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Die Boeing 787-8 Dreamliner der American Airlines aus London Heathrow setzte unsanft auf der regennassen Piste des Dulles Airport in Washington D.C. auf und bremste auf die erforderliche Geschwindigkeit ab, um auf den nächsten Expreßrollweg abzubiegen. Nachdem die Maschine beim Terminal B an einem der Jetways angedockt hatte, strömten die Passagiere nach Verlassen des Flugzeugs durch endlos scheinende Gänge zu den Einreisekontrollen. Dort bildeten sich die üblichen Warteschlangen, da wieder einmal nur ein Drittel der zur Verfügung stehenden Schalter besetzt war.
»Der Zweck Ihrer Reise, Sir?«, fragte der Officer der Border Control and Homeland Security den Passagier, während dem er dessen Einreisepapiere und Reisepass kontrollierte. Er musterte ausdruckslos das Gesicht des Mannes und deutete ihm an, in das Kameraauge zu blicken, das ihn durch die Glasscheibe unmittelbar neben dem Schalter anstarrte. Den Reisepass legte er auf die Scheibe des Scanners.
»Leider nur geschäftlich«, antwortete der Mann. Als nächstes wurden die Fingerabdrücke beider Hände geprüft. Der Officer mit dem Pokerface drückte einen Stempel in den Reisepass und schob ihn über die Theke zurück. »Willkommen in Washington, Mr. Russo.«
John Russo steckte den Pass in seine Jackentasche und begab sich auf direktem Weg zu der Gepäckausgabe, wo zwischenzeitlich schon die Gepäckstücke des Fluges AA 6193 auf dem Förderband ihre Runden drehten. Russo schnappte sich seinen Rollkoffer und schob ihn Richtung Ausgang, wo sich auch die Schalter der verschiedenen Mietwagenfirmen befanden. Er trat an den Schalter von Alamo und nannte seinen Namen. Der Angestellte hinter dem Tresen überreichte ihm den Schlüssel für einen im voraus reservierten Ford Explorer. Mit einem Shuttlebus wurde er zum Mietwagenparking gefahren, wo er den Wagen übernehmen konnte.
Er tippte ›Holiday Inn, Springfield‹ in das Navigationsgerät und steckte den Schlüssel in das Zündschloss. Mit einem sonoren Brummen wurde der V6 Motor zum Leben erweckt. Dank des geringen Verkehrs an diesem Sonntagmorgen schaffte er die 27 Meilen in einer knappen halben Stunde. Am Ziel angekommen parkte Russo den Wagen, nahm seinen Koffer und betrat das Hotel.
»Auf den Namen John Russo wurde ein Zimmer reserviert«, sagte er zu der hübschen, aber etwas zu bunt bemalten Blondine hinter der Rezeption. Sie schaute kurz auf den Bildschirm ihres Computers und griff dann in eines der Fächer hinter sich.
»Hier ist bereits eine Nachricht für Sie, Mr. Russo. Und hier Ihre Schlüsselkarte für das Zimmer 6027 in der sechsten Etage. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Russo fuhr mit dem Fahrstuhl nach oben und betrat sein Zimmer. Nachdem er sein Gepäck auf die Kofferablage gelegt hatte, öffnete er den Briefumschlag. Darin befand sich eine kurze, nur aus drei Zeilen bestehende Nachricht:
I-95 S, Exit 152A -> Dumfries
04:00 pm -> Forest Park
mit Souvenir für Onkel James
Russo runzelte die Stirn. Mit Souvenir war offenbar der Miniaturscanner gemeint, den er aus dem Aktenvernichter des Professors entfernt hatte. Was aber sollte diese Geheimniskrämerei? Man hätte ihn doch einfach anrufen können, um einen Treffpunkt auszumachen, anstatt ihm diesen schriftlich in ein Rätsel verpackt mitzuteilen. Auf seinem iPhone startete er die Suchmaschine und kam nach kurzer Zeit zur Erkenntnis, dass er auf der Interstate 95 Richtung Süden bis zur Ausfahrt Dumfries fahren sollte. Aber wo zum Teufel war Forest Park? Dem Namen nach musste es sich wohl um eine größere bewaldete Gegend handeln, was im Umkreis von Washington ja nichts Außergewöhnliches ist. Eine weitere Google-Suche ergab, dass es sich aber tatsächlich um eine kleine Überbauung handelte, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Prince William Forest Parks lag. Und dieser lag unmittelbar neben dem Übungsgelände des United Marine Corps von Quantico!
