Noch am selben Abend rief sie mich an und sagte, dass ich in einer kleinen Dachwohnung meiner Tante wohnen könne. Ab sofort. Damit war ich also auf mich allein gestellt. Ohne meine Clique, in der ich der Hase war. Der Hase, der sich stets fügte. Bloß keine Auseinandersetzung.
Mein Bild von mir nervte mich. Und allmählich fing mich auch unser Bild von der freien Liebe an zu nerven. Was ist daran frei, wenn man sich vor Liebeskummer heimlich in den Schlaf weint? Was ist schlimm daran, wenn Mann und Frau nur einander haben? Und nicht zwei Frauen einen Mann oder umgekehrt oder wie auch immer. Mich nervte dieser Zustand jedenfalls. Ich wollte Zeus für mich. Ich wollte seine Freundin sein. Seine feste Freundin. Und ich wollte meine Clique nicht verlassen. Wir fünf waren wie eine Familie. Uschi die dominantere von uns beiden Frauen. Sie bestand sehr darauf, dass jeder weiterhin mit jedem Sex haben könne und es kein Recht auf Exklusivität gäbe. Und die drei Jungs natürlich auch, war es doch Zeus’ Überzeugung, dass eine feste Partnerschaft nur Negatives mit sich bringen würde. Umso überraschender war es, als er seine Meinung änderte.
Nach dem Besuch meiner Eltern tat ich so, als sei ich in die kleine Dachwohnung bei meiner Tante gezogen. Sie duldete keinen Männerbesuch und ich wollte nicht mehr ohne Zeus sein, also überlegte ich mir etwas. Früh morgens schlich ich mich in das Zimmer, zerwühlte das Bett, damit meine Tante dachte, ich hätte dort übernachtet. Tatsächlich aber schlief ich weiterhin jede Nacht auf unserem Fünferlager. Die Bindung zwischen mir und Zeus wurde immer enger, bald schlief er nur noch mit mir und nicht mehr mit Uschi.
An einem Freitagmorgen, wir schliefen alle noch, klingelte es plötzlich mehrmals an der Tür. Wer konnte das sein so früh? Es waren Zeus’ Eltern. Wütend schob sich seine Mutter durch die Tür, als er öffnete, und drehte sich mehrfach in unserem Wohnzimmer um die eigene Achse und gestikulierte mit ihren Armen wie ein Dirigent. „Wir haben einen Brief von deiner Schule bekommen, du warst seit Wochen nicht dort. Das eine sage ich dir, Junge. Wenn du dort nicht mehr hingehst, dann bist du auf dich allein gestellt. Von uns gibt es dann keinen Pfennig mehr!“ Wie mein Vater stand auch der Vater von Zeus eher hilflos und steif wie ein Paket im Weg herum. Unangenehme Dinge zu klären, war scheinbar irgendwie Frauensache. Und als hätte sie ihn bestellt, quetschte sich noch der dickbäuchige Vermieter keuchend durch den Türspalt und blies die Backen auf. „Wie sieht’s denn hier aus? Und warum sind hier so viele Menschen? Was ist das hier, ein Lager für Vagabunden? So etwas gibt es in meinem Haus nicht!“, rief er mit leicht kieksender Stimme.
Nach dem Besuch, der sich anfühlte, als hätte ein starker Wind das Zimmer verwüstet, saßen wir zusammen und überlegten. „Ich suche uns was Neues“, sagte Uschi. Und alle waren froh, dass wieder eine Frau wusste, was zu tun sei. Und sie fand tatsächlich eine neue Bude – was für eine Erleichterung. Die fünf Freunde konnten zusammenbleiben. Wir zogen ein, schlugen unser Lager auf dem Boden auf und lebten weiter wie bisher. Mit dem Unterschied, dass Zeus und ich jetzt ein Paar waren. Entgegen aller Überzeugung hatte es sich einfach so ergeben. Ich war überglücklich und himmelte Zeus an. Ich liebte alles an ihm. Seine schulterlangen, braunen Haare, seine dunklen, weit auseinanderstehen Augen, die einen so magischen Blick hatten, dass ich auch nach Monaten noch Gänsehaut bekam. Seine markanten Gesichtszüge, seine schönen Hände, die auch durchs Gitarrenspielen nicht ihre zarte Weichheit verloren. Seine große Gestalt und sein breites Grinsen, wenn er zur Tür hereinkam. Zeus war alles für mich. Und ich wollte alles für ihn sein – Frau, Geliebte, Beschützerin, fürsorgliche Mutter. Ihn stellte ich an erste Stelle und mich dahinter. Zeus gefiel das. Vielleicht hat er unsere Rollenverteilung aber auch nicht so bewusst wahrgenommen. Eine, die uns bewusst wahrnahm, war Uschi. „So geht das nicht, ihr zwei. Hier gibt es feste Regeln. Alle sind frei, Pärchen gibt es nicht und jeder kann die Liebe des anderen empfangen und weitergeben. Wenn ihr euch weiter so abkapselt, müsst ihr ausziehen. Ihr habt die Wahl. Entweder ihr bleibt hier in unserem Zuhause oder ihr macht euer eigenes Ding“, verkündete sie eines Abends und stand angriffslustig vor uns, die Fäuste in die Hüften gestemmt.
