„Ich hätte gern ein Kölsch.“ gebe ich leicht grinsend meine Bestellung ab. Eine beleibte Dame am Nebentisch blickt irgendwie strafend auf das Glas, welches mittlerweile vor mir steht. Sie trinkt Apfelsaft, hat aber einen blank gegessenen Teller vor sich stehen, auf dem ich Minuten vorher noch massenhaft Fritten habe liegen sehen. Alles weggeputzt. Nun gucke ich eben strafend auf diesen Teller, und sie und ich sind jetzt quitt.
Der Geigenspieler, der minutenlang so schrill gespielt hat neben dem Tisch, sorgt dafür, dass ich heute gleich noch was lerne, nämlich dass ich auch Nein sagen kann. Der Musiker hält mir seinen Pappbecher entgegen, doch ich rücke keinen Cent raus, denn es war ein schreckliches Gefiedel. Ins Gesicht gucken kann ich dem Mann während meiner Ablehnung jedoch nicht.
Neue Schuhe brauche ich. In einem Geschäft probiere ich Schuhe an mit schmalem Absatz und beginne sofort, zu wackeln. Das scheint nichts mehr für mich zu sein, ich brauche breitere Absätze. Einen längeren Blick werfe ich auf ein paar Turnschuhe, farbig und gemustert, aber ich glaube, so etwas ist für mich nicht mehr geeignet. Ich stelle mir schon vor, wie ich mit den Dingern herumlaufe und ein entgegen kommender Mensch sich fragt, ob ich mir wohl die Schuhe von der Enkelin geliehen habe. Ich rühre die Schuhe gar nicht erst an. Nachdem ich später mit meinem neuen, relativ gediegenen Schuhwerk im Karton heimwärts gehe, sehe ich eine Frau mit rotem Wallerock, bunter Bluse und vielen Ketten; überhaupt ist sie recht dramatisch aufgemacht. Sie ist etwa in meinem Alter, hat aber viel mehr Mut. Vielleicht hätte ich die bunten Turnschuhe doch mal anprobieren sollen?
So richtig unter Druck gesetzt fühle ich mich derzeit im Büro. Vieles soll, muss fertig werden, unverzüglich! Diesen Begriff verwendete mein Chef vor ein paar Tagen, kaum, dass ich morgens eingetroffen war und noch nicht meine Jacke ausgezogen hatte. Gestern habe ich mit Höchstgeschwindigkeit einen Text zu Ende geschrieben, damit ich heute Zeit haben würde für andere dringende Dinge. Mein Zeitvorrat geht jedoch drauf für eine andere Tätigkeit, zu der ich noch etwas wissen muss. Der Chef ist aber jetzt außer Haus, ich kann ihn nicht fragen und komme nicht von der Stelle. Es geht alles nicht wie gewünscht und ein Papierstau am Kopierer tut sein Übriges. Und schon geht es wieder los mit den Ohren – das linke ist besonders betroffen. Rauschen und Pfeifen wechseln sich ab, mal laut, mal etwas leiser. Den ganzen Tag, bis in den Nachmittag hinein, bin ich nun wieder voller Wut und Fluchtgedanken. Kündigen wollen. Weg mit diesem Job. Anita und ich gehen am Nachmittag in ein Café, um zu quatschen. Sie erzählt von ihren diversen Problemen, die auch ihren ungeliebten Aushilfsjob betreffen. Meinen Einwand „Ich könnte im Moment auch nur reinschlagen.“ übergeht sie. Schade, ich hätte gerne mal gehörig Dampf abgelassen.
Am nächsten Morgen bei den ersten Gedanken ans Büro beginnt schon wieder das Ohrenrauschen. Am Vormittag sitze ich über einer Arbeit, wie üblich in letzter Zeit wie gehetzt. Schnell dieses fertigstellen, schnell ans nächste.
„Ich muss hier weg.“ platzt es unvermittelt und zu meiner eigenen Überraschung aus mir heraus. Meine mir gegenüber sitzende Kollegin schaut mich ratlos an, meint dann aber: „Vielleicht geht es Dir dann besser.“ Mehr gibt es dazu offenbar nicht zu sagen. Ich habe das Gefühl, mich sofort zur Ruhe zwingen zu müssen, daher stelle ich mich ans Fenster, atme ein paarmal tief durch, und sortiere danach ein paar Dinge auf dem Schreibtisch von hier nach da und wieder zurück. Meine eigentliche Arbeit betrachte ich für heute als beendet, eine Form von Selbstschutz vermutlich.
