Die Erinnerung an den Flug im Bauch des großen Vogels waren sehr verschwommen. Das hatte er wohl alles nur geträumt. Kurz bevor aber das Auto, in dem er gelegen hatte, mit einem Ruck in dem Zaun zum stehen kam, wurde er heftig durchgeschüttelt und war sofort hellwach geworden. Er hatte gleich darauf die beiden fremden Männer wahrgenommen, die auf der Straße diskutierten. Glücklicherweise hatte sich durch den Aufprall die Türe einen spaltbreit geöffnet. So schnell er konnte, hatte er sich unter dem beschädigten Zaun hindurchgezwängt und sich instinktiv nach Westen gewandt. Den beiden bewaffneten Wachen, die aufgeschreckt durch den Lärm an der Umzäunung nachschauen wollten, konnte er im letzten Moment ausweichen, indem er sich hinter einem kleinen Sandhügel flach auf den Boden geworfen hatte.
Als er später nach einem kurzen Dauerlauf mehrere Baracken erblickte, wurde ihm plötzlich schwindlig und er sank kraftlos zu Boden. Das letzte was er bemerkte, bevor er das Bewusstsein verlor, waren mehrere dunkelhäutige Männer, die auf ihn zu rannten. Diese Männer, die ihm dann wieder auf die Beine geholfen hatten, erzählten von der Möglichkeit, mit Booten über das Meer in ein Land zu fahren, wo Milch und Honig fließen würde. Die Überfahrt sei allerdings sehr teuer und da er kein Geld habe, müsse er wohl bis an sein Lebensende hier im Lager bleiben. Mit diesem schrecklichen Gedanken konnte er sich aber nicht abfinden und so kletterte er noch am selben Tag über den verhängnisvollen Zaun. Den Wachen war es anscheinend ziemlich egal, ob jemand aus dem Lager verschwand, denn er sah während seiner Flucht keine einzige Seele.
Er trieb sich in der Umgebung des Hafens herum, wo er bald von einem bärtigen Fischer angesprochen wurde. Dieser verschlagen grinsende Mann wollte eine unvorstellbare Summe von ihm, wenn er für ihn einen Platz auf einem Boot organisieren würde. Tayé wusste ja nicht einmal, wie viel das in seiner eigenen Landeswährung war, denn er hatte noch nie mit Geld zu tun gehabt. Plötzlich verspürte er den Drang, diesem grässlichen geldgierigen Menschen seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Mittels seiner angeborenen Fähigkeit, jemanden telepathisch beeinflussen zu können, hatte er ihn in kürzester Zeit soweit, dass er einen Platz auf einem Boot zugesichert bekam, das in der gleichen Nacht von der Küste ablegen würde. Und nun war er auf einem riesigen Schiff gelandet und hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Er versetzte sich in eine Art Trance, um durch sein erweitertes Bewusstsein etwas über sein weiteres Schicksal herauszufinden. Es wollte ihm aber nicht so richtig gelingen, da das Schmerzmittel, das ihm verabreicht wurde, eine für ihn ungewohnte Wirkung zeigte und so döste er mit einem gelösten Gesichtsausdruck ein.
***
Zur gleichen Zeit saßen zwei Männer in mittleren Jahren in feuchtfröhlicher Stimmung in einem Badeort Namens Rivabella nahe Rimini an einer Hotelbar bei der zweiten Flasche Lambrusco zusammen. Sie unterhielten sich gerade über einen SF-Endzeitthriller, der ihnen eine sympatische junge Dame, die sie vor einigen Tagen im Hotel kennen lernten, ausgeliehen hatte. Im Moment machten sich die beiden Schweizer über die Pistazien her, die ihnen der sichtbar gelangweilte Barkeeper hingestellt hatte. Der Lambrusco zeigte bereits seine Wirkung und die beiden beschlossen, sich gegenseitig an Lautstärke überbietend, den launigen Abend noch mit einem Grappa Emiliano Romagnoli ausklingen zu lassen und das fröhliche Zusammensein an der Bar am folgenden Tag zu wiederholen.
In der letzten halben Stunde hatten sich die beiden über Gott und die Welt, insbesondere aber über die Thesen des Prä-Astronautik Verfechters Erich von Däniken unterhalten. Trotz des gestiegenen Alkoholpegels konnten beide noch einigermaßen klar denken.
»Weißt du, der hat ja viele unterhaltsame Geschichten geschrieben und die haben sich bestimmt auch gut verkauft, aber beweisen kann er keine davon.« meinte Rolf, während er Pistazienschalen aufbiss.
