»Sind hier noch ein paar Plätze für vier durstige Kehlen frei?«, fragt er Al, der ganz alleine an der Bar sitzt. Die anderen Männer des Bautrupps ›Gelb‹ haben sich von Anfang an an einen der Tische gesetzt und beobachten nun die Szene erwartungsvoll. Sie scheinen genau zu wissen, was jetzt kommt, denn Al ist für seine Späße bekannt. Al mustert den ›Frischling‹, der mit einem leichten Akzent spricht, amüsiert.
»Oh, da muss ich euch leider enttäuschen, hier werden nur Clubmitglieder bedient. Hat man euch das bei der Ankunft nicht erklärt? Die entsprechenden Antragsformulare für den Alien-Club liegen in allen Unterkünften bereit.«
Der Neue macht einen so verdatterten Gesichtsausdruck, dass Al nicht länger ernst bleiben kann und lachend sagt: »Du solltest mal dein Gesicht sehen, Junge. Das war doch bloß ein Scherz. Was wollt ihr denn trinken? Geht alles aufs Haus.«
***
»Und du bist also wirklich der Enkel von Michael Collins, dem Apollo 11 Astronauten?«, fragt Eric. »Anscheinend bist du schon einige Jahre dabei, richtig?«
»Sehe ich so alt aus?«, erwidert Al mit gespielter Entrüstung. Eric hebt die Hände und stammelt eine Entschuldigung.
»Schon recht, mein Junge, ich bin hier so etwas wie der Dino unter den Mondbewohnern. Ich war einer der ersten auf der ISS 2 und hier bin ich auch als erster gelandet.«
Al zieht eine Grimasse.
»Zumindest hat nach über 75 Jahren doch noch ein Collins seine Fußspuren in den Mondstaub gesetzt. Mein Großvater kann wirklich stolz auf mich sein«, sinniert Al melancholisch, währenddessen er zur Decke blickt. »Nun aber zu dir, Eric. Deinem Namen und deinem Akzent nach zu urteilen, könntest du ein Deutscher sein«, meint Al und zeigt auf das Namensschild auf Erics linker Brustseite mit dem Schriftzug ›E. Hauser‹.
»Geografisch knapp daneben, Al, ich bin Schweizer. Und mit einem gewissen Stolz kann ich sagen, der zweite Schweizer im All. Der erste nach Claude Nicollier mit mehreren Shuttle-Flügen.«
»Ach ja, war das nicht einer von denen, die das Hubble-Teleskop vor der Kurzsichtigkeit bewahrt haben? Aber erzähl mir doch etwas mehr von dir. Wie bist du zur Astronautik gekommen? Hattest du etwa auch Vorfahren, die dich angefixt haben?«, fragt Al schmunzelnd.
»Da liegst du nicht mal so weit daneben«, sagt Eric mit einem verschmitzten Grinsen. »Mein Vater war Pfleger in einer psychiatrischen Klinik und hat eine Astrophysikerin zu meiner Mutter gemacht. Vielleicht sagt dir der Begriff ›U4‹ oder die ›schwarze Marssonde‹ etwas.«
Al runzelt die Stirn und denkt kurz nach.
»Kommt mir irgendwie bekannt vor…« Plötzlich hellt sich sein Gesicht auf und er sagt zu Eric: »Genau! Das rätselhafte Objekt, das anscheinend aus den Tiefen des Alls gekommen sein soll. Aber was hat das mit deinen Eltern zu tun?«
»Ganz einfach. Meine Mutter hat U4 damals als erste entdeckt und mein Vater hatte engen Kontakt zu einem Patienten, der genau dieses kosmische Ereignis und viele andere voraus gesagt hatte. Aber das ist eine lange Geschichte«
Al hebt die Augenbrauen und winkt seinen Kollegen vom Bautrupp zu.
»Hey Jungs, setzt euch zu uns. Mein neuer Schweizer Freund hier hat offenbar eine spannende Geschichte zu erzählen. Kommt her.«
Eric wird verlegen und meint zu den anderen, die sich interessiert um ihn platzieren:
»Also ich versuche, die Geschichte so detailliert wie möglich wiederzugeben. Das ganze hat eine kurze Vorgeschichte, die sich in Afrika abspielte. Der Rest kann allerdings dauern, denn es ist eine ziemlich lange Story.«
Al winkt ab und meint nur: »Zeit haben wir hier genug. Die nächste Schicht fängt erst in zwölf Stunden wieder an und wir sind hier froh über jede Abwechslung. Also, mein Junge, leg los! Und lass ja nichts aus…«
6 Die Entführung (Gegenwart)
Es war ein verhältnismäßig heißer Nachmittag in der Hochebene von Abessinien gewesen. James Bryan war der Anführer der Spezialeinheit, die sich um die winzige Ansiedlung postiert und gut getarnt hatte. Die eigentliche Aktion war von ihm auf 00:00 a.m. Ortszeit geplant worden. Bryan hatte die aktuellen Überflugzeiten des russischen Aufklärungssatelliten vom Typ ›Persona‹ genau studiert. Deshalb wusste er, dass sie für die Aufgabe nur begrenzte Zeit hatten, bevor sie wieder ins Blickfeld der Infrarot-Kameraaugen gerieten. Ursprünglich wollte er die Aktion bei Tageslicht starten und hatte aufgrund des minimalen Schattenwurfes die Mittagszeit gewählt.
