»Und riefest immerzu nach der Mama«, fügte ich hinzu, »und würdest dich vor jedem Dorfbuben fürchten und hocktest wegen eines Regenschauers den ganzen Tag zu Hause. O, Heathcliff, du zeigst wenig Verstand. Komm an den Spiegel, und ich will dich lehren, was du dir wünschen solltest. Siehst du diese zwei Falten über der Nasenwurzel und diese dicken Brauen, die, statt hochgewölbt zu sein, so tief herabgedrückt sind, und darunter die zwei schwarzen Teufel hier, die nie freimütig gradaus blicken, sondern wie Satansspione mürrisch hervorblinzeln? Wünsche und lerne, die grämlichen Runzeln zu glätten, die Lider freimütig aufzuschlagen, und wandle die zwei Höllenteufel in vertrauende unschuldsvolle Engel, die keinen Argwohn kennen und dort, wo sie nicht Feindschaft wissen, nur Freundschaft sehen. Du sollst nicht den Ausdruck eines verprügelten Hundes haben, der weiß, daß er die Fußtritte, die er bekommt, verdient hat, und der doch um seiner Leiden willen alle Welt haßt, nicht nur den bösen Herrn.«
»Mit anderen Worten: ich soll mir Edgar Lintons große blaue Augen und helle Stirn wünschen«, antwortete er. »Ich tu's auch – doch das verhilft mir nicht dazu.«
»Ein gutes Herz verhilft dir zu einem fröhlichen Gesicht, mein Junge«, fuhr ich fort, »und wenn du auch schwarz wie ein Neger wärest Und ein schlechtes Herz wird das schönste Gesicht schlimmer als häßlich machen. Und nun – da wir glücklich mit Waschen und Kämmen und Schmollen fertig sind – sag mir, ob du nicht ein hübscher Bursche bist? Ich finde es, sage ich dir! Du könntest ein verkleideter Prinz sein. Wer weiß es denn, ob dein Vater nicht Kaiser von China war und deine Mutter eine indische Königin? Und jeder von ihnen reich genug, um mit den Einnahmen einer Woche Sturmheid und Drosselkreuz zusammen aufzukaufen. Und du wurdest ihnen von Seeräubern geraubt und nach England gebracht. Ich an deiner Stelle würde mir über meine Herkunft etwas ganz Wunderbares ersinnen; und der Gedanke, wie hoher Abkunft ich wäre, würde mir Mut und Stolz geben, die Quälereien so eines armseligen Landmannes geduldig hinzunehmen.«
So schwatzte ich fort; und Heathcliffs Stirn glättete sich allmählich, und er sah ganz liebenswürdig drein – da wurden wir plötzlich aufgeschreckt: Wagengerassel und Pferdegetrappel schallte herauf. Heathcliff lief ans Fenster und ich zur Tür; da sahen wir gerade noch die beiden Lintons in Mäntel und Pelze gehüllt aus dem Familienwagen steigen und die Earnshaws von den Pferden springen: sie pflegten im Winter oft zur Kirche zu reiten. Catherine nahm die beiden Spielkameraden bei der Hand und führte sie auf die Diele und setzte sie ans Feuer, das ihre bleichen Wangen schnell rötete.
Ich redete Heathcliff zu, hinunterzugehen und fröhlich zu sein, und er gehorchte willig. Aber das Unglück wollte es, daß, als er die von der Küche auf die Diele führende Tür öffnete, Hindley gerade von drüben hereinkam. Sie stießen zusammen, und der Herr stutzte, als er Heathcliff so sauber und munter sah. Er schob ihn in die Küche zurück und befahl Josef ärgerlich:
»Daß mir der Kerl nicht ins Zimmer kommt! Sperr ihn in die Bodenkammer, solange wir Mittag essen. Er würde die Finger in die Pasteten bohren und das Obst stehlen, wenn man ihn nur einen Augenblick unbeaufsichtigt ließe.«
»Nein, Herr«, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, »er wird nichts anrühren, gewißlich, er nicht! Und ich meine, er muß ebensogut sein Teil von den Süßigkeiten haben wie wir.«
»Er soll von meiner Hand sein Teil haben, wenn ich ihn vor Dunkelsein hier unten erwische!« schrie Hindley. »Weg, du Strolch! Was, du willst gar den Gecken spielen, he? Warte, bis ich diese eleganten Locken zausen werde – da sollen sie noch länger werden, als sie jetzt schon sind!«
»O, die sind schon lang genug«, bemerkte der junge Linton von der Diele her. »Mich wundert, daß sie ihm kein Kopfweh machen; sie hängen ihm wie eine Pferdemähne in die Augen.«
Gewiß machte er diese Bemerkung ganz ohne beleidigende Absicht. Doch Heathcliffs wilde Natur konnte von einem, den er so gründlich haßte und als Nebenbuhler fürchtete, solche anscheinende Impertinenz nicht hinnehmen. Er ergriff eine Schüssel mit heißem Apfelmus (das erste, was ihm unter die Hände kam) und schleuderte sie dem Sprecher ins Gesicht, der sofort in ein Gejammer ausbrach, das Isabella und Catherine herbeieilen ließ.