»Mag sein, aber viel interessanter ist doch, dass man ihm das Gegenteil seiner zugegebenermaßen manchmal etwas gewagten Thesen eben auch nicht beweisen kann.« sagte Andy, der kleinere der beiden. »Anzunehmen, dass wir Menschen die einzigen intelligenten Lebewesen im ganzen Weltall sind, ist ja sowieso so etwas von eingebildet.«
»Was heißt denn da eingebildet? Eingebildet sind die Leute, die behaupten, ein UFO gesehen zu haben oder gar von einem solchen entführt worden zu sein. Die sind nämlich eingebildet, weil sie sich das alles nur einbilden…«, regte Rolf sich künstlich auf. »Und selbst wenn wir nicht die einzigen wären, wie sollten die denn zu uns auf die Erde gekommen sein, he? Mit dem Weltraumtaxi, oder was? Nein, nein, der hat da etwas phantasiert, was vielleicht möglich wäre, wenn die grünen Männchen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohnen würden. Wenn es sie denn überhaupt gibt! Ich habe jedenfalls heute noch keines gesehen…«
Andy war sich durchaus im Klaren, dass Rolf nun aufgrund des gestiegenen Alkoholpegels schon etwas irrational argumentierte und auch kein ausgesprochener Fachmann auf diesem Gebiet war, dafür kannte er ihn schon zu lange. Zwar wurden schon in der Schulzeit Science Fiction Hefte dem Lehrmaterial vorgezogen, was aber nicht heißt, dass später beide auf einem fremden Planeten, sondern eher auf dem Boden der Tatsachen gelandet sind. Das Interesse für alles, was mit der Weltraumfahrt zu tun hat, hat zumindest Andy aber nach der Pubertät nicht aufgegeben. Nun konnte er immerhin mit einem kleinen angelesenen Wissen auf dem Gebiet der Astronomie auftrumpfen. Deshalb konterte er mit einem genauso simplen Argument.
»Ich habe selber auch noch keine gesehen, aber soll es sie nur deshalb nicht geben? Die Weiten des Alls sind unergründlich und die Möglichkeit, dass es außerirdische Zivilisationen gibt, ist in den letzten Jahren von der Wissenschaft als immer wahrscheinlicher eingestuft worden.«
So hätte es noch eine Zeitlang weitergehen können, aber beide wurden langsam müde und der konsumierte Alkohol sowie die am Nachmittag reichlich getankte Sonne machten sich langsam bemerkbar. Die beiden Jugendfreunde verabschiedeten sich und gingen auf ihre Zimmer. Schon lange hatten sie geplant, einmal die Ferien gemeinsam zu verbringen. Nachdem die weitreichenden Reiseeinschränkungen endlich aufgehoben wurden, beschlossen sie, zusammen in den sonnigen Süden zu fahren. Sie entschieden aber, dass sie auf jeden Fall getrennt schlafen würden, zum einen weil Rolf ziemlich unangenehm schnarchen konnte und zum anderen wusste man ja nie, was man außer dem Rachen sonst noch so aufreißen konnte…
***
Am nächsten Morgen trafen sich Rolf und Andy um acht Uhr zum Frühstück. Es war am gestrigen Abend nicht allzu spät geworden und der Wein zeigte erstaunlicherweise keinerlei Nachwirkungen. So sprach Rolf fröhlich die hübsche junge Frau an, die ihnen vor einigen Tagen freundlicherweise das Buch mit dem mysteriösen Titel ›Lost God‹ ausgeliehen hatte.
»Buon giorno, cara mia.«, begrüßte er sie.
»Buon giorno, Rodolfo.«, flötete sie zurück »Jetzt bin ich aber etwas enttäuscht. Weißt du denn nicht mehr, wie ich heiße?«
Diese Frage ließ Rolf erröten. Andy musste schmunzeln.
»Sorry, du hast mich voll erwischt, dein Name ist mir tatsächlich entfallen.«
»Ich heiße immer noch Olivia, das gefällt mir um einiges besser, als cara mia.«, meinte sie und schüttelte mit einem kurzen Ruck eine Strähne ihres dunkelbraunen Haares aus dem Gesicht.
Rolf kam ins Stottern, als er sagte: »Ich wollte dich nicht etwa anmachen, von wegen cara mia, äh, ich meine… ehm, aber das sagt man hier doch so…«
Andy grinste und Rolf ergriff gerne die Gelegenheit, das Thema zu wechseln: »Was machst du denn eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?«
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