1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 Sie sah Sara noch als kleines Mädchen vor sich, wie sie ihren Bruder an der Hand gehalten hatte. Sara, so ernst mit ihren großen Augen und den aufeinander gepressten Lippen, wie sie Johanna kommen sah, die Frau, die ihr Vater ein paar Mal mit nach Hause gebracht hatte. David, der vor sich hin träumte und Johanna erst bemerkte, als seine Schwester ihn anschubste. Sammy hatte angerufen, Johanna gebeten, seine Kinder vom Kindergarten abzuholen, da er es nicht mehr rechtzeitig aus dem Stau schaffen würde. Er wollte nicht, dass die Kinder auf ihn warten mussten, wie damals bei ihrer Mutter, die nie ankam, weil ein angetrunkener Autofahrer ihr die Vorfahrt genommen hatte. Das waren feste Bilder in Johannas Kopf.
Auch an Saras ersten Schultag erinnerte sich Johanna. Der orangefarbene Tornister, die grüne Zuckertüte, das Karokleidchen und Saras Schwanken zwischen Freude und Furcht. Sammy hatte gemeint, David solle auch eine Tüte bekommen, damit er nicht leer ausgehe, doch Johanna fand, das sei keine gute Idee. Der liebe Sammy, immer darauf bedacht jeden zu umsorgen. Nein, das war Saras großer Tag. Sie sollte im Mittelpunkt stehen und sicherlich würde sie ihrem Bruder auch von ihren Süßigkeiten abgeben. David würde seinen großen Tag im nächsten Schuljahr haben. Dann die Fahrt mit dem Auto. Sara schwieg. Sammy versuchte, sie mit Scherzen aufzumuntern. Und als sie ausstiegen, auf diesem Parkplatz standen, nahm sie Sammys und Johannas Hand. Sie blickte hoch zu Johanna und sagte: „Mama, du kommst doch mit?“
Für Johanna war es in Ordnung gewesen, dass die Kinder sie bisher mit ihrem Vornamen angeredet hatten. Die Kinder waren ein Teil von Sammy und somit hatte sie die Kinder als einen Teil ihres Lebens akzeptiert. Ohne es sofort zu bemerken, hatte sie sich in die Kinder verliebt und da vor der Schule hatte Sara sie zum ersten Mal Mama genannt.
Dagegen hielt Johanna es für unwahrscheinlich, dass ihre Eltern sie liebten. Das war keine große Erkenntnis, kein großer Schmerz. Es hatte Kämpfe gegeben, aber die waren lange her. Sie waren ausgefochten, die Positionen klar.
Am leichtesten war es mit ihrem Vater gewesen, der selten in Erscheinung trat. Er hatte seine Arbeit als Chefredakteur und er hatte zu Hause sein Arbeitszimmer, in das er sich nach dem Essen zurückzog, um ein Buch zu lesen und einen Rotwein zu genießen. Bei Tisch, dort wo sie ihn am häufigsten sah, durfte nicht geredet werden.
Ein einziges Mal hatte er seine Tochter in sein Reich gebeten. Johanna wollte die Schule verlassen und eine Ausbildung als Goldschmiedin beginnen. Endlich würde sie weg können, ihr eigenes Leben genießen in einer kleinen Wohnung. So ihre Hoffnungen. Sie hatte heimlich Bewerbungen verschickt, doch dann hatte ihre Mutter es herausgefunden und gepetzt.
Der Vater redete, sie hörte zu. Seine Tochter würde Abitur machen und studieren. Was, das könnte sie selbst entscheiden. Ende des Gesprächs. Er verlangte nicht viel von seiner Familie, nur ein vorzeigbares Bild von Ehefrau und Tochter. Ein Bild, das seiner Position und seinem Selbstverständnis entsprach. Widerspruch duldete er nicht und war ihn auch nicht gewohnt. Also war ihr Fluchtversuch gescheitert, ihr Mut hatte nicht ausgereicht.
Ihr Vater war ein schöner Mann, ein kluger Mann, auf den sie als Kind stolz gewesen war. Sie erinnerte sich immer gern daran, wie sie ihn gebeten hatte, zum Elternsprechabend zu gehen. Überraschenderweise tat er ihr den Gefallen. Ihr schöner Vater in dem gestärkten Hemd und dem Maßanzug, als wäre er einem Katalog entsprungen, ging zu dieser schrecklichen Lehrerin, die Johanna das Leben schwer machte, sie an der Tafel vorführte, sie mit ihrem Blick hypnotisierte. Die Rechnung ging auf. Seit diesem Abend hatte die Lehrerin sie nicht mehr malträtiert, sogar Nachsicht gezeigt, wenn sie eine Erklärung nicht verstand. Als Kind hatte Johanna schnell begriffen, dass Frauen sich in der Nähe ihres Vaters auffällig benahmen. Ihre Stimmen wurden höher oder weicher, sie zupften an Haar und Kleidung herum oder hingen an seinen Lippen und ständig lächelten sie. Rudi, ein Nachbarsjunge, den sie nur doof fand, pflegte für solche Fälle immer die flache Hand auf seine Faust zu klopfen und „ficke, ficke Kuchen“ zu johlen. Am liebsten hätte sie ihm dafür eine gescheuert, aber das hätte nur Ärger gegeben. Natürlich hatte sie gewusst, was damit gemeint war, sie war kein dummes Kind gewesen.
