»Ich habe Astrophysik studiert.«
Rolf war erstaunt. »Astrophysik? Darauf wäre ich nie gekommen.«
Nun mischte sich Andy ein.
»Ich aber habe mir so etwas Ähnliches gedacht. Das Buch, das du uns ausgeliehen hast, hätte ein kleiner Fingerzeig sein können.«
»Also damit hat das eigentlich weniger zu tun. Ich finde dieses Buch einfach nur spannend und habe es gleich in einem Zug durchgelesen. Aber mit meinem Job hat es ja nur ganz am Rande etwas zu tun.«, sagte Olivia.
Rolf räusperte sich und meinte: »Ich habe es zwar nur kurz überflogen, aber es scheint doch recht interessant zu sein.«
Nun konnte sich Andy nicht mehr zurück halten.
»Du Ignorant!«, tadelte er ihn in gespielter Entrüstung, »wie willst du beurteilen, wie etwas geschrieben ist, wenn du es nicht einmal richtig gelesen hast? Solche Kunststücke brachte nur der Literatur-Papst Reich-Ranicki fertig. Der konnte sich schon nach ein paar Seiten eines Buches ein Urteil bilden.«
Olivia schaute Andy schelmisch in die Augen und fragte ihn: »Wie ist es mit Dir, hast du es denn etwa schon gelesen?«
Andy errötete leicht und meinte: »Na klar, ich bin ja nicht so ein Literatur-Banause wie Rolf. Gut, von der ersten bis zur letzten Seite habe auch ich es noch nicht geschafft, aber als Astronautik-Fan haben mich zum Beispiel die Kapitel über die Startvorbereitungen der Space Shuttle Mission sehr beeindruckt. Sehr gut recherchiert! Man könnte meinen, der Autor sei selbst Astronaut. Und dann die Beschreibung der Katastrophe in Basel, unserer Heimatstadt...«
Olivia unterbrach ihn freudig überrascht: »Ihr kommt aus Basel? Das habt ihr mir ja noch gar nicht erzählt. Meine Eltern leben auch dort, nachdem sie vom Ausland zurückgekommen sind. Zufälle gibt’s. Apropos Job, ihr habt mir ja diesbezüglich noch gar nichts von euch erzählt. Was macht ihr beiden denn so?«
Andy holte tief Luft und antwortete: »Also Rolf arbeitet im Sicherheitsdienst eines Asylzentrums. Er redet normalerweise nicht so viel darüber. Vielleicht kannst du etwas mehr aus ihm herauskitzeln. Und ich arbeite als Pfleger in der Psychiatrie. Keine besonders aufregende Tätigkeit.«
Rolf äußerte sich nun doch noch. »Auch in meinem Job hält sich die Aufregung bis auf vereinzelte Ausnahmen in Grenzen. Der Kontakt mit den unterschiedlichsten Kulturen macht es ziemlich interessant, wobei man zwangsweise eben auch mit den verschiedensten Schicksalen konfrontiert wird. Diese darf man aber nicht zu sehr an sich heran lassen, sonst landet man früher oder später ungewollt bei Andy...« witzelte Rolf.
Andy lachte und erwiderte: »Wenn du wüsstest, wer schon alles bei uns gelandet ist. Von deiner Firma waren tatsächlich auch schon ein paar bei uns, aber keine Angst, die dürften mittlerweile alle wieder geheilt sein.«
»Das klingt ja sehr beruhigend«, entgegnete Rolf feixend und nahm das ursprüngliche Thema wieder auf.
»So so, also Astrophysik ist dein tägliches Brot«, sagte er zu Olivia. »Wie muss man sich das so vorstellen? Hast du etwa auch schon mal eine Botschaft aus dem All empfangen, so wie damals Jodie Foster in ›Contact‹?«
Olivia musste lachen. »Schön wär's ja, aber ganz so einfach ist es nun doch nicht. Zudem bin ich hauptsächlich mit der Kartografierung und Katalogisierung beschäftigt, einer relativ trockenen Materie, mit der ich euch nicht langweilen möchte.« Andy und Rolf waren aber sehr wohl an Olivias Tätigkeit interessiert und wollten mehr wissen.
