1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 »Masken auf.« Bryan beobachtete durch ein Nachtsichtfernglas, wie sich die Männer den Atemschutz über das Gesicht zogen. Nachdem alle leise ihre Bereitschaft über das in den Schutzmasken eingebaute Mikro gemeldet hatten, gab Bryan den nächsten Befehl.
»Schläuche einführen.« Er beobachtete, wie bei allen Hütten die dicken Gummischläuche, die an den Druckventilen hingen, vorsichtig durch die kleinen Lüftungsöffnungen in die Schlafräume eingeschoben wurden. Er wartete noch einen Augenblick und gab dann das Kommando zum gleichzeitigen Öffnen aller Ventile.
»Gas auf drei, zwei, eins, go! «
Dies war der heikelste Augenblick der Mission, denn die Ventile durften nicht ganz geöffnet werden, damit das ausströmende Gas kein verräterisches Geräusch verursachte. Und doch musste der ganze Inhalt der Flaschen entleert werden, um die Räume zu fluten, da die Seitenwände der Behausungen keineswegs luftdicht abgeschlossen waren. Bryan wartete fast zwanzig Minuten, bis er den Befehl gab, die Hütten zu betreten. Einer nach dem anderen meldete, dass sein jeweiliges Objekt gesichert war, was so viel bedeutete, dass die Bewohner in einer tiefen Ohnmacht lagen. Einer der Männer teilte Bryan über das Headset mit, dass ihn ein Kleinkind mit großen Augen anstarrte, als er mit der Gewehrlampe den Raum ausleuchtete. Das Kind lag in einer geflochtenen Hängematte und war offenbar von dem Betäubungsgas, das aufgrund seiner spezifischen Dichte nur bis knapp einen halben Meter über den Boden steigen konnte, nicht erreicht worden.
Bryan hatte mittlerweile die am nächsten gelegene Hütte betreten und verschaffte sich einen Überblick. Auf den Schlafmatten lagen zwei Erwachsene und ein Kind. Er leuchtete den erwachsenen Personen von allen Seiten ins Gesicht und stellte schnell fest, dass die Zielperson nicht dabei war. Dasselbe Ergebnis fand er auch in der nächsten Hütte vor. In seinem Kopfhörer knackte es leise und einer der Männer meldete sich.
»Boss, ich glaube, wir haben ihn. Hier, ganz hinten.« Bryan sah, wie ihm ein wackelnder Lichtstrahl in einer Türöffnung ein Zeichen gab. Er rannte hin und betrat die Hütte, die sich von der Einrichtung her kaum von den anderen unterschied. Es gab jedoch nur eine Schlafstelle und darin lag der Mann, der nach eingehender Überprüfung zweifellos mit der Person auf dem Foto identisch war.
»Ok, Zielperson identifiziert. Tragt ihn raus bis zum Treffpunkt. Ich rufe unseren Vogel herbei.«
Bryan gab über Funk seine Anweisungen und lief dann seinen Männern hinterher.
***
Ein Sanitäter überprüfte die Vitalfunktionen von Tayé und verabreichte ihm ein leichtes Sedativum, um ihn auf den winzigen Eingriff vorzubereiten. Er hatte den Auftrag, ihm einen Miniaturpeilsender unter die Haut zu implantieren. Dieser sollte an einer bestimmten Stelle im Rücken platziert werden, wo er bei einem allfälligen Röntgen nicht sofort auffallen würde. Der Sender hatte eine eigenartige Form. Er war auf den ersten Blick nicht von einem Granatsplitter zu unterscheiden. Das war durchaus beabsichtigt, denn so würde bei einer möglichen Entdeckung durch eine gründliche medizinische Untersuchung kein falscher Verdacht geschöpft. Personen aus diesem Gebiet konnten bei einem Gefecht mit den Rebellen durchaus mal ein Souvenir in Form eines Splitters davon tragen.
Das winzige Gerät konnte auf über tausendfünfhundert Meter geortet werden und hatte eine Lebensdauer von drei Monaten. Mit einem speziellen Induktionsladegerät wurde es von Bryan zum Leben erweckt, bevor der Sanitäter einen kleinen Schnitt auf dem rechten Schulterblatt von Tayé machte. Er schob den winzigen Sender an einer bestimmten Stelle tief unter die Unterhaut bis fast auf den Knochen. Nachdem er ein schmerzstillendes Mittel in die betroffene Partie gespritzt hatte, klebte er mit einem Wundkleber die kleine Öffnung zu. Tayé wurde auf der Bahre festgeschnallt und in den Hubschrauber gehoben. Der Pilot startete die Turbinen und die Männer der Spezialeinsatztruppe begaben sich an Bord.
