1 ...6 7 8 10 11 12 ...26 Kishou rannte bereits wieder – und blindlings und voll in Mo hinein. Die leuchtete ein klein wenig auf, als Kishou kopflos in sie hinein stieß. Für den Moment eines Wimpernschlages stand Kishou benommen ungläubig vor ihr. Es war, als wäre sie mitten im Lauf stehengeblieben. Sie hatte keinerlei Aufprall bemerkt ... Doch dann hatte sie sich bereits gefasst und rannte schon wieder. „Mo – schnell, komm ... wir müssen auf irgendeinen großen Baum!“, schrie sie. Sie schaute sich noch einmal um, als sie von Mo nichts hörte – und blieb erschrocken stehen.
Mo machte keinerlei Anstalten zu fliehen. Sie stand einfach nur da und sah dem rasenden Monster entgegen. „Mo ...!“, schrie Kishou erschrocken – als das Tier direkt vor Mo plötzlich zum stehen kam. Es schwang seinen Kopf mit dem mächtigen Horn vor ihr hin und her, aber es griff nicht an. Außer Atem sah Kishou mit offenem Munde, wie das massige Tier schnaubte, seinen Kopf mit dem Horn hin und her warf, und mit seinem kurzen säulenartigen Beinen den Boden aufscharrte – und dabei Stück für Stück nach hinten auswich. Plötzlich wendete es sich schnaubend um, und trottete von dannen.
Kishou war fassungslos. Langsam und immer noch misstrauisch schlich sie an Mos Seite und starrte in die breite Schneise, die das mächtige Tier auf seinem Abzug in dem trockenen Gras hinterlassen hatte.
„Wie hast du das gemacht?“, fragte sie keuchend und gänzlich außer Atem. „Wieso hat er dir nichts getan?!“
„Wo Mo ist, kann er nicht sein. So ist es entschieden und so verdrängt es das Allsein!“, sagte Mo ruhig, und strich dabei Kishou über das ungläubige Haupt. „Verzeiht meine Unbemessenheit. Mo erkannte die Gefahr, und ging ihr entgegen. Doch nicht jedes dieser Wesen konnte sie aufhalten!“
„Macht ja nichts!“, zuckte Kishou abwesend mit der Schulter. „Ist ja alles noch mal gut gegangen ...!“ Sie verstand das alles nicht, aber sie war zu durcheinander, um etwas Vernünftiges sagen zu können. Der Schock saß noch tief.
Mo nahm sie bei den Schultern und führte sie zu dem Platz zurück, wo sie gerastet hatten. Dort fanden sie Boorh, breit grinsend auf seinem gefällten Ungeheuer sitzend. „Boorh entscheidet: Boorhs Augen bemaßen Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der großen Wasser, wie sie den Kräften zweier mächtiger Knüppelhörner in vollkommener Bemessung widerstand!“, rief er den Ankommenden dröhnend entgegen.
„Du spinnst!“, sagte Kishou und musste doch, wenn auch etwas gequält, grinsen.
„Was man von dieser axtschwingenden Plattnase nicht gerade behaupten kann!“, hörte man jemand anderen vor sich hermaulen. Das Untere Squatsch war inzwischen wieder zu seiner gewohnten Gestalt zurückgekehrt, und schimpfte leise, während er herüberstapfte, vor sich hin. „... aber ich sag’s ja immer wieder, lange Haare verdrängen auf sumpfigen Boden das Allsein. Auf sumpfigen Boden! Wenn man diesen hohlhackigen ... Oh. Oh – verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, entschuldigte er sich schnell bei Kishou, die ihn etwas verwundert entgegenschaute.
„Was war das?!“, fragte Kishou, die endlich wieder einigermaßen zu sich kam.
„Knüppelhörner – ,gemeine’ Knüppelhörner!“, erläuterte das Untere Squatsch schulterzuckend. „Es verdrängen noch ,spezielle’ von ihnen das Allsein! Das waren aber gewöhnliche Verdrängungen. Nicht ganz ausgegoren. Noch nicht genügend bemessen ...!“
„Knüppelhörner? – So heißen die?!“, fragte Kishou.
„Knüppelhörner! Ja, ja – Knüppelhörner. So verdrängen sie das Allsein!“, bestätigte das Untere Squatsch.
„Und warum haben die uns angegriffen? Wir haben doch gar nichts gemacht?!“
„Doch, doch – haben wir, haben wir!“, erklärte das Untere Squatsch mit bedauerndem Schulterzucken.
„Wir sind in ihren Körper eingedrungen!“, schaltete sich nun Mo ein.
„Wie ...?!“, wunderte sich Kishou.