Die Durchführung am Tage wäre insofern einfacher gewesen, weil sich nur wenige Menschen in der Siedlung aufgehalten hätten, denn die Ziegenherde wurde täglich auf einen anderen Weideplatz gebracht. Nach gründlicher Überlegung aller Faktoren wurde die Mission dann doch auf Mitternacht verlegt. Ein Transporthelikopter vom Typ NH-90 wartete zwanzig Kilometer entfernt unsichtbar in einem notdürftig errichteten Unterstand. Er musste die Spezialeinheit nach Abschluss der Aktion ausfliegen. Es waren tatsächlich einige Unsicherheiten im Spiel, was Bryan nicht so richtig behagte. Schließlich war er Präzisionsarbeit gewöhnt, war sich aber bewusst, dass bei diesem Job auch ein gewisses Maß an Improvisationstalent vorteilhaft sein konnte.
Er besaß nur ziemlich dürftige Informationen über die Zielperson. Das vorliegende Bildmaterial war nicht besonders hilfreich. Es zeigte die Person im Profil, offenbar mit einem Teleobjektiv aus großer Distanz aufgenommen. Er wusste nur, dass der Mann ein Prophet, ein Seher war, der aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten in seinem Dorf ein gewichtiges Ansehen hatte und dass der Auftrag von größter Bedeutung für die nationale Sicherheit war. Sein Name war Tayé (äthiopisch = der, der hinsieht und nicht wegschaut) und die Weisungen zur Mission waren eindeutig: Zielperson unbeschadet separieren, was im Klartext soviel wie ›entführen‹ hieß. Allfällige Zeugen waren zu eliminieren.
Bryan hatte bereits verschiedene taktische Szenarien durchdacht. Das schwierigste an einer nächtlichen Aktion war die eindeutige Identifikation der Zielperson. Bryans Überlegung brachte ihn zum Schluss, dass die Bewohner der kleinen Siedlung mit Gas betäubt werden mussten, um den Mann ungestört identifizieren zu können. Für diesen Zweck war seine Einheit mit einem speziellen Narkosegas ausgerüstet, das schwerer als Luft ist. Dieses Gas konnte sowohl aus einer tieffliegenden Drohne als auch mit Granatwerfern eingesetzt werden. Beides kam aber bei dieser Mission aus taktischen Gründen nicht in Frage.
Das aufgrund seiner Dichte träge fließende Betäubungsgas war in ein halbes Dutzend kleine Druckbehälter abgefüllt. Diese Behälter sollten unbemerkt in die unmittelbare Nähe der Hütten gebracht werden, um so das Gas mit Schläuchen durch eine der vielen Öffnungen an den Außenseiten in die Räume zu leiten. Es handelte sich um fünf Rundhütten mit insgesamt zwölf Personen, wovon fünf Männer, vier Frauen und der Rest Kinder waren. Am meisten Sorgen bereiteten ihm die zwei Hunde, die sich in der kleinen Siedlung herumtrieben. Er hatte zwei seiner Männer beauftragt, Fleischköder mit einem schnell wirkenden Betäubungsmittel zu präparieren. Was aber, wenn die Hunde die Köder verweigerten und die Bewohner durch ihr Gebell aufscheuchten? Dann mussten sie wohl oder übel mit den schallgedämpften Waffen außer Gefecht gesetzt werden.
***
James Bryan schaute auf seine Uhr. Es war genau 23:53 Ortszeit, noch sieben Minuten bis zum Einsatz. Die beiden Hunde hatten die Köder ohne zu zögern gefressen und lagen nun im Tiefschlaf am Rande der Siedlung am Boden. Neben jeder Hütte lagen zwei seiner Männer bereit, um die Gummischläuche der Druckbehälter durch die Belüftungsöffnungen in die Behausungen zu stecken. Ein Mann musste das Ventil betätigen, der andere sicherte die Aktion mit seiner schallgedämpften Waffe.
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