„Du siehst hübsch aus, meine Große.“ Der Vater setzte sie ab und wandte sich seiner Frau zu.
„Hast du Astrid bereits aufgeklärt?“, fragte er unvermittelt.
Die Mutter sah ihn an, als habe er mehr als einen Schnaps getrunken. „Dafür ist sie zu jung.“
„Dann übernehme ich das.“
„Auf keinen Fall. Sie braucht solche Sachen nicht zu wissen.“
„Es gibt so viele Geschichten, die ich höre, wenn ich unterwegs bin. Letztens hat die Polizei einen Jungen in der Lüneburger Heide gefunden. Solche Perverse gibt es überall.“
„Natürlich habe ich Astrid verboten mit Fremden mitzugehen.“ Die Stimme ihrer Mutter wurde schrill. Das passierte stets, wenn sie sich angegriffen fühlte.
„Und was, wenn sie den Mann kennt?“
„Wie wäre es, wenn du häufiger bei uns wärst, dann könntest du auf sie aufpassen.“ Nun überschlug sich ihre Stimme.
Der Vater sagte nichts, fuhr sich durchs Haar. Astrid mochte es nicht, wenn die Eltern stritten und sie mochte es nicht, wenn sie sich anschwiegen.
„Ich kenne mich aus.“ Sie winkte mit der Hand ab. Bei den Katzen, Hunden, Pferden, Kühen hatte sie häufig genug das beobachten können, was die Erwachsenen Sex nannten. Wenn die Frauen im Friseursalon darüber redeten, dann sagten sie Geschlechtsverkehr dazu.
Ihre Mutter schüttelte den Kopf, warf ihrem Vater Hemd und Hose zu und ging in den Salon. Er schlüpfte in seine Sachen und erklärte den Sex. Dinge erklären, davon verstand ihr Vater eine Menge.
Astrid hörte ihrem Vater aufmerksam zu und fragte ihm Löcher in den Bauch. Sie wollte alles genau wissen, doch als ihr Vater dann nicht aufhörte, von den Samen zu schwärmen, die Sportskanonen seien, flink, spritzig, meisterhaft, wurde Astrid sauer. Klar hatte ihr Vater solchen Samen, aber Malte, dieser Wichtigtuer auch? Astrid stampfte mit dem Fuß auf. Das sei ungerecht, dieser Idiot bekomme Tierchen, die überall hin konnten und sie habe nur so ein blödes Ei. Das sei superdoof.
Der Vater strich ihr über den Kopf und zog sie auf seinen Schoß. Er habe doch noch gar nicht zu Ende erzählt, meinte er, und sie kenne noch gar nicht die Geschichte wie sie, seine Tochter, die beste Tochter der Welt, entstanden sei. Er drückte sie an sich und rieb seine Bartstoppeln an ihrer Wange, worauf sie kreischte und lachte. Dann erzählte er.
Es gebe nicht nur ein Universum mit dieser einen Welt, sondern viele, viele mehr. Manche groß, manche klein. Und die mächtigsten Gestirne in jedem Universum seien die Sonnen.
Eines Tages machte sich eine Sonne in der Mutter auf, um in Dunkelheit und Stille das Leben zu bringen. Sie stieg empor, strahlte ihr Licht in die Welt. Ein gebieterisches, kraftvolles Leuchten, das Sehnsucht weckte, die Sehnsucht mit ihm zu verschmelzen.
Die Samen, Astronauten mit einer Botschaft, schossen durch das Universum. Nur einem gewährte die Sonne Gehör, sog ihn in ihr Inneres. Somit war dem Vater und der Mutter eine Tochter geschenkt.
Astrid rutschte vom Schoß des Vaters. Sie strahlte über das ganze Gesicht, denn mit einer Sonne konnte Malte, der Blödie, nicht mithalten. Ihr Vater war der klügste Mensch, er wusste alles.
„Und. Hast du vergessen, was ich dir vorhin gesagt habe?“, fragte der Vater.
„Nein“, fast war Astrid beleidigt. Ihr Vater hatte es doch häufig genug gesagt. „Wenn jemand was macht, was ich nicht mag, dann sag ich es dir oder Mama.“
„Dann pack ich mir den Kerl“, der Vater schnappte sich Astrid, die jauchzte als er sie in die Höhe warf und wieder auffing. „Dann schüttele ich den Kerl.“ Astrid wurde nun kopfüber von ihrem Vater an den Füßen gehalten. Was für ein Spaß.
Die Mutter riss die Schiebetür auf und rief: „Sei nicht so grob mit dem Kind.“ Die Tür zum Salon wurde wieder zurückgeschoben. Der Vater setzte Astrid auf den Boden ab. Von Spaß verstand die Mutter nur wenig, sie mochte lieber schimpfen oder verbieten.