John Russo verspürte ein leichtes Kribbeln im Magen. Er wusste nicht viel über die Umgebung von Quantico, aber schon allein der Name machte ihn nervös. In Quantico befindet sich unter anderem die FBI-Akademie. Wurden auf dem Übungsgelände der Marines nicht auch regelmäßig angehende FBI-Agenten ausgebildet? Und wer zum Henker war Onkel James? Die Kontaktperson, die ihm schon in Äthiopien am Satellitentelefon Weisungen erteilt und ihn schlussendlich nach Washington zurück beordert hatte, hieß Bryan und würde ihn wohl kaum auf diese rätselhafte Art benachrichtigen. Er nahm sich vor, äußerst aufmerksam zu sein, denn aufgrund der Art der Mitteilung und der Wahl des Treffpunktes war er misstrauisch geworden und witterte eine Falle.
Er stellte den Zahlencode seines Koffers ein und öffnete ihn. Nachdem er seine Kleider entnommen hatte, zog er an dem Reißverschluss der Stoffverkleidung, die das ausziehbare Gestänge zwischen Innenfutter und Kofferschale verbarg. Er drehte eines der Rohre um eine halbe Umdrehung und konnte so die Griffstange ablösen. Im Inneren der Metallröhre befand sich der Mini-Scanner mit den Daten aus dem Aktenvernichter.
Nachdem er das Gerät vorsichtig entnommen hatte, klappte Russo den Koffer wieder zu. Die wenigen Kleider und die zwei Paar Schuhe versorgte er im Kleiderschrank. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er noch genügend Zeit hatte, eine Kleinigkeit zu essen, denn auf dem Nachtflug von London nach Washington hatte ihm nichts von den angebotenen Speisen zugesagt. Nun meldete sich aber der Hunger und so begab er sich in das zum Hotel gehörende Restaurant und bestellte sich einen Caesars Salat und dazu ein Glas Rotwein.
Während er aß, dachte er über die vergangenen Ereignisse nach. Man hatte ihn schon vor längerem in das Team des Professors eingeschleust, um dafür zu sorgen, dass die Ausgrabungen nicht behindert wurden, aber vor allem um sicherzustellen, dass Unterlagen wie Fotos oder Notizen von möglichen Ausgrabungen nicht in falsche Hände gerieten. Über die ganzen Monate, als er das Forschungsteam in Äthiopien begleitete, hatte er entgegen seinen Vorsätzen ein fast kameradschaftlich zu nennendes Verhältnis zu Nielsson aufgebaut. Deshalb war er von den Absichten des Professors umso mehr enttäuscht und die Entscheidung, ihn laut Anweisung notfalls auch auszuschalten, ist ihm nicht einmal besonders schwer gefallen. Abgesehen davon, dass Nielsson zu dem Zeitpunkt bereits einen Teil seiner Arbeit vernichtet hatte, wäre jeder weitere Versuch ihn umzustimmen, sinnlos gewesen. Höchstwahrscheinlich wäre er nur misstrauisch geworden und Neils Tarnidentität hätte auffliegen können.
Einzig der Umstand, dass mit dem Mini-Scanner die schriftlichen Unterlagen vor der endgültigen Vernichtung gerettet wurden, konnte ihn etwas beruhigen. Dass er aber nun genau diese Aufzeichnungen einer bislang unbekannten Person ausliefern sollte, bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er sah auch keine Möglichkeit, seinen Kontaktmann Bryan anzurufen, da dieser ihm außer der Anschlussnummer für das Satellitentelefon keine andere Telefonnummer mitgeteilt hatte. Und diese war offenbar nicht mehr aufgeschaltet. Wenn er es genau überlegte, wusste er nicht einmal mit Sicherheit, für was für eine Regierungsstelle dieser Bryan arbeitete. Wahrscheinlich war Bryan auch nicht sein richtiger Name...
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