***
Entweder war das Schmerzmittel oder das Sedativum zu schwach dosiert, jedenfalls flatterten plötzlich Tayés Augenlider und er öffnete seine Augen. Verwirrt schaute er um sich und erkannte mit verschwommenem Blick die Mondsichel durch ein Fenster des Helikopters. Er konnte seine Arme nicht bewegen, weil er auf der Transportbahre festgeschnallt war. Der Sanitäter, der außerhalb des Blickfeldes von Tayé saß, bemerkte, dass der Patient langsam zu sich kam und erhöhte die Dosis des Narkosemittels. Bevor Tayé wieder wegdöste, war sein letzter wirrer Gedanke, dass er sich wohl im Bauch eines riesigen Vogels befinden musste...
Gleich nach der Landung an der libyschen Küste etwa zwanzig Meilen entfernt von Al Baida wurde Tayé vom Sanitäter noch einmal gründlich untersucht. Die kleine Schnittwunde am Rücken war so gut wie unsichtbar verklebt und dürfte sich beim Patienten noch für kurze Zeit allenfalls durch Juckreiz bemerkbar machen. Durch die letzte Dosis des Sedativums war er immer noch dermaßen außer Gefecht gesetzt, dass er nicht mitbekam, wie man ihn in einen Land Rover legte und im Schutze der abklingenden Nacht in die Nähe von Al Baida fuhr.
Der ursprünglich geplante Weitertransport mit dem Hubschrauber stellte aufgrund der kurzfristig gesteigerten libyschen Überwachung des Luftraumes ein zu großes Risiko dar, deshalb sollte Tayé kurz vor Tagesanbruch mit einem Schlauchboot zu einem harmlos wirkenden Fischtrawler gebracht werden. Dieser Trawler war ein getarntes Schnellboot der US-Navy, das sich knapp außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer aufhielt und Tayé an Bord eines US-Frachters bringen sollte. So war es zumindest geplant...
***
Der Land Rover fuhr mit etwa 70 km/h auf einer holprigen Schotterpiste mit eingeschalteten Abblendlichtern Richtung Mittelmeerküste. Zur linken Seite tauchte schemenhaft ein langer Stacheldrahtzaun aus der Dunkelheit der Nacht auf.
»Das muss eines dieser Auffanglager für Flüchtlinge sein, die von hier aus über das Mittelmeer Richtung Europa gelangen wollen«, sagte der Beifahrer zu dem Mann hinter dem Steuer. Dieser knurrte nur etwas unverständliches und starrte weiter geradeaus in die sich langsam auflösende Dunkelheit.
Plötzlich schoss von rechts ein Schatten auf die Fahrbahn. Der Fahrer riss vor Schreck das Steuer herum und verspürte im gleichen Moment einen dumpfen Schlag gegen die Karosserie des Wagens. Nach einigen Metern Rutschpartie über sandigem Untergrund krachten sie mit der Motorhaube in den Zaun und kamen mit den Vorderrädern tief im Sand steckend zum Stillstand. Fluchend stieg der Fahrer aus und ging um das Fahrzeug herum. Sein Beifahrer folgte ihm mit einer Taschenlampe.
»Verdammt, was war das? In dieser Scheißwüste gibt es doch nichts außer Sand und Kamele. Das war bestimmt ein entlaufenes Kamel...«
Der Beifahrer schaute ihn entgeistert an. »Du spinnst wohl! Wenn das eines dieser Wüstenschiffe gewesen wäre, hätte es garantiert einen größeren Bums gegeben und wir wären nicht so glimpflich davon gekommen. Hier hast du dein Kamel.«
Er leuchtete mit seiner Lampe auf eine Stelle neben der Piste, wo ein frisch verendeter Schakal lag.
»Dieses elende Vieh ist schuld daran, dass wir nun im Sand fest stecken. Du hast dir da aber auch eine besonders geeignete Stelle ausgesucht«, meinte er sarkastisch zum Fahrer und leuchtete zu der Sandverwehung am Zaun.
»Vorwürfe bringen jetzt auch nichts. Überlegen wir uns doch mal, wie wir da am besten raus kommen.« Er zündete sich eine Zigarette an und blickte gegen Osten, wo sich bereits die Morgendämmerung abzeichnete. »In Kürze geht die Sonne auf. Dann wird es hier bald verdammt heiß. Und abgesehen davon wartet unser Mann am Strand mit dem Schlauchboot.«
Er warf einen letzten Blick auf das bedauernswerte Tier, das im falschen Augenblick am falschen Ort aufgetaucht war und meinte dann: »Warum versuchen wir nicht unseren Passagier aufzuwecken? Zu dritt sollten wir die Karre schneller wieder frei bekommen.«
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