»Jawohl, Herr Professor«, grinste Neil.
Nielsson blätterte hektisch in den Papieren.
»Wissen Sie, was wir mit diesen Unterlagen machen sollten? Vernichten sollten wir sie! Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn diese Papiere in falsche Hände geraten. Man wird meine Karriere zerstören, indem man meine Forschungsergebnisse ins lächerliche zieht. Sehen wir das ganze doch mal nüchtern. Die Ergebnisse der Untersuchung widersprechen doch allen Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. So etwas darf es einfach nicht geben.«
Neil wurde misstrauisch. Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Schließlich hatten er und der Professor in den letzten Wochen manchmal bis tief in die Nacht an den Forschungsergebnissen gearbeitet. Und nun wollte er von alledem nichts mehr wissen?
»Wollen Sie wirklich auf Ruhm und Ehre verzichten? Diese wären Ihnen jedenfalls sicher, wenn die Forschungsergebnisse in den entsprechenden Medien veröffentlicht würden«, entgegnete Neil, »und ich als Ihr Assistent dürfte wohl auch nicht ganz leer ausgehen, nicht wahr?«
Nielsson war ein absoluter Egomane und hatte keinesfalls die Absicht, Ruhm und Ehre, wie es Neil Edwards bezeichnete, mit irgend jemandem zu teilen. Es war Edwards schon vor längerem aufgefallen, dass der Professor offensichtlich an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt. Nun reagierte dieser auf eine untypische Art und Weise, was bei ihm sämtliche Alarmglocken klingeln ließ.
»Schon möglich, aber das Risiko ist mir einfach zu groß. Selbstverständlich werde ich weiter forschen, aber nicht hier und nicht jetzt. Diese Knochen können ja nicht mehr weglaufen. Es dürfen keinerlei Informationen aus diesen Räumlichkeiten hinaus gelangen. Die derzeitigen und künftigen Erkenntnisse müssen unbedingt in unseren Köpfen bleiben. Also müssen die Unterlagen sicherheitshalber vernichtet werden. Ich habe bereits fast alles geschreddert.«
Neil verzog keine Miene. Dieser egoistische Hund! Irgendwie hatte er es schon im Camp geahnt. Der Professor wollte die für ihn höchst wertvollen Forschungsergebnisse tatsächlich mit keinem teilen, nicht einmal mit ihm, da war er sich sicher. Wie konnte er sich nur so in ihm täuschen. Aber zum Glück hatte er ja vorgesorgt. Bereits im Camp erhielt er über die Satellitenverbindung telefonische Anweisungen, wie er nach der Rückkehr nach England vorzugehen hatte. Als ob sein Auftraggeber die Absichten des Professors vorausgesehen hätte.
Sehr zu Hilfe kam ihm dann der Umstand, dass der Professor sämtliche Unterlagen in seinem Haus aufbewahrte. Er hatte dort ein kleines Arbeitszimmer eingerichtet, in dem sich Neil mittlerweile auch gut auskannte, da der Professor darauf bestand, alle administrativen Arbeiten, die nicht zwingend in der Universität verrichtet werden mussten, bei sich zu Hause zu erledigen. So ergab sich die Gelegenheit, dass er in einem unbeobachteten Moment entsprechende Geräte manipulieren konnte.
»Dieser Papierfresser macht mich noch wahnsinnig. Fast eine Stunde habe ich vergeudet. Erinnern Sie mich daran, dass ich gelegentlich einen neuen Schredder beantrage. Ich weiß, Sie selber haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Apparat nicht mehr mehrere Papiere miteinander schluckt, aber es war trotzdem ärgerlich, jedes Dokument einzeln einführen zu müssen. Ach, und die elektronischen Unterlagen habe ich schon komplett auf die radikale Tour gelöscht.«
Neil spürte, wie sich in ihm eine unbändige Wut anstaute. Die ganzen abgespeicherten Forschungsergebnisse waren vernichtet! In Wirklichkeit aber hatte Professor Nielsson die Unterlagen auf seinem PC komprimiert und heimlich auf einen USB-Stick übertragen. Nach der Datensicherung hatte er den vollen Stick in die Brusttasche seines Hemdes geschoben und begonnen, die Festplatten auszubauen. Er hatte sie vor sich auf den Schreibtisch gelegt und einen starken Magneten aus der Schreibtischschublade geholt. Er wusste, dass man Festplatten nur mit Hitze, einem Magneten oder mit Sandpapier gründlich zerstören konnte.
Da er in seinem Arbeitsraum logischerweise kein Feuer legen konnte und er auch keine Lust verspürte, die Festplatten einzeln zu öffnen, um die Oberfläche der beschriebenen Datenträger abzuschleifen, blieb nur noch die schnellere Magnetmethode.
