1 ...6 7 8 10 11 12 ...21 „Das dumme Ding macht nur Probleme“, sagte sie, während sie vergeblich am Reißverschluss fingerte.
Johanna zwinkerte ihr zu, zog den Reißverschluss mit einem Ratsch hoch. Das veranlasste Nadja zu einem Jauchzer und sie umarmte Johanna. Für eine Sekunde genoss Johanna die Wärme und den Duft von Vanille auf Nadjas Haut.
Pudding in den Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade, Erdbeere und Karamell. Pudding stand für das Gefühl, bei Freunden zu sein, willkommen zu sein. Auch diese Art von Gefühlen war mit dem Dorf verbunden.
Bei ihrem ersten Besuch war Johanna durchs Dorf geschlendert und hatte Quietschmusik aus einem der Häuser gehört. Sie kam nicht vom Plattenspieler oder aus dem Radio, es war ein Instrument, sie vermutete eine Geige. Dem wollte sie nachgehen und näherte sich einem der offen stehenden Fenster.
Die Fensterbank war niedrig und sie konnte problemlos die Unterarme aufstützen und hineinspähen. Da saß ein sommersprossiges Mädchen auf einem Stuhl und zwischen ihren Knien war eine riesige Geige eingeklemmt. Johanna hörte bis zum letzten Ton zu.
„Gefällt es dir?“, fragte das Mädchen und eine Zahnlücke kam zum Vorschein.
Es legte den Bogen auf den Tisch und stellte das Instrument auf der Seite ab, kam zu Johanna, neigte den Kopf, bis er fast die Schulter berührte und verharrte wie ein Standbild.
„Was ist das für ein Instrument?“, stotterte Johanna angesichts dieses Verhaltens. Sogleich wurde sie rot, wie hörte sich das denn an, sie war doch keine Bekloppte.
„Wenn ich groß bin, werde ich Weltbestencellistin. Und du?“
Mit was sollte sie Weltbeste werden? Sie zuckte nur mit den Achseln, jetzt würde das Cellomädchen bestimmt nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen.
Es sagte auch sogleich, es müsse weiterüben. Da öffnete sich die Zimmertür.
„Beatrice“, brummte ein Zweimetermann im Overall, „du hockst mir nicht den ganzen Tag in der Stube, ab nach draußen.“ Schwupp ging die Tür wieder zu.
Das Mädchen namens Beatrice verdrehte die Augen. „Wenn meine Mutter hier wäre, könnte ich weiterspielen.“ Sie runzelte die Stirn und schaute rüber zu ihrem Cello, kletterte dann jedoch aus dem Fenster. „Meine Mutter“, sagte sie, „hat mir versprochen, wenn ich gut bin, bekomme ich Stunden bei einer Musiklehrerin und nicht, wie jetzt, bei Fräulein Otto.“
Johanna konnte sich nicht vorstellen, was daran toll sein sollte, drinnen sitzen und den ganzen Tag üben zu müssen. Auf einmal schien Beatrice durch sie hindurchzublicken. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und begann langsam im Takt mit dem Oberkörper zu wippen. Johanna wusste nicht, was sie tun sollte, warten oder gehen.
Vielleicht war diese Beatrice nicht richtig im Kopf. Johanna erinnerte sich, wie ihre Mutter gesagt hatte, die Leute aus dem Dorf seien alle Idioten. Außerdem was für ein Name. Klang nach Kneifzange. Wenn Eltern ihr Kind liebten, würden sie es Isabella oder Arabella, aber sicherlich nicht Beatrice nennen. Nein, sie würde nicht Beatrice genannt werden wollen, aber ihren Namen mochte sie auch nicht. Sie wollte nicht wie eine Tote heißen, das war unheimlich. Schuld daran war ihr Vater, denn seine Schwester, die nur zwei Jahre alt geworden war, war eine Johanna gewesen und wenn Johanna ein Junge geworden wäre, dann hätte sie den Namen Franz Josef, von ihrem Großonkel, bekommen. Glücklicherweise war sie ein Mädchen.
Wieso jemand Astrid hieß, grübelte Johanna weiter, verstand sie auch nicht. Früher in der roten Kindergartengruppe gab es eine Astrid, die immer mit Arschtritt gehänselt worden war. Die Brillenschlange würde niemand Arschtritt rufen, das würde keiner wagen, da war sich Johanna sicher. In der Gruppe, fiel ihr ein, hatte es auch eine Mercedes gegeben, über die keiner gelacht hatte, was Johanna verwundert hatte, bis sie erfuhr, dass das Mädchen nicht nach einem Auto benannt worden war, sondern der Name schon vor dem Auto existierte. Gut, dass sie nicht gelacht hatte, dann hätte sie als Dumme dagestanden.