Auf dem Heimweg an der Ampel spüre ich ein inneres Zittern, ich kann kaum still stehen. Erst als Grün ist, und ich weitergehen und mich bewegen kann, beruhige ich mich etwas. Immer noch bin ich fest entschlossen, zu kündigen. In der Straßenbahn male ich mir meine Zukunft in den tollsten Farben aus: Viel Zeit, auch, um zuhause mal endlich alles ordentlich zu schaffen. Auch handwerklich könnte ich mich betätigen; manche kleineren Schadstellen im Haus warten seit Jahren aufs Fertigstellen, obwohl wir uns an manche Provisorien mittlerweile gewöhnt haben. Eine Menge schöner Pläne und möglicher Vorhaben schwirren durch meinen Kopf und ich lächle vor mich hin. Der Mann, der mir in der Bahn gegenüber sitzt, lächelt zurück. Oh, ihn meine ich doch gar nicht.
Allmählich jedoch breitet sich im Kopf der Gedanke aus, dass wir ja auch meinen Verdienst brauchen. Es nützt nichts, diese Tatsache zu verdrängen. Schon beginnt mein Vorhaben wieder zu bröckeln. Lieber nicht kündigen? Vielleicht doch weiter machen, so gut es geht? Oder endlich mal den Chef auf mein Arbeitspensum ansprechen? Ein Aufschub. Vielleicht ist dieser Aufschub aber auch das Schlimmste, was ich mir antun kann, denn mir geht es gar nicht gut, im Grunde schon seit vielen Wochen. Häufiges Ohrenrauschen, mitunter rasendes Herzklopfen und manchmal Kribbeln im linken Arm. Wenn ich nur wüsste, was ich tun soll. Ein ewiges Hin und Her in meinem Denken.
Zuhause lege ich mich fast unmittelbar in mein Bett, weil ich wie gerädert bin. Und das Ohrenrauschen, welches ja schon heute morgen begann und von dem ich glaubte, es wäre vor lauter schöner Gedanken und Pläne in Bezug auf meine nicht berufstätige Zukunft auf einmal weg gewesen, ist auch wieder da. Nach wenigen Minuten kommt unsere Katze Fussy hinterher, die jede Gelegenheit nutzt, sich anzukuscheln. Ich kann die Augen nicht mehr offen halten, falle in einen Halbschlaf, schrecke häufig auf und zucke mehrfach zusammen. Zugleich registriere ich deutlich, was mit mir passiert: Der rechte Arm verkrampft sich, ich bemerke enormes Herzrasen, eine Art stolpernde Herzschläge, und schließlich zuckt meine Unterlippe, in der es auch seltsam kribbelt. Vielleicht dümpele ich gerade zwischen Herzinfarkt und Schlaganfall vor mich hin. Ich habe den Eindruck, dass irgendwas mit mir aufs Fürchterlichste geschieht, bin aber nicht in der Lage, zu reagieren. Nebenan höre ich Marvin, bin aber unfähig, ihn zu rufen. Nichts geht. Erstaunlicherweise macht mir das nichts aus, ich wundere mich nur darüber.
Da wechselt Fussy die Stellung und legt sich quer über meinen Bauch. Ihr Blick sagt „Streicheln!“ Und das tue ich. Ganz lange und ganz langsam. Eigentlich möchte ich allmählich wieder aufstehen, aber die Katze guckt so lieb, also streichele ich weiter. Endlich merke ich, wie ich ruhiger werde. Fussy mit ihrem Schnurren, welches ich ja nicht nur höre, sondern auch in den Händen spüre, entspannt mich; ich werde zur Ruhe gezwungen.
Ach Du liebes Tier, wenn Du ahnen könntest, wie gut Du mir jetzt im Moment tust.
Hannes gegenüber erwähne ich beim Abendessen meine Gedanken und Nöte der letzten Stunden. Zwar wirkt er nicht allzu beglückt, will mir aber die Idee einer eventuellen Kündigung nicht ausreden. Sicher denkt er, das würde wieder vorüber gehen. Ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich so rede und meine Pläne dann doch wieder verwerfe.
Sehr früh bin ich am nächsten Morgen wach. Es ist Samstag. In der Zeitung lese ich, dass es nur vormittags trocken sein wird, später gibt es vermutlich Regen. Meist verlasse ich mich ja auf den Wetterbericht, was bei Hannes regelmäßig für Heiterkeit sorgt. Ich entscheide mich für einen frühen Spaziergang und verlasse das Haus. Kurz nach halb zehn bin ich im Stadtwald, und schon nach kurzer Zeit des Gehens auf dem Waldweg merke ich, dass das eine gute Idee war. Allein die Möglichkeit, tief ein- und durchzuatmen scheint mir heute so wichtig zu sein. Ein Stück vor mir führt eine Frau einen Chow-Chow an der Leine; diese Hunderasse habe ich viele Jahre nicht gesehen. In meiner Kindheit gab es die häufiger – und schon denke ich an meine Kindheit zurück.
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