Ihre Mutter dagegen war immer und überall da gewesen, nicht, dass sie sich Zeit für Johanna genommen hätte, dafür gab es genug im Haushalt und im Garten zu tun, aber morgens mäkelte sie bereits an Johannas Haar herum, das ihr nicht gekämmt erschien, mittags beschwerte sie sich, dass Johanna undankbar sei, weil ihr das Essen nicht schmeckte, nachmittags störte sie Johanna bei den Hausaufgaben, um im Kinderzimmer zu putzen und abends kontrollierte sie Zähne und Ohren. Oft hatte sich Johanna gewünscht, ihre Mutter würde irgendwo arbeiten gehen, so wie bei Claudia. Glückliche Claudia.
Johanna hatte immer gespürt, dass sie nicht die Tochter war, die ihre Mutter sich gewünscht hatte. Nie war sie mit ihr zufrieden gewesen. Im Supermarkt hatte sie einer Frau von einem Missgeschick ihrer Tochter erzählt. Sie fanden das lustig und dann hatte die Mutter noch gemeint, „unsere Johanna ist ein Sturkopf“, und hatte amüsiert den Kopf geschüttelt, „dabei habe ich mir immer ein Schmusekind gewünscht.“ Johanna hatte einen Klumpen im Magen gefühlt. Ja, die Mutter wollte ein Kind mit blondem, langem Haar, in das sie Schleifen binden, und dem sie schöne Kleidchen anziehen konnte. Johanna ließ die Eier aus dem Karton auf den Boden plumpsen. Sie wusste, wie sie die Nerven ihrer Mutter reizen konnte.
Genauso hasste ihre Mutter es, wenn sie mit ihren dreckigen Gummistiefeln über den Parkettboden lief. Ein Abdruck nach dem anderen, gekonnt gesetzt. Die Mutter schlug sie nie mehr als einmal, aber dafür war es stets ein Schlag mit voller Kraft. Er schien aus heiterem Himmel zu kommen, obwohl sie wusste, dass er kommen würde, wie ein Fallbeil. Bei einem Schlag flog sie sogar gegen den Türgriff, was eine Riesenbeule hervorrief. Ihre Mutter wendete sich dann ab, ging irgendeiner Beschäftigung nach, als sei nichts geschehen. Neben dem Schmerz, der Demütigung fühlte Johanna Überlegenheit. Ihre Mutter verlor die Kontrolle, wenn ihre Tochter es darauf anlegte, dabei war sie nur ein Kind.
Und ihre Mutter musste den Vater fragen, wenn sie neben dem Haushaltsgeld Ausgaben plante. Johanna dagegen bekam ein großzügiges Taschengeld von ihrem Vater. Reitunterricht und Hockey oder was immer Johanna gerade ausprobierte, zahlte er. Der Vater war der Meinung, Johanna könne gut mit Geld umgehen, denn sie investierte nicht alles in Süßigkeiten oder Spielzeug. Das war die einzige Anerkennung, die ihr Vater jemals geäußert hatte. Umso mehr hasste Johanna es, wenn ihre Mutter sie zum Vater schickte, damit sie ihn anlog und nach Geld für sich fragte, das die Mutter dann nahm. Wenn möglich, tat Johanna nur so, als habe sie den Vater gefragt und gab der Mutter ihr Erspartes, das sie für diese Fälle ansammelte. Auf diese Weise hatte Johanna den Umgang mit Geld gelernt.
Das Mittagessen war rechtzeitig fertig, als David in die Küche kam, seiner Mutter zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange gab und sich gleich einen Berg von Püree, Spinat und Fischstäbchen auf den Teller häufte. Sara grummelte nur ein Hallo, schaute in die Töpfe und verkündete, sie wolle erst später essen. Schon war sie auf ihrem Zimmer verschwunden. David dagegen verschlang sein Essen mit Appetit. Johanna setzte sich zu ihm und hörte ihm zu, wie er mit Glanz in den Augen von seiner Bandprobe erzählte. Zu seinem Geburtstag hatte ihm Johanna, wie gewünscht, eine Gitarre geschenkt und kaum konnte der Junge drei Griffe, hatte er mit seinen Schulfreunden eine Band gegründet und wollte auf dem nächsten Schulfest spielen. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Johanna schüttete ihm sein Glas nach. Sammy und sie hatten einen tollen Jungen großgezogen. Einen Jungen, dem es mit Fünfzehn nicht peinlich war, seine Mutter zu umarmen oder zu küssen, selbst nicht vor anderen Leuten. Natürlich war er auch ein Schlawiner, der wusste, wie er von seiner Mutter das bekam, was er wollte, aber er kannte seine Grenzen.
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