Graf Balz brach ihnen Bahn durch die dicht gedrängte Menschenmenge am Büffet, und einige Augenblicke später ließen sich die drei am Tische des Grafen Dahlweg nieder.
Theas Vater war noch heute ein vollendet schöner Mann. Der broncebraune Teint seines schmalen Gesichtes kontrastierte seltsam mit seinem weißen Haupthaar. Auch der nach englischer Mode bürstenförmig geschnittene kleine Schnurrbart war schneeweiß. Aber in des Grafen türkisblauen Augen — dem Erbteil seiner schwedischen Mutter — loderte noch immer das Feuer der Jugend; noch immer war in ihnen der heiße und feuchte Glanz, der so vielen Frauen gefährlich gewesen, — vielleicht es jetzt noch war...
»Na, nett, dass ihr euch endlich hier sehen lasst, Kinder,« hatte Graf Dahlweg zu seiner Tochter und zu seiner Nichte gesagt; »danke, lieber Balz, dass Sie die Mädels hierher begleitet. Sie nehmen doch auch ein Glas von dieser Bowle. Ich kann sie Ihnen dringend empfehlen. — Aber wer hat denn das Jagdrennen gemacht? ,Tropenfieber’? Sieh mal an! Na, da wird sich der Herzog freuen, — hatte ja ein tolles Pech, diese ganze Saison!« —
»Ich auch, Papa!« sagte Thea betrübt.
»Aber, liebstes Kind, mit deinen zwei Gäulen! Da kannst du wahrhaftig nicht viel verlangen. Sei froh, dass du so’n netten Papa hast, der dir überhaupt Rennpferde kauft!
Gott, da du so darauf branntest, — warum denn nicht? Aber schwere Klasse ist weder ,cousin’ noch ,sweet beast’.« —
»Sollte ,cousin’ nicht im Hohenhelm-Jagdrennen laufen?« fragte Graf Balz, indem er sich an Fräulein von Nordstetten wandte.
»Ja, mit Trostburg im Sattel, — der rote Husar.
Sie kennen ihn natürlich, — aber er hat seit vorgestern ein mulmiges Bein, — lachen Sie doch nicht so! Ich meine ja, der Gaul hat ein mulmiges Bein, — und da hat Thea Reugeld gezahlt!«
»Und ,sweet beast’?«
»Na, die kommt ja im nächsten Rennen.« —
Alice hielt dem Ulanen ihr Rennprogramm hin, in welchem die Worte ›Röbersdorfer Jagdrennen‹ angestrichen waren.
Unter den Pferden, die dieses Rennen bestritten, befand sich ,sweet beast’, die fünfjährige Schimmelstute der Gräfin Thea Dahlweg.
»Ich muss jetzt in die Box, Papa.« —
»Gut, ich komme mit.« —
Sie schritten alle vier bis zu den Holzverschlägen, in welchen die Pferde für das nächste Rennen gesattelt wurden.
Lächelnd klopfte Thea der Stute den Hals. — Sie standen dicht beieinander, die schlanke, weiße Stute und das schlanke, weiße Mädchen, beide goldübergossen von brennendem Julisonnenschein. — —
Da fiel ein Schatten über den Weg.
Ein großer, hagerer Kürassierleutnant verbeugte sich vor Thea und begrüßte dann die drei anderen.
»Ich habe mich im Interesse meiner Tochter recht gefreut, dass Sie ,sweet beast’ reiten, lieber Baron,« sagte Graf Dahlweg verbindlich. —
»Was man aus dem Gaul ’rausholen kann, werde ich schon ’rausholen!« erwiderte der Kürassier, indem er sich in den Sattel schwang und in den Kreis ritt, in welchem die anderen Pferde, die am nächsten Rennen teilnehmen sollten, schon bewegt wurden.
»Ich wusste gar nicht, dass der rote Champion Ihr Pferd reitet,« sagte Graf Balz zu Thea.
»Wer?« unterbrach Alice.
»Kennen Sie nicht Baron Hofs Spitznamen: ›der rote Champion,‹ so genannt wegen seiner impertinenten Haarfarbe und wegen seines Championats, das er in diesem Jahre zum dritten Male zu behaupten hat.«
»Diesmal wird Borndorf Champion,« rief Alice.
»Denkt nicht daran,« lautete Theas kühle Entgegnung, »dieses Rennen wird er allerdings gewinnen.« —
Sie betrachtete nachdenklich prüfend den großen Fuchshengst, auf dem Borndorf eben vorüberkam.
Zu Alicens größtem Entzücken grüßte dieses Mal der kleine Ulan.
Die Turfkomtess aber hatte nur Augen für sein Pferd.