Unsere Wahl war klar. Wir gegen den Rest der Welt. So empfand ich es. Also hieß es wieder umziehen. Doch wohin? Zeus’ Eltern hatten ihm den Geldhahn zugedreht, weil er nun gar nicht mehr zur Schule ging. Mit zwei Taschen, meinen persönlichen Sachen und meiner Hoteluniform, die ich während meiner Ausbildung zur Hotelfachfrau in einem Münchner Hotel trug, Zeus mit seinem alten Lederrucksack und seiner Gitarre, standen wir auf dem Bürgersteig. Die Münchner um uns herum beachteten uns nicht, hetzten weiter durch ihr strikt durchorganisiertes Leben mit den Gedanken bei der nächsten Verpflichtung, dem nächsten Termin oder noch bei der morgendlichen Zankerei zwischen Frühstück, Badezimmer und Hausflur, aber nicht mit einer Zelle ihres Körpers im Hier und Jetzt. Für Zeus und mich gab es nur das Hier und Jetzt. Und im Hier und Jetzt waren wir obdachlos und hatten nur noch ein paar Mark in der Tasche. Die ersten drei Nächte fanden wir Unterschlupf bei einem Freund. Doch weil seine Wohnung schon von zu vielen Menschen bewohnt war, schliefen wir nachts auf unserer ausgebreiteten Kleidung auf dem Flur. Abends mussten wir warten, bis alle in ihren Zimmern waren und morgens mussten wir als Erste aufstehen, damit wir den Flur nicht blockierten. Zeus streifte tagsüber umher auf der Suche nach einem Job, während ich morgens in meiner dunkelblauen Hoteluniform frisch gestylt ins Hotel ging. Nach drei Tagen hatte Zeus einen Job als Fahrer bei einer Arzneimittelfirma. Die gab ihm einen grünen Renault 4 zum Ausfahren der Ware. Der Wagen wurde unser neues Zuhause. Abends fuhren wir an einen Waldrand, klappten die Sitze zurück und machten es uns so gemütlich es ging. Morgens fuhr Zeus mich zum Hotel, wo ich mich im Badezimmer des Angestelltenzimmers duschte, schminkte und den Rest meiner Sachen in einer Tüte versteckte. Niemand bemerkte, dass ich keinen festen Wohnsitz hatte, und nicht mal Zeus und mich störte das sonderlich.
Nach einer Weile fanden wir ein leer stehendes Haus. Die ersten beiden Stockwerke wurden als Toiletten benutzt, doch je weiter man hochstieg, desto erträglicher wurde der Geruch. Ganz oben lagen Matratzen verteilt auf dem Boden. Einer von ihnen, wir nannten ihn den „Clochard“, weil er gebildet und fast vornehm immer in einem langen Mantel auf seiner Matratze saß und las, hatte so was wie die Aufsicht hier. Er befragte uns kurz und wies uns dann eine Matratze und eine Kerze zu. Und so lagen wir da zwischen Bettlern, Landstreichern und Aussteigern auf unserer Matratze und versuchten zu schlafen. Der Kerzenschein der vielen Kerzen tanzte an der Decke und verbreitete eine fast romantische Stimmung. Trotzdem hatte ich ein bisschen Angst. Ich war die einzige Frau unter lauter Männern und spürte ihre interessierten Blicke auf meiner Haut. Ich wickelte mich eng in meine Wolldecke und presste mich ganz dicht an Zeus. Nach ein paar Tagen gewöhnte ich mich an unser neues Beton-Zuhause. Die anderen akzeptierten mich entweder oder ignorierten mich, was mir auch recht war.
Zeus und ich freundeten uns mit dem Clochard an. Bei flackerndem Kerzenschein saßen wir abends da und hörten uns seine Theorien über die Gesellschaft an: „Lasst euch nicht von der Gesellschaft kaufen. Ihr beide seid klug, so wie wir alle hier. Die Gesellschaft glaubt, sie lebe mit ihrem Lebensmodell in Sicherheit, aber sie irrt. Man muss seinem Glück eine Chance geben, aber wie kann man das, wenn bis zur Rente jedes Detail und jeder Tag genauestens verplant sind? Wir hier leben jetzt noch am Rande der Gesellschaft, aber wartet es nur ab, das wird sich ändern. Es wird eine Zeit kommen, in der sich alle Außenseiter zusammentun, eine neue Gesellschaft gründen und damit das bisherige System stürzen. Unsere Zeit wird kommen, habt nur Geduld.“ Während er das sagte, saß er mit seinem schwarzen Mantel im Schneidersitz und gestikulierte langsam mit den Händen, fast so, als würde er etwas in der Luft hin und her schieben. Seine langen braunen Haare fielen dabei in Strähnen über seine Schultern, sein Schatten flackerte im Kerzenlicht. Ich fand ihn sehr sympathisch. Zeus war absolut überzeugt von ihm. Beim Einschlafen sagte er: „Entweder werde ich Pop-Star oder Clochard.“ Wäre es nach seinen Eltern gegangen, wäre er Arzt geworden. Wie sein Vater.
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