Plötzlich wurde sie durch ein Poltern aus ihren Gedanken gerissen. Da stand der Zweimetermann und blickte mit zusammengeschobenen Augenbrauen zu ihnen hinüber. Sofort zog Beatrice sie mit sich: „Lass uns zu meiner Freundin Maria gehen.“
Nach kurzer Zeit war bei Maria der Teufel los. Es gab zwei Sofas, dazwischen einen Eichentisch und auf denen hüpften nun Johanna und Maria unter Kriegsgeheul hin und her. Die Sofas besaßen eine gute Federung und die Kissen waren ideale Wurfgeschosse. Beatrice wollte nicht mitmachen, aber sie sammelte die Kissen wieder ein und sorgte somit für Nachschub. Maria war flink wie ein Wiesel und konnte kräftige Schläge mit dem Kissen austeilen.
„He, du, magst du Schokoladenpudding?“, schrie sie.
Johanna musste erst einmal einen Lachanfall überstehen, bevor sie antworten konnte.
„Regenwürmer, die esse ich lieber. Und du?“
Maria kicherte. „Regenwürmer“, sagte sie, „mag ich, aber nur in Schokoladenpudding“, worauf sie mit einem Kissen umgehauen wurde, alle Viere von sich streckte und losprustete, „und Spinnen am liebsten in Vanillepudding.“
Johanna sprang auf den Boden und rieb sich über den Bauch, „lecker, und Kröten in Erdbeerpudding.“
Das war das Startzeichen für Maria und die drei machten sich ans Werk. Vanillepudding wurde gekocht.
Ein paar Minuten später kamen Zwillinge in die Küche. Es war unmöglich sie zu unterscheiden. Das gleiche Haar, die gleiche Kleidung. Johanna versuchte trotzdem, einen Punkt in ihren Gesichtern auszumachen, an dem sie einen Unterschied fand. Ein Zwilling, das war eine feine Sache. Gern hätte Johanna auch einen gehabt. Die Zwillinge tuschelten miteinander, neckten sich und machten sich einen Spaß daraus, Johanna zu fragen, wer Katja und wer Karola war. Ein lustiges Paar.
Kaum war der Pudding in die Schüssel geschüttet und in feierlicher Prozession ins Wohnzimmer getragen worden, tauchte Claudia auf. Johanna erwartete Stunk, doch Claudia benahm sich als wäre Johanna Luft, damit war Johanna einverstanden.
Doch als sie draußen Himmel und Hölle spielten, flüsterte Claudia ihr zu: „Niemand will dich Vogelscheuche hier haben.“
Claudia hatte nie ihre Meinung geändert, und Johanna war sich sicher, dass dies auch in hundert Jahren nicht geschehen würde.
Johanna ging hinaus auf die Terrasse. Sie legte ihrem Mann zur Begrüßung die Arme um die Taille und küsste ihn auf den Hals. Sammys Körper beruhigte sie immer, ließ sie zur Ruhe kommen. Er schaute in den Garten, das konnte er stundenlang. Die Vögel, das Rascheln der Blätter, das Eichhörnchen, das Summen der Bienen, die Farben der Blumen konnten seine Aufmerksamkeit erheischen. Er schien zufrieden, egal, ob sie da war oder nicht. Glücklicher Sammy. Verfluchter Tauchunfall. Er konnte sich seitdem nur noch eingeschränkt bewegen und Gesichter schienen für ihn keine Bedeutung zu haben. Er lebte in seiner Welt. Dazu gehörte, dass sie das Esszimmer zu seinem Zimmer umgebaut hatte, da es so für alle leichter war. Seufzend richtete sie sich auf, sie würde das Mittagessen kochen müssen. Die Kinder würden bald aus der Schule kommen.
Johanna kramte in dem Wandschrank nach Puddingpulver, fand jedoch keins. Also sollte es wenigstens Kartoffelpüree mit Spinat und Fischstäbchen geben, dazu Spiegeleier. Ihr Leibgericht als Kind. Aus dem Keller holte sie einen Eimer Kartoffeln und begann zu schälen. Es war befriedigend zu sehen, wie leicht das Schälmesser über die Kartoffeln glitt und ein Stück nach dem anderen wegschnippte. David konnte Berge an Essen verputzen. Johanna verstand nicht, wo er das alles ließ, er war rank und schlank. Manchmal bestellte er sich noch spät abends eine Pizza. Vor ihm war kein Vorrat im Haus sicher und in seinem Zimmer stapelten sich leere Chipstüten, Schokoladenpapier und anderes Zeug. Sara dagegen war die Disziplin in Person. Für ihren Körper kamen nur ausgewählte Zutaten auf den Teller. Alles war dem Ziel einer Ballettkarriere untergeordnet. Johanna musste schmunzeln, Sara wusste genau, was sie wollte.
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