Auch am Samstagmorgen, nachdem wir das „Hotelzimmer“ endlich verlassen und unser Gepäck im Bahnhofsschließfach deponiert haben, frühstücken wir im Café Kobalt. Alles ist genau so perfekt wie an den Vortagen, nur diesmal vermissen wir die Katze. Unsere Fahrkarten sind noch gültig, und daher geht es erneut auf eine kleine Reise zum Stadtrand. Diesmal wollen wir mit der „14“ zum Soetermeer. Durch weiträumige Türkenviertel hindurch, in denen das Leben nur so tobt, fahren wir bis zur Endstation. Nichts los hier? Nichts. Aber dann entschließen wir uns, das Soetermeer zu suchen. Irgendwo muss es doch sein. Was wir schließlich entdecken, kommt uns vor wie aus einer anderen Welt. Zunächst führt der Weg unter sehr hohen Bäumen hindurch, rechts und links nur Wiesen, und endlich sehen wir das Meer. So ein schöner, ruhiger Anblick. Auch das ist Amsterdam. Weit hinten das Ufer, davor viele kleine bunte Schiffe; offenbar ein Bootsverleih. Und über allem eine unglaublich wohltuende Stille. Nur wenige Leute auch hier – die Amsterdamer haben es scheinbar nicht so mit der Bewegung in der freien Natur. Wir schon. Aber die Zeit läuft, und wir müssen zurück in Richtung Innenstadt, um nicht aus dem Zeitbereich unserer Fahrkarten heraus zu geraten. Am Dam, mitten im Zentrum und nicht weit vom Bahnhof entfernt, steigen wir kurz vor 14.00 Uhr aus. Gerade noch geschafft! Wir gehen noch etwas essen und trinken ein letztes Amstel-Bier.
Während der Rückfahrt denke ich mit großem Vergnügen an unsere kleine Reise und die vielen Eindrücke zurück, und ganz besonders an das Zusammensein mit Britta. Es tut so gut, das Kind, wenn es auch schon längst erwachsen ist, mal ein paar Tage ganz für sich allein zu haben und dabei zu erfahren, was es denkt und plant und welche Wünsche und Träume es hat.
Am Kölner Hauptbahnhof empfängt uns Hannes, und nur wenige Minuten später erklingt am Bahnhofsvorplatz wunderbares Glockengeläut. Für uns? Natürlich nicht. Es hat mit der Domwallfahrt zu tun, die an diesem Wochenende in Köln stattfindet. Und es läuten nicht nur die Glocken des Doms, sondern auch alle der benachbarten Innenstadt-Kirchen. Tolle Akustik, tolle Atmosphäre.
„Ratet mal, wer noch mitgekommen ist?“
Marvin steht ans Auto gelehnt und lächelt uns freundlich zu. Wir sind froh, dass wir wieder zurück sind. Zuhause finde ich erfreuliche Post im Briefkasten. Da ich mich ja oft so müde und elend fühle, habe ich vor Wochen über meinen Hausarzt eine Kur beantragt, und sie ist tatsächlich bewilligt worden. Im Januar soll es losgehen.
An einem warmen Herbsttag zieht es mich nach Köln-Sülz, in das Stadtviertel meiner Jugendzeit. Meinen Spaziergang starte ich an einem Schreibwarenladen, den es schon seit Jahrzehnten gibt, und blättere in Reclam-Heftchen, was mich sogleich an meine Schulzeit erinnert. Ich gehe weiter und sehe das Schulgebäude, in das ich vor Jahrzehnten täglich ging, und genau gegenüber, wo früher ein kleiner Kiosk in einem Eckhaus untergebracht war, befindet sich mittlerweile ein Schmuckladen. Hier gibt es nun für die Schüler keine Lakritzen, Drops und Pfefferminzbonbons mehr, auch keine Gummibärchen und Colalutscher. Oder Waffeln – die mit dem klebrigen rosa Zeug drin. So was haben wir Schülerinnen dort gekauft und auf dem Heimweg verzehrt. Plötzlich ein starker Wind, der mir Birkenblätter um die Füße wirbelt. Ja, so langsam beginnt der Herbst, auch wenn es heute noch richtig warm ist. Nun weiter die Straße entlang in Richtung meines früheren Zuhauses; etwa vierzig Jahre lang bin ich diese Strecke, meinen damaligen Heimweg von der Schule, nicht mehr gegangen. Schließlich biege ich um die Ecke und fotografiere beim Näherkommen das Haus, in dem ich gewohnt habe. Noch näher komme ich, noch ein Foto, und da sehe ich, dass die Haustür offen steht. Das ist aber sehr verlockend. Ich kann nicht widerstehen und gehe einfach mal in den Hausflur. Alles erkenne ich sofort wieder, den gemusterten Steinboden, das verschnörkelte Treppengeländer, die abgewetzten Stufen.