»Sieh mal, Papa, wie wundervoll ,Rurik’ heute in Form ist. Und bloß 60 Kilo. Ich fürchte, er siegt im Handgalopp.« — .
»‘Sweet beast’ sieht heute auch sehr gut aus,« tröstete der Vater und wies auf die Schimmelstute, die eben vorbeikam.
Der Freiherr von Hof, der rote Champion, saß in nachlässigster Haltung im Sattel; sein hageres Gesicht mit den harten; blauen Augen trug einen unendlich gleichgültigen Ausdruck.
Er grüßte flüchtig herüber und ritt dann den anderen nach zum Start. — — —
Und dann standen die vier wieder an der Barriere, und mit fieberhafter Aufmerksamkeit wartete Thea auf das Zeichen des Starters. —
Endlich fiel die Flagge. Dicht geschlossen kam das Feld bis zum Tribünensprung; dann aber nahm ,Cayenne’ die Führung, und ihr Reiter, ein junger Dragoner, der sein erstes Rennen ritt, forderte sie zu einer Höllenpace auf, die nur zwei der übrigen Pferde akzeptierten, nur ,Rurik’ und ,sweet beast’.
Beim Torbeger Bogen fiel ,Cayenne’, vollständig ausgepumpt, zurück und — das übrige Feld weit hinter sich lassend — rasten ,Rurik’ und ,sweet beast’ auf gleicher Höhe dahin.
Beim Wassergraben aber, den Borndorf mit ,Rurik’ tadellos genommen hatte, machte ,sweet bieat’ einen Rumpler, der den roten Champion aus dem Sattel warf.
Theas Hand, die das Fernglas gehalten, fiel schwer hernieder.
Aus! — — Keine Chance mehr! — —
Ihre schimmernden Zähne gruben sich tief in ihre Unterlippe.
»Na, diesmal hat dein Borndorf gewonnenes Spiel!« sagte sie heiser zu ihrer Cousine.
»Du! Hof ist ja wieder im Sattel!« Alice schrie beinahe vor Überraschung.
Und durch die angestauten Menschenmassen ging ein wildes, verworrenes Rufen: »Hof!« »Der rote Champion.« Immer wieder wurde der Name des populärsten aller Herrenreiter geschrien, gebrüllt in allen Tonarten!
Und immer geringer wurde der riesige Abstand zwischen ,Rurik’ und ,sweet beast’.
Zwanzig Längen nur noch — — und schon waren es nur zehn — — — nur fünf.
Bei der letzten Hürde lag nur noch eine Länge zwischen ihnen, und dann warf Hof mit übermenschlicher Gewalt sein Pferd vor, Borndorf weit hinter sich lassend. — —
Und aller Augen sahen nur ihn, nur ihn, den roten Champion. Er hatte seine Mütze beim Sturz verloren; sein Haar hing ihm wie rotes Gold wirr in die Stirne hinein; aus einer Hautwunde an seiner linken Wange floss ihm ein breiter Streifen Blut am Gesicht herunter. Man sah nur ihn, — nur die weit ausholende Handbewegung, mit der er die Peitsche auf den Gaul niedersausen ließ, — — immer wieder, — mit automatischer Regelmäßigkeit klatschte sie nieder auf den schweißtriefenden Pferdeleib, — — und immer wieder — und noch einmal — — und bis durchs Ziel! — —
Das aufgeregte Rufen schwoll brausend an, — wie ein Triumpflied auf den roten Champion war’s; — — dann aber drängte die Menge eilfertig auseinander, zur Restauration und zum Totalisator. — —
Die Turfkomtess stand regungslos an der Barriere; sie erwiderte nichts auf die vielen Glückwünsche, die ihr dargebracht wurden.
In ihrem totenblassen Gesicht leuchteten ihre Augen wie im Fieber.
Später, — — als die Glocke schon zum neuen Rennen läutete, ging sie allein in die Box von ,sweet beast’.
Die Stute lag, zum Tode erschöpft, auf der Erde; ihr Atem ging keuchend und stoßweise durch die weitgeöffneten Nüstern.
Thea schickte den Stallknecht fort, der im Begriff war, das Pferd abzuwaschen.
Sie blieb ganz allein mit dem röchelnden und erschöpften Tiere, dessen glatte Haut schweißbedeckt war, und an dessen Flanken das Blut hinunterrieselte.
»Von seinen Sporen, —« sagte die Turfkomtess wie im Traume vor sich hin, und sie legte ihre kühlen, weißen Hände auf die heiße, rote Wunde.
Das Pferd zuckte zusammen.
Da schlang ihm Thea beide Arme um den Hals, und ein tränenloses Schluchzen schüttelte ihren schlanken Körper wie ein Krampf. — —
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