Es klopfte zaghaft an der Tür und sofort sah Leo auf seine Uhr: 21.38 Uhr, ziemlich spät für Besuch.
„Herr Fuchs? Sagen Sie mir nicht, dass Sie immer noch arbeiten,“ empfing ihn Frau Westenhuber erfreut.
„Selbstverständlich, wie Sie ja auch. Ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir die fragliche Stelle gefunden haben. Und zwar die Stelle, an der das Opfer in die Alz geschleift wurde. Den Tatort haben wir auch. Die Spuren sind eindeutig,“ rief er freudestrahlend und stolz aus. Er breitete auf Frau Westenhubers Schreibtisch die entsprechenden Fotos aus. „Hier sehen Sie den Tatort unweit des Fundortes, nur etwa 150 m flussaufwärts entfernt. Eine Geschosshülse konnten wir sicherstellen, sie war im Unterholz – die andere ist verschwunden. Sehen Sie hier auf dem Foto die eindeutigen Schleifspuren bis hier zum Ufer der Alz?“
„Ja, klar und deutlich.“
„Ich bin mir sicher, dass wir Abriebspuren auf Steinen den Schuhen des Opfers zuordnen können, die entsprechenden Ergebnisse sind morgen fertig. Blutspuren konnten wir leider noch nicht finden, es ist einfach schon zu dunkel. Gleich morgen früh nach der Besprechung machen wir uns auf die Suche. Die Stelle wurde gesichert und abgeriegelt. Ihre Zustimmung vorausgesetzt, habe ich dort zur Sicherheit einen Polizisten postieren lassen.“
Friedrich Fuchs platzte beinahe vor Stolz.
„Sehr gute Arbeit Herr Fuchs, ich bin wirklich beeindruckt. Wenn eine der beiden Geschosshülsen fehlt, dann könnten wir es doch mit einem Profi zu tun haben, denn wer sonst würde sich die Mühe machen?“
„Sehr spekulativ, die könnte wer weiß wie von der Stelle entfernt worden sein. Aber wir sollten diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen, da stimme ich Ihnen zu.“ Leo hatte sich an dem Gespräch mit dem kriminellen Milieu hier in der Provinz nicht beteiligt, schloss sich aber eher der Meinung Hieblers an: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und warum sollte es so etwas hier nicht geben? Die Bedingungen sind geradezu ideal: Jeder vertraut jedem und die Polizei ist kaum präsent. Trotzdem bereitete ihm die Vorstellung abermals eine Gänsehaut, denn wenn das so wäre, dann hätten sie ein Problem.
„Wisseen Sie was, Herr Fuchs? Weil Sie so fleißig waren und so viel gearbeitet haben, lade ich Sie jetzt auf ein Bier ein, das haben Sie sich redlich verdient. Haben Sie Zeit und Lust?“
„Aber gerne.“ Friedrich Fuchs konnte sein Glück kaum fassen, denn noch niemals vorher wurde er privat von einem Kollegen eingeladen, und dann gleich von der hochkarätigen Frau Westenhuber.
„Was ist mit Ihnen, Herr Schwartz?“
„Danke, ich verzichte.“
Die beiden zogen davon und Leo musste lachen, denn Frau Westenhuber wickelte Fuchs so richtig um den Finger – herrlich anzuschauen. Auch Leo machte sich nun auf den Heimweg, wobei er sich zwingen musste, nicht an den Fall zu denken, was gar nicht so leicht war. Am liebsten hätte er mit seiner Viktoria gesprochen und sich mit ihr ausgetauscht, aber um die Zeit wollte er sie nicht mehr stören, sie schlief hoffentlich tief und fest.
Er parkte seinen Wagen vor dem Hof von Tante Gerda, die eigentlich Hans Hieblers Tante war, die aber alle nur Tante Gerda nannten. Hier hatte er vor fast einem Jahr eine neu ausgebaute Wohnung bezogen, in der er sich sehr wohl fühlte. Der Hof lag bereits im Dunkeln und er bemühte sich, die Wagentür leise zu schließen, um Tante Gerda nicht zu stören. Aber zu spät: Felix begrüßte ihn mit lautem Gebell! Leo mahnte ihn, leise zu sein, aber der Hund dachte nicht daran. Er sprang an Leo hoch, sauste davon und holte schließlich einen Ball. Natürlich spielte er mit dem Hund, er konnte nicht anders – und war ganz schnell abgelenkt. Die Tür ging auf und Tante Gerda kam mit zwei Gläsern Rotwein in der Hand heraus, schaltete das Außenlicht an und setzte sich auf die Holzbank.
„Setz dich zu mir, du hattest bestimmt einen schweren Arbeitstag,“ sagte sie lächelnd und reichte ihm das Glas.
„Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, aber Felix…“
„Ist schon gut. Ich weiß, dass man dem kleinen Kerl kaum widerstehen kann. Außerdem kann ich bei der Hitze sowieso nicht schlafen.“
Leo setzte sich zu Tante Gerda und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während Felix immer wieder von ihm einforderte, den Ball wieder und wieder zu werfen, bis er schließlich erschöpft auf die Bank sprang und sich zufrieden zwischen die beiden legte.
Leo hatte den Hund bei seinem ersten Fall bei der Polizei Mühldorf in einem erbärmlichen Zustand gerettet. Er war auf dem verwahrlosten Sinder-Hof in Tüßling der Hofhund und lebte angebunden an eine kurze Kette, die sich in sein Fleisch gearbeitet hatte. Das war ein schrecklicher Anblick, den keiner der Beteiligten so schnell vergaß. Tante Gerda hatte den Kleinen sofort in ihr Herz geschlossen und zu sich genommen. Von dem Zustand vor einem Jahr war nichts mehr zu sehen. Felix war gesund und munter und hatte alle, vor allem Tante Gerda, vollkommen im Griff.
Sie saßen schweigend auf der Bank und tranken in Ruhe ihren Rotwein, wobei Leo langsam abschalten und sich entspannen konnte. Die Sterne leuchteten am Himmel und es war kaum eine Wolke zu sehen. Nur ab und an erschien der Kondensstreifen eines Flugzeuges, sonst war alles ruhig und friedlich. Und wenn jetzt auch noch seine Viktoria hier wäre, wäre alles perfekt!
Werner Grössert hatte an das Gespräch mit seiner Mutter nicht mehr gedacht, als sie gegen 7.00 Uhr bei ihm zuhause anrief.
„Was hast du wegen der Steuerprüfung erreichen können?“
„Noch nichts, Mutter, ich bin leider noch nicht dazugekommen. Ich kümmere mich später darum.“
Seine Mutter sagte nichts darauf, sondern legte einfach auf.
Jetzt hatte Werner Grössert ein schlechtes Gewissen. Seine Mutter wusste genau, wie sie mit ihm umzugehen hatte. Er war sauer auf sie, aber vor allem ärgerte er sich über sich selbst – nicht, weil er das mit der Steuerprüfung vergessen hatte, sondern dass es seine Mutter immer wieder schaffte, dass er sich wie ein kleines Kind fühlte. Er trank rasch seinen Kaffee aus und warf einen Blick ins Schlafzimmer, wo seine Frau noch seelenruhig schlummerte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er schloss leise die Tür. Seine Frau war tatsächlich schwanger, obwohl die Ärzte nicht daran geglaubt hatten, dass sie aufgrund ihrer Hautkrankheit und den vielen Medikamenten überhaupt schwanger werden könnte. Erst vor wenigen Tagen hatten sie die Nachricht bekommen und seine Frau hatte sofort alle Medikamente abgesetzt. Werner war überglücklich und freute sich sehr auf das Kind. Und er war sehr stolz auf seine Frau, die sich tapfer hielt und niemals jammerte, obwohl sie mit Übelkeit und Kreislaufproblemen zu kämpfen hatte.
Er schrieb seiner Frau eine kurze Nachricht, legte den Zettel auf den Küchentisch und stieg in seinen Wagen. Sofort rief er seinen Freund beim Finanzamt Mühldorf an, der immer der erste im Büro war, dafür aber auch früher ging.
„Guten Morgen Bernd, hier Werner Grössert.“
„Der Werner! Servus, altes Haus. Lass mich raten: Du missbrauchst mal wieder meine Gutmütigkeit? Warum sonst würdest du mich in aller Herrgottsfrüh anrufen?“
„So ist es, du hast mich erwischt. Ich möchte dich auch nicht lange aufhalten und um den heißen Brei herumreden: Bei meinen Eltern steht offenbar demnächst eine Steuerprüfung an.“
„Verstehe. Einen Moment, ich rufe den Fall auf. – Oje ,das sieht nicht gut aus, Werner. Es steht tatsächlich eine Steuerprüfung an, und zwar, weil es bei deinen Eltern in der Kanzlei gravierende Unstimmigkeiten gibt.“
„Das muss ein Missverständnis sein. Wie kommt das Finanzamt darauf?“
„Du bringst mich echt in eine schwierige Lage, denn das ist ein laufendes Verfahren, von dem ich dir nicht viel, eigentlich überhaupt nichts sagen darf. Ich kann dir nur so viel verraten, dass dem Finanzamt Informationen vorliegen, die eine Prüfung unumgänglich machen.“
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