Und überraschend schnell bin ich schon oben, gucke aus dem Treppenhausfenster und sehe auch da: Es ist fast alles wie gehabt. Die Höfe und Gärten scheinen kaum verändert zu sein, lediglich die Bäume sind viel höher und alles ist dichter bewachsen. Auch auf den Balkon rechts im 1. Stockwerk gucke ich. Im Zimmer dahinter und dem Nachbarraum habe ich als Untermieterin meine erste eigene Bude gehabt, während meine Eltern auf der gleichen Etage in der gegenüberliegenden Wohnung lebten. Plötzlich wundere ich mich über meinen Mut, hier einfach so die Treppen zu ersteigen. Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich unglaubliches Herzklopfen habe. Die Ursache ist vermutlich eine Mischung aus dem Erinnern an eine eigentlich doch ganz schöne Jugendzeit und der Angst, ertappt zu werden. Ich mache nun, dass ich hier wieder wegkomme. Was soll ich bloß sagen, wenn mir ein Hausbewohner begegnet und ich erklären soll, was ich hier zu suchen habe? Noch Minuten, nachdem ich das Haus verlassen habe, bin ich nervös und zappelig.
Gleichzeitig aber fällt mir nun wirklich eine Menge aus den 1960er-Jahren ein, und meine Gedanken schweifen ziemlich ab, während ich vor mich hin trotte. Als ich am Radiogeschäft vorbeikomme, erinnere ich mich, dass ich da meine ersten Schallplatten von den Beatles („Roll over Beethoven“) und den Rolling Stones („Satisfaction“) gekauft habe, etwa 1964 wird das gewesen sein. Den Laden gibt es immer noch. (Und beide Titel finde ich auch immer noch gut.)
Zu Weihnachten hatte ich ein Tonbandgerät bekommen und war nun in der Lage, meine Lieblingstitel aus dem Radio auf Band aufzunehmen. Unser Radio war ein Röhrengerät, an das man kein Tonbandgerät anschließen konnte zum direkten Übertragen von Aufnahmen. Deshalb saß ich davor, mit dem Mikrofon in der Hand, starrte auf das grüne Auge des Radios und wartete auf gute Musik. Manchmal kamen erste Takte, die ich aber falsch interpretierte. Dann war es nämlich doch nicht der Titel, für den ich es gehalten hatte. Also wieder zurück spulen und die richtige Stelle nach dem zuletzt aufgenommenen Lied finden, damit der Anschluss stimmte. Ach, es war schon schwierig. Und dann mein Vater. Er sah ja meine mühevolle Kleinarbeit, machte sich darüber lustig und vermasselte mir mehrmals – absichtlich – die Tour, indem er sich grinsend ins Zimmer stellte und laut trötend die Nase putzte. Das Geräusch wurde natürlich, wenn auch eher im Hintergrund, mit aufgenommen. Und ich konnte mich nicht einmal beschweren, weil ja auch mein Geschimpfe auf dem Tonband verewigt worden wäre. Aber am Ende war ich doch zufrieden, denn nun konnte ich, so oft ich wollte, meine Lieblingstitel hören.
Im Frühjahr fand die letzte Phase meines Konfirmandenunterrichts statt, welcher stets um 15.00 Uhr begann. Aber mehrere Wochen lang kam ich stets zu spät, weil um die Zeit im Radio eine Hitparade lief. Auf Platz 1 stand „Flash“ von „Marquis of Kensington“, und diesen Titel wollte ich unbedingt hören. Die Sendung war kurz vor drei zu Ende, ich fuhr dann so schnell es ging mit dem Rad zum Gemeindehaus, kam aber doch einige Minuten zu spät, was der Pfarrer mit bedeutungsvollem Blick auf seine Armbanduhr kommentierte. All das und noch viel mehr sehe ich wieder deutlich vor mir.
Ich brauche eine Pause und setze mich ins Eiscafé, um einen Cappuccino zu trinken. Gleich zu Beginn muss ich ein Herbstblatt aus meiner Tasse fischen, genieße dabei die Sonne und lasse weitere Erinnerungen aus längst vergangenen Jahren auf mich einwirken: Seit einigen Monaten trug ich die Kirchen-Zeitung im feinen Nachbarvorort Lindenthal aus. Vierteljährlich musste ich die Beiträge kassieren. Die Villenbesitzer gaben wenig oder gar kein Trinkgeld, die Bewohner der Mehrfamilienhäuser dagegen schon. Eines schneereichen Abends im Februar hat mich mein Vater begleitet, und es hat ihn so entsetzt zu sehen, wie dunkel und einsam an Winterabenden die dortigen Straßen waren, dass ich den ersten Job meines Lebens sofort kündigen musste. In dem Halbjahr, in dem ich die Kirchen-Zeitung austrug, hatte ich auf wundersame Weise eine Zwei in Religion, aber auf dem nächsten Zeugnis, nach Beendigung meiner Austrägerzeit, gab es die übliche Vier.
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