„Papi“, sagte Astrid und zog an der Hand des Vaters, „können wir Pfannkuchen machen? Die Mami mag die so gerne und dann freut sie sich.“ Keiner konnte solche Pfannkuchen backen wie ihr Vater. Er holte Eier aus dem Kühlschrank und jonglierte damit. Mit dem Vater wurde es nie langweilig.
Die Pfannkuchen schmeckten lecker und sie verputzen Berge davon, scherzten, lachten und plauderten. Was für ein wunderbarer Tag. Astrid erhob auch keinen Einspruch, als die Mutter sie schlafen schickte, damit die Eltern unter sich sein konnten. Endlich war die Mutter glücklich.
Am Abend trieb der Durst Astrid aus dem Bett. Auf dem Weg zur Küche hörte sie hinter der Schlafzimmertür die Eltern streiten. Sie erschrak, der Vater wollte wieder fort, dabei war er doch gerade erst gekommen. Sie trat vorsichtig näher an die Tür, die einen Spalt offen stand, zuckte zusammen, als sie sah, wie die Mutter mit Fäusten auf die Brust des Vaters schlug. Sein Gesicht versteinerte sich und die Mutter schluchzte auf, schlang ihre Arme um seinen Hals. Er packte sie an den Armen und drückte sie von sich. Die Mutter bettelte darum, dass der Vater bei ihr bliebe, niemand würde ihn mehr lieben als sie.
„Du widerst mich an“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
„Mich wirst du nie los“, flüsterte sie fast, „ohne mich wirst du deine Tochter nie wieder sehen.“
„Wie will eine Gestörte mich davon abhalten?“
„Wenn sie dich erst einmal wirklich kennen lernt, dann weiß sie, was du bist, dann bist du nicht mehr ihr Held und ich nicht die Spielverderberin.“
„Du machst dich lächerlich“, der Vater verzog die Mundwinkel.
„Lächerlich? Ich? Du bist nie für uns da, weil du dich mit deinen Flittchen vergnügst und einen Bastard nach dem andern zeugst. Du bist ein schlechter Vater, du bist ein schlechter Ehemann.“
Die Eltern starrten sich voller Hass an. Dann wendete sich der Vater ab, er blieb kurz neben Astrid stehen, wollte etwas sagen, ging dann aber wortlos aus dem Haus. Nach einer Woche war er wieder da, so wie immer, früher oder später kam er zurück.
Die Morgenpost fiel durch den Türschlitz und Johanna, die gerade ihren Rucksack festzurrte, beobachtete, wie ein schwarz umrandeter Umschlag auf den Boden fiel. Keine Zeit für schlechte Nachrichten, dachte sie, rührte sich aber nicht von der Stelle, denn sie kannte die Handschrift, diese gestochen scharfen Buchstaben. Sie starrte auf ihren Mädchennamen, den sie seit Jahren nicht mehr trug. Was bedeutete das? Als sie den Brief aufhob, schmeckte sie das Frühstück, das aus einem Schinkenbrot und Orangensaft bestanden hatte. Sie schluckte, doch die Übelkeit kroch weiter in ihr hoch. Rasch ließ sie den Brief in ihrer Jackentasche verschwinden und gab dem Brechreiz nach. Im Bad würgte und spuckte sie und murmelte ein paar Flüche. Dann drückte sie den Spülknopf und setzte sich auf den Toilettendeckel.
Johanna rieb sich die Schläfen. Sie war eine Frau mit Lebenserfahrung, Intelligenz und einer Familie, für die sie die Verantwortung trug. Sie hatte eine Entscheidung zu treffen, sie allein. Was sollte sie tun? Vielleicht wäre ein Baby ein Neuanfang. Noch nie hatte Johanna ein Kind geboren, noch nie hatte sie den Wunsch dazu verspürt, noch nicht einmal Gedanken hatte sie daran verschwendet. Und nun, regte sich da eine Sehnsucht in ihr?
Johanna drehte den Wasserhahn auf, trank den bitteren Geschmack hinunter und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Du betrügst dich selbst, Johanna. Du hast zwei Stiefkinder, einen kranken Mann und einen Job. Sara würde dir nie verzeihen, willst du Sara verlieren? Und du warst ein schreckliches Kind. Keine guten Voraussetzungen.
Johanna holte den Brief hervor. War es eine Botschaft, eine Erinnerung oder warum hatte Katja den Mädchennamen mit angeführt? Das hatte sie noch nie getan. Johanna riss den Umschlag auf.
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