblosen Augen waren weit geöffnet!
In dem starren Blick seiner Pupillen sah man die Angst der letzten Sekunden vor seinem Tod.
Sein nackter von den Drogen abgemagerter Körper zeigte mehrere blaue Flecken, die mit Blut unterlaufen waren.
Jetzt sah Kai das furchtbar Schreckliche.
Man hatte seinem Freund die Zunge auf grausamste Weise aus dem Mund herausgeschnitten.
Das seichte, eklige, riechende Wasser, in dem er lag, war rot von seinem Blut gefärbt.
Und auf dem Boden vor der Badewanne, lag ein stark verschmutztes, gebrauchtes Heroinbesteck mit einem dünnen Gummischlauch. Nicht weit davon lag eine gebrauchte Einwegspritze, die mit klebrigem Blut beschmiert war.
Auf seinem linken Oberarm hatte man ihm ein kleines Zeichen mit einem spitzen Gegenstand tief in die Haut eingeritzt. Es sah aus wie die Sichel eines Mondes.
Was Kai nicht wusste: Es war das Zeichen der Untergrundorganisation „Roter Mond", die in Europa die Vorherrschaft im Rauschgiftgeschäft übernehmen wollte.
Koste es, was es wolle! Die Toten, die die Operation „Weißer Schnee", so nannten sie das Vorhaben, forderten, nahm man skrupellos in Kauf.
Kai stand jetzt wie angewurzelt unter Schock in Angst, Zitternd, in Unruhe im Bad. Sein Gesicht war zu einer aschfahlen Grimasse erstarrt. Mit Blässe im Gesicht las er den kurzen Satz, der mit einem fast schwarzen Lippenstift, auf dem Spiegel über dem Waschbecken geschrieben stand.
Wo ist das Rauschgift!?
Es musste eine Frau gewesen sein, die ihn auf grausame Weise umbrachte, dachte er sofort.
Plötzlich ertönte der Rufton vom Telefon!
Kai erschrak so heftig, dass ihm fast das Herz stehen blieb. Lass es klingeln, nur nicht jetzt zum Telefon, dachte er in Apathie.
Schreckliche, grausame Gedanken verwirrten jetzt seine Sinne. >>Einen kühlen Kopf muss ich behalten<< ,sagte er leise vor sich hin, so dass er sich selbst hören konnte.
Was sollte er tun? Normalerweise musste er jetzt die Polizei holen. Nein, das konnte er nicht! Seine Fingerabdrücke waren überall. Keiner würde ihm glauben, dass er unschuldig war und mit dem Mord nichts zu tun hatte.
Oh Gott! 46.000,00 € Schwarzgeld hatte er noch in der Tasche. Und dann! Die teuren Kleidungsstücke, die er sich in der Boutique gekauft hatte. Wie sollte er es ihnen erklären, woher plötzlich das viele Geld kam?
Man würde ihn sofort mit allem, was in seiner Wohnung geschah, in Verbindung bringen. Drogen, Mord! Was stand alles noch dahinter?
In den Knast würde man ihn bringen und ungerecht ein Leben lang wegsperren, dachte er.
Kai Raimann war völlig überfordert mit der eingetretenen Situation und tat das Falsche.
>>Ganz ruhig! <<, sagte er sich immer wieder in seinen Gedanken, um nicht in Panik zu geraten.
Das Telefon hatte jetzt aufgehört zu klingeln.
Wie hatte er immer zu seinem Freund Ken gesagt, wenn er dem Elend nahe am Boden zerstört um Hilfe flehte. „Hör auf mit den
Drogen. Sie bringen dir langsam, aber sicher den grausamen
Tod!“
Auf keinen Fall wollte er mit seiner Drogensucht konfrontiert werden. Ohne dass er es wollte, war er soeben zur Hauptfigur in diesem grausamen Drogengeschäft geworden.
Jetzt erst sah er, dass Ken seine Hand krampfhaft vor seinem Tod verschlossen hatte. Ohne zu überlegen, dass sein Fingerabdruck ihn des Mordes überführen konnte, nahm er die Finger der Hand und öffnete sie mit etwas Gewalt.
Einem Toten hatte er noch nie die Hand geöffnet. Das Leben war aus seinem Körper gewichen. Sein Freund war unbeweglich und steif geworden. Die Totenstarre war schon eingetreten. Was bedeutete die Zahl „1009", die mit einem Kugelschreiber in die Innenfläche seiner Hand geschrieben war?
Was war das für eine geheime Nummer? dachte er. Dann legte den leblosen Arm vorsichtig zurück auf seinen erkalteten toten mit Blut befleckten menschlichen Körper.
Hatte er jetzt den Schock und die Angst überwunden? Nein, jetzt erst begriff er langsam, was geschehen war!
In den fürchterlichen Gedanken, dass sein Freund auf grausamste Art ermordet wurde, saß er traurig nervlich völlig am Ende ratlos auf dem Rand der Badewanne und weinte.
„Lass endlich die Finger von den Drogen! Es wird dich dein Leben kosten“, sagte er noch vor ein paar Tagen zu ihm.
Eine halbe Stunde musste er schon nach einer Lösung suchend auf dem Rand der Badewanne gesessen haben, als der Anrufbeantworter seines Telefons sich einschaltete, und ihn in die grausame Gegenwart zurückholte.
>>Hallo Kai! Hier ist Beate. Wo warst du? Ich habe in der Bar „Serena“ auf dich gewartet. Ruf mich bitte dringend zurück! Es geht um Ken<< ,sagte seine Bekannte auffordernd. Dann trennte sie das Gespräch.
Kai sah sich jetzt ängstlich um. Seine Fingerabdrücke waren überall. Nein er konnte in seiner Situation keine Polizei anrufen. Sie hätten ihm nicht geglaubt. Außerdem hatte ihn die alte Frau im Aufzug vor einer Dreiviertelstunde gesehen. Diese Zeugenaussage reichte aus, um ihm den Mord an seinem Freund in die Schuhe zu schieben.
Nach reiflicher Überlegung beschloss er noch heute Nacht die Leiche an einen anderen Platz zu bringen und alle Spuren, die ihn verdächtig machen konnten, zu beseitigen.
In Übelkeit dem Erbrechen nahe, zog er gegen seinen Willen den Stöpsel des Ablaufes der Badewanne heraus.
Das rote mit Blut gefärbte nach Urin penetrant riechende Wasser konnte jetzt ungehindert ablaufen. Dann brauste er den nackten Körper seines leblosen Freundes mit einem Badetuch ab. Woher hatte er nur die Kraft, dies alles zu tun? Ja, die Macht der Angst trieb ihn zu dem Unmöglichen!
Die Zunge, die jetzt wie ein Stück lebloses Fleisch eines Tieres auf dem Boden der ausgelaufenen Badewanne lag, sah ekelerregend aus und musste beseitigt werden.
Mit einem Stück Toilettenpapier hob er ohne hinzusehen die abgetrennte Zunge seines Freundes auf, und warf sie mit großer Überwindung in die Toilettenschüssel.
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