Mr. Earnshaw packte den Missetäter und schleppte ihn in sein Zimmer hinauf, wo er ihn einsperrte und zweifellos seinen Wutausbruch derb bestrafte, denn als er wiederkam, war er rot und atemlos.
Ich nahm ein Tuch und rieb recht unsanft des vorwitzigen Edgar Mund und Nase und versicherte ihm, daß er für seine Einmischung diese Strafe wohl verdient habe. Seine Schwester verlangte weinend nach Haus, und Cathy stand verlegen dabei und schämte sich für alle.
»Du hättest nicht mit ihm sprechen sollen«, verwarnte sie den jungen Linton. »Er war schlechter Laune, und nun hast du unsere Festfreude verdorben, und er wird durchgeprügelt werden; ich kann es nicht ertragen, daß er geprügelt wird. Ich kann jetzt kein Mittagbrot mehr essen. Warum hast du zu ihm gesprochen, Edgar?«
»Ich habe es gar nicht getan«, schluchzte der Junge, indem er sich von mir losriß und die Reinigung mit seinem Battisttaschentuch vollendete. »Ich habe Mama versprochen, daß ich nicht ein Wort mit ihm sprechen würde, und ich hab es auch nicht getan.«
»Also weine nicht«, antwortete Catherine ärgerlich; »du bist nicht daran gestorben. Mach die Sache nicht schlimmer, als sie ist. Mein Bruder kommt, sei still! Still, Isabella! Hat dir denn jemand was getan?«
»Kommt, Kinder, kommt! Nehmt Platz!« rief Hindley schnaufend. »Der Kerl hat mich in Hitze gebracht! Ein andermal, Mr. Edgar, mögen Ihre eigenen Fäuste sich Recht erkämpfen, das wird Ihnen Appetit machen.«
Die kleine Gesellschaft fand beim Anblick der festlichen Tafel ihren Gleichmut wieder. Sie waren nach ihrem weiten Ritt hungrig und, da ihnen ja schließlich kein ernstliches Unglück widerfahren war, bald getröstet. Mr. Earnshaw reichte ihnen gehäufte Teller, und seine Frau wußte die Unterhaltung fröhlich zu leiten. Ich wartete hinter ihrem Stuhl auf und war bekümmert, zu sehen, daß Catherine trockenen Auges und mit gleichgültiger Miene das Fleisch auf ihrem Teller zerteilte. »Welch fühlloses Geschöpf«, dachte ich bei mir selbst; »wie leicht sie die Mißhandlung ihres alten Kameraden nimmt. Ich hätte sie nicht für so selbstsüchtig gehalten.«
Sie führte einen Bissen zum Munde – und ließ ihn wieder sinken: ihre Wangen flammten, und Tränen strömten drüber hin. Sie ließ die Gabel zu Boden fallen und bückte sich danach, um ihre Bewegung zu verbergen. Ich nannte sie nicht mehr gefühllos, denn ich bemerkte, daß sie nachher den ganzen Tag ruhelos war und angstvoll nach Gelegenheit suchte, allein zu sein oder Heathcliff zu sehen. Ich war zu ihm hinaufgegangen, um ihm etwas Essen zuzustecken, doch der Herr hatte ihn eingeschlossen.
Abends wollten die Kinder tanzen, und da Isabella Linton keinen Partner hatte, bat Cathy darum, Heathcliff herunterholen zu dürfen. Ihr Bitten war vergebens, und ich mußte Isabellas Herrn abgeben. In der Freude des Spiels vergaßen wir bald allen Kummer, und unser Fest wurde durch die Ankunft der Spielleute von Gimmerton noch erhöht. Es waren dreizehn Mann: eine Trompete, eine Posaune, ein paar Klarinetten und Hörner, eine Baßgeige und einige Sänger. Diese Leute wandern jedes Jahr zu Weihnachten auf die Gutshöfe hinaus und bekommen für ihr Spiel kleine Festgeschenke, und wir fanden es damals ein herrliches Vergnügen, ihnen zuzuhören. Nachdem die üblichen Choräle gesungen worden waren, baten wir sie um Volkslieder und Balladen. Mrs. Earnshaw liebte Musik, und so bekamen wir viel zu hören.
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