„Madame KA ist entschieden ...”, erklärte Mo, „... der Körper eines Wesens ist mehr als das, was eure Augen vom Allsein trennen. Madame KA ist entschieden, eure Augen bemessen nur sein Zentrum – Ich bemaß es schon einmal in euch! Ihr könnt seinen wahren Raum mit euren anderen Sinnen bemessen und vom Allsein verdrängen, wenn ihr so entscheidet!“
„Ach so!“, staunte Kishou. „jetzt versteh' ich ... Bei mir zu Hause in unserem Garten sind ganz viele Tiere. Ich hab’ auch ein paar Hasen. Und wenn sie keine Lust haben mit mir zu spielen, dann hoppeln sie immer ein paar Schritte weiter, wenn ich ihnen näher komme. Ist das sowas?!“, fragte sie mit großen Augen.
„So ist es entschieden!“, lächelte Mo.
„Und weil meine Hasen kleiner sind als ich, müssen sie immer weghoppeln!“, sinnierte Kishou weiter. „... aber für die Knüppelhörner sind wohl eher wir die Hasen, und sollten schleunigst weghoppeln!“, Grinste sie verstehend. „Außer du wohl!“, richtete sie sich an Mo. „Da waren die wohl wieder die Hasen!“
„Mo bat sie um Verzeihung!“, lächelte sie. Es war nicht Mos Absicht, ungebeten in ihr Revier einzudringen, und es damit zu verletzen. Die Knüppelhörner haben Mo verstanden!“
„Dann sind sie eigentlich gar nicht so böse, wie sie tun!“ meine Kishou zu verstehen. „Eigentlich sind wir ja dann Schuld! Na ja ... oder wenigsten war’s ein Missverständnis!“, dachte sie laut. Ihr kam das Monster in den Sinn, dessen Horn sich in dem aufgerissenen Baumstamm verklemmt hatte. Sie wandte sich um, und schaute zu dem mächtigen Tier hinüber, das grade einen Steinwurf weit von ihnen noch immer in dem Holz eingeklemmt war. Es war inzwischen von den Anstrengungen der Befreiungsversuche ermattet, und saß entkräftet auf dem Boden. „können wir’s nicht da irgendwie loskriegen?!“, fragte sie. „Er schafft’s vielleicht nicht mehr alleine!“
„Das wird das kreuselhaarige Stemmholz ja wohl noch allein vom Allsein verdrängen können – wird er ja wohl!“, stellte das Untere Squatsch mit einem kleinen Seitenblick auf Boorh fest, um sich sogleich bei Kishou für eine kleine Unbemessenheit zu entschuldigen.
Kishou schaute Boorh bittend an, und der zeigte ein willfähriges Grinsen. Gemeinsam gingen sie zu dem ermatteten Brocken hinüber, und Boorh schulterte das mächtige Horn des Tieres. Obwohl Kishou ein Einsehen hatte – ja sogar bereits so etwas wie Mitleid verspürte – hielt sie sich doch besser hinter Mo.
Boorh brüllte auf und stemmte mit einem Ruck das Horn des Tieres aus seiner Verkeilung. Etwas schwankend erhob es sich, und trottete davon.
Kishou schaute zufrieden. „na bitte – gar nix los!“, stellte sie leicht übertrieben fest, um dann aber doch noch einen Stoßseufzer loszuwerden. „Aber hier bleiben will ich auf keinen Fall!“, entschied sie mit einem Blick auf das etwas weiter entfernte tote Knüppelhorn. Sie ging, um ihr Bündel aufzusammeln, und band es sich um die Schulter. Die Sonne schickte bereits die letzten Strahlen über den Horizont und färbte den Himmel in ein purpurnes Rot. „Wenigstens noch ein Stückchen!“, meinte sie. „Ich hab’ ja noch meinen Besonderen Apparat der das Licht vom Allsein trennt, wenn’s zu dunkel wird!“ Sie klopfte sich auf ihre Bluse zwischen Brust und Bäuchlein.
Sie wendeten sich gerade zum Aufbruch, als Mo erneut in jene seltsame Starre verfiel, bevor die Knüppelhörner kamen. Kishous spürte, wie ihre Haut sich zusammenzog und sich die Haare aufstellten. Zu nah war noch das letzte Geschehen.
Mo drehte sich langsam um sich selbst, und fixierte mit starren Augen auf der anderen Seite des Platzes einen kleinen Felsen, der unweit vor ihnen inmitten einer kleinen Baumgruppe stand.
„Ist wieder was?“, schluckte Kishou hörbar. Und suchte in der selben Richtung nach irgendwelchen Bewegungen.
„Mo ist nicht entschieden!“
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