Er fuhr mit dem Magneten mehrmals über die Unterseite der Festplatten. Danach hatte er die HD’s wieder an ihren Steckplatz zurückgeschoben. Selbstverständlich wusste Neil von dieser heimlichen Datensicherung nichts. Diesem blieb nur die Hoffnung, dass er die noch vorhandenen Ergebnisse, die in Papierform vorlagen, sichern konnte. Vorsorge dazu hatte er ja bereits getroffen.
Der Professor hatte plötzlich einen gehetzten Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wandte sich an Neil und schaute ihm direkt in die Augen.
»Wissen Sie, ich habe seit einigen Tagen ein ungutes Gefühl. Als ob mir ständig jemand über die Schulter schauen würde. Ich glaube, keinem mehr vertrauen zu können.«
Neils Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Nun schauen Sie mich nicht so grimmig an. Ich meine damit niemand Bestimmtes. Machen Sie sich lieber nützlich, indem Sie an meiner Stelle noch den letzten Stapel Unterlagen durch den Reißwolf lassen. Ich habe die Schnauze voll von diesem dämlichen Gerät.«
Neil nahm die Unterlagen und begann den Schredder damit zu füttern. Dass er nur ein Blatt nach dem anderen einführen konnte, war ihm wohl bewusst, denn er selber hatte das Gerät entsprechend manipuliert. Das Geräusch des Aktenvernichters verstummte und der Professor drehte sich zu seinem Assistenten um.
»Sehen Sie, das war doch gar nicht so schwer«, sagte er zu Neil. Dieser drehte dem Professor immer noch den Rücken zu und bewegte den linken Arm so, als ob er am Aktenvernichter etwas schrauben würde.
»Das Ding klemmt wohl schon wieder«, mutmaßte der Professor. »Drücken Sie einfach kurz die Rückwärtstaste und dann….«
Er verstummte, als Neil sich umdrehte. Dieser hielt eine Pistole mit aufgeschraubtem Schalldämpfer in der Hand und zielte damit auf den Kopf des Professors.
»Nein, mein lieber Jens«, zischte er leise, »dieses Ding klemmt bestimmt nicht.«
Mit einem dumpfen Plopp schoss die Kugel aus dem Lauf und traf den Professor genau in das rechte Auge. Der Getroffene fiel ohne einen Laut von sich zu geben rücklings auf den Boden. Dieser verdammte Idiot! Warum nur musste er die ganze Arbeit von Monaten sabotieren. Und dann noch mit so einer fadenscheinigen Begründung. Es war doch offensichtlich, dass das nicht die wahren Gründe sein konnten.
Aber es war noch nicht alles verloren. Neil überzeugte sich, dass er wirklich tot war und wandte sich nochmals dem Aktenvernichter zu. Er schraubte den Schalldämpfer von der Walther PP. Nun entfernte er die obere Abdeckung der Schreddervorrichtung und löste mit einem kleinen Schraubenzieher ein längliches Bauteil aus der Maschine. Er verschloss vorsichtig die Abdeckung und versicherte sich, dass keine Spuren an den Verschlussstellen zu sehen waren.
Das Teil aus dem Aktenvernichter war ein miniaturisierter Hochgeschwindigkeitsscanner mit eingebautem Speicher, mit dem die einzelnen Blätter während dem Einzug vor dem Schreddern abgetastet und kopiert wurden. Die Speicherkapazität des Scanners reichte aus für mehrere hundert Blätter. So konnten praktisch sämtliche schriftlichen Unterlagen der Expedition in dem Scanner archiviert werden.
Die Sicherstellung der Forschungsergebnisse hatte erste Priorität und dies war mit allen Mitteln zu garantieren. Das war von Neils eigentlichem Auftraggeber, von dem er bis jetzt nur den Namen wusste, unmissverständlich so befohlen worden. Bryan hatte er sich am Telefon genannt. Oder war das der Vorname? Egal, er befolgte strikte dessen Anweisungen.
Der Mörder steckte den Scanner in eine Plastikhülle und beseitigte am Aktenvernichter oberflächlich mögliche Fingerabdrücke von sich. Er wusste, dass das Opfer nicht vor frühestens drei Tagen vermisst wurde, denn das Wochenende stand bevor. Der Professor war alleinstehend und sein kleines privates Arbeitszimmer war nur einem sehr begrenzten Personenkreis bekannt. Wenn er am Montag nicht gleich an der Universität erscheinen würde, konnte das verschiedene Gründe haben und bereitete eigentlich niemandem Gedanken. Seine Mitarbeiter waren sich langsam gewöhnt, dass er manchmal ohne es vorher anzukündigen für mehrere Tage verschwand, um dann meist unverhofft in der Uni aufzutauchen, als ob nichts geschehen wäre. Der Mörder hatte also genügend Zeit, um sich abzusetzen und machte sich auch keine Gedanken, ob er mit der Tat in Verbindung gebracht werden konnte. In einem Schließfach am Londoner Heathrow Airport lagen Reiseunterlagen mit seinem echten Pass bereit. Der Name Neil Edwards hatte ihm sowieso nie richtig gefallen…
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