»Also gut, ihr wollt es ja nicht anders. Grob gesagt erstelle ich Sternkataloge. Diese Kataloge dienen dazu, die Sterne nach verschiedenen Eigenschaften in Buchform aufzulisten oder auf Datenträgern abzuspeichern. Dabei sind die wichtigsten Parameter die genauen Sternpositionen im Himmelskoordinatensystem, aber auch die Bestimmung der Eigenbewegung der Sterne und nicht zu vergessen sind die Spektralklassen und die…«
»Stop, stop, stop!«, unterbrach Rolf die Erklärung, währenddem Andy sie fasziniert von der Seite bewunderte. »Mit diesem Fachchinesisch kann ich aber nicht viel anfangen.«
Olivia legte ihre Hand auf Andys Unterarm und machte einen Vorschlag: »Wenn ihr wirklich möchtet, lasse ich euch gerne an meinem Fachwissen teilhaben. Ich möchte mir nur nicht nachsagen lassen, dass ich jemanden mit Fachchinesisch zu Tode gelangweilt habe.«
Rolf überlegte einen Moment, während Andy schmunzelte und ihm mitfühlend auf die Schulter klopfte. »Du hast Recht, ich habe mich da wohl etwas unklar ausgedrückt. Eigentlich habe ich wenig bis nichts verstanden, obwohl ich mich seit meiner Kindheit für die Raumfahrt interessiere.«
Olivia merkte, dass Rolf und Andy insgeheim mehr von ihrer interessanten Tätigkeit erfahren wollten, bevor sie selbst am nächsten Tag abreiste. Sie machte ihnen den Vorschlag, am Abend bei einem Abschiedsdrink in der Bar mehr davon zu erklären und dabei nicht mit ›chinesischen Fachausdrücken‹ um sich zu werfen. Außerdem war ihr nicht entgangen, dass Andy ein Auge auf sie geworfen hatte. Eigentlich fand sie ihn auch ganz niedlich und fühlte sich irgendwie zu ihm hingezogen. Demnächst wollte sie ja sowieso in die Schweiz reisen. Mal sehen, was sich da noch kurzfristig entwickeln könnte...
Der Professor wurde bleich. Als er die Brille abnahm, zitterte diese in seiner Hand.
»Das ist unmöglich«, sagte er leise vor sich hin »Das kann nicht sein«. Schon die ersten Untersuchungen direkt am Fundort hatten ein erstaunliches Resultat gezeigt. Auch nach der zweiten Überprüfung im Labor an der Universität von Sheffield mit der relativ ungenauen Radiokarbonmethode, besser bekannt als C14-Datierung, wurde den Knochenfunden nach Berücksichtigung sämtlicher möglicher Fehlerquellen ein Alter von über 60'000 Jahren attestiert, was gleichzeitig das Maximum mit dieser Methode war. Deshalb wurden die erstaunlich gut erhaltenen Schädelknochenfragmente zusätzlich mit einer speziellen Methode unter Zuhilfenahme von Rubidium-87 zur Altersbestimmung untersucht. Diese zeigte nun das vorliegende Ergebnis, das den Professor in ungläubiges Erstaunen versetzte.
»Das kann einfach nicht sein«, flüsterte Professor Nielsson immer wieder, als er den Untersuchungsbericht zum wiederholten Mal durchblätterte.
Mit dieser Methode wurde das Alter des versteinerten Schädels auf weit über zwei Millionen Jahre datiert!
Die Frühgeschichte des Homo sapiens begann nach letzten Erkenntnissen jedoch erst vor etwa 300'000 Jahren in Afrika. Das faszinierende und zugleich erschreckende war aber die Tatsache, dass diese Knochen größtenteils einem modernen Homo sapiens entsprachen. Der Schädel, der fast komplett erhalten war, zeigte im Gesichtsbereich erkennbare Merkmale der heutigen Menschen, ließ jedoch mit seinem vergrößerten Hinterkopf auf ein deutlich größeres Hirnvolumen schließen.
Als nach der Sichtung der ersten Ergebnisse deutlich wurde, dass sich etwas Außergewöhnliches anbahnen würde, hatte Professor Nielsson die Anzahl der involvierten Personen sofort auf das absolute Minimum reduziert. Somit hatten nur noch er selbst sowie sein Assistent Neil Edwards Zugriff auf die weiteren Untersuchungsergebnisse. Er war sich schon im Klaren, dass sich durch diese Vorsichtsmaßnahme bei den übrigen Mitarbeitern, insbesondere bei Erol, dem Finder der versteinerten Knochenteile, ein gewisses Unverständnis breitmachte, aber die Brisanz der Geschichte zwang ihn zu diesem radikalen Vorgehen.
»Neil, sind Sie absolut sicher, dass diese neuesten Ergebnisse außer uns beiden wirklich niemand zu sehen bekam?«, fragte Professor Nielsson seinen Assistenten, der im Hintergrund Unterlagen sortierte.
»Ganz sicher, Herr Professor«, versicherte ihm Neil.
»Ich habe Ihnen schon hundertmal gesagt, dass Sie mich mit meinem Vornamen ansprechen sollen, wenn wir unter uns sind. Schließlich kennen wir uns schon lange genug.«
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