Er atmete tief ein und schloss die Augen. Seine Lungen füllten sich tatsächlich mit kalter Luft. Aber wieder hatte er nicht das Gefühl, dass diese Luft echt war. Wie gerne würde er einmal die Echtheit und Klarheit der antarktischen Luft genießen. Nur war es da leider im Moment so kalt, dass kaum ein Mensch lange dort überleben konnte, schließlich befanden sie sich in einer Eiszeit.
Vor ein paar Jahren schon hatte er dieses Programm angelegt. Am Anfang war er nur umhergelaufen, bis ihm zu kalt geworden war. Auch wenn der Raum nur auf zehn Grad heruntergekühlt werden konnte, wurde es für Aron nach einiger Zeit unangenehm. Er war es einfach nicht gewohnt. Also hatte er sich vor einem Jahr entschieden, daraus ein Trainingsprogramm zu machen. Er hatte etliche Wikipediaeinträge über Tiere in der Arktis und veraltete Jagdmethoden eingeschleust. Nun tauchten immer wieder ein paar Eisbären, Robben oder sonstige Viecher auf, die Aron mit Speer, Bogen oder Hapune bewältigen konnte. Die Angriffe begannen bei niedrigem Level, und je wärmer er sich lief, desto schwerer wurden auch die Attacken. Es war schon vorgekommen, dass er das Programm hatte stoppen müssen, weil ein Eisbär ihn sonst virtuell zerfleischt hätte. Auch wenn Aron wusste, dass das nicht möglich war, zeigte ihm der Raum die Geschehnisse so real, dass er manchmal vergaß, dass er sich am Rand der Wolken irgendwo in der afrikanischen Wüste befand.
Aron schüttelte verwundert den Kopf. Das Wunderwerk der Technik. Doch er hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn im nächsten Moment sah er am Horizont eine graue, wabernde Masse, die sich auf ihn zu bewegte.
Er zog sein Fernglas heraus und richtete es auf das wabernde Etwas. »Ernsthaft jetzt?« Hunderte von Pinguinen kamen in diesem Moment auf ihn zu gewatschelt. Und sie sahen nicht sonderlich gefährlich aus.
»Elli, ich wollte Gefahren, das weißt du doch!«
»Bestätige: Gefahr«, sagte die Frauenstimme, doch es änderte sich nichts.
Aron zuckte mit den Schultern. Dann schlachtete er eben ein paar Pinguine ab, die waren ja sowieso nicht echt. Er wollte bereits seinen Bogen spannen, als er eine Unstimmigkeit im Gewaber der Pinguine sah. Ein technischer Bug? Wieder zückte Aron sein Fernglas und schreckte sofort zurück. Das hatte Elli also mit Gefahr gemeint. Ein riesiges Walross schleuderte gerade einen halb zerfetzten Pinguin durch die Gegend und die Menge strömte auseinander. Deswegen kamen sie auf Aron zu, sie flüchteten. Und dieses Walross war außerordentlich groß. Aron wunderte sich über die Schnelligkeit dieses Geschöpfes, es handelte sich offenbar um Ellis Fantasiewahlross, das einem Mutanten gleichkam und sich unglaublich schnell an Land bewegen konnte. Aber nun war es eben so.
»Also gut«, ermutigte Aron sich selbst, steckte das Fernglas ein und nahm seinen Speer in die Hand. Normalerweise fing das Programm mit kleinen, kampflustigen Seerobben an, die sich gemäß ihrer Natur nur langsam an Land bewegen konnten und deshalb einfach zu erlegen waren, doch nun sollte es wohl gleich hart auf hart kommen. Das natürlich auch ungeachtet der Tatsache, dass weit und breit kein Ozean zu sehen war, aus dem die Robbe oder andere fischähnliche Tiere hätten kommen können. Manchmal, dachte Aron, verhielten sich selbst zusammen gestellte Programme einfach unlogisch.
Er fing an zu laufen, dem Walross und den Pinguinen entgegen, die sich panisch und ungeordnet in alle Richtungen bewegten. Er atmete konzentriert und gleichmäßig, der Speer wog schwer in seiner Hand. Wenn er richtig und genau zielte, konnte er das Tier hart verletzen. Danach war es ein leichtes, es zu töten. Die ersten Pinguine watschelten aufgeregt an Aron vorbei, der den Speer bereits auf Hüfthöhe trug.
Wenige Sekunden später hob er ihn weiter, reckte seien Arm nach hinten, zielte auf das Walross und schleuderte den Speer mit aller Kraft auf das wütende Tier. Das Walross zuckte, als der Speer ihn traf, doch Aron konnte nicht mehr sehen, wie es sich weiter vor Schmerz wand, denn plötzlich stand er wieder im weißen Raum vor den pulsierenden Wänden.
Wütend drehte er sich zu seinem Vater um. »Hallo Aron.«
»Mann, wieso kannst dumich das nicht einmal zu Ende spielen lassen?« Beleidigt zog er die Felljacke aus, der Speer und das Fernglas existierten nicht mehr.
Nate Eamson sah seinen Sohn kritisch an.
»Wann habe ich dich bitte das letzte Mal gestört? Abgesehen davon finde ich nicht, dass das die richtige Beschäftigung für einen Dreizehnjährigen am Samstagmorgen ist. Wie dem auch sei, Griffin steht vor der Tür.«
Sie schlenderten mit den Händen in den Hosentaschen durch Luftareal 4. Ab und zu blickten sie einem Mädchen in Bikini hinterher, den Rest der Zeit ließen sie ihre Blicke über die Areale schweifen und versuchten sich auszumalen, was wohl hinter dieser endlos wirkenden, riesigen Stadt lag.
Es war eines der ersten Modelle einer modernen Stadt gewesen, damals nach dem Weltkrieg und der halbherzigen Versöhnung wurde sie gebaut, mit dem Ziel Platz und Energie zu sparen, möglichst ökologisch zu sein. Und das war sie tatsächlich. Aron wunderte sich immer wieder, warum sie gerade hier, mitten in der Sahara diese riesige Stadt aufgebaut hatten.
Die Stadt bestand aus fünf Arealen, die Etagen gleichkamen. Ein Bodenareal und vier Luftareale. In jedem Areal gab es große Plätze, Wasserläufe, Springbrunnen, Pools und viele Pflanzen, ja teilweise sogar ganze Parks. Die Menschen liefen nicht auf Teer oder normalen Straßen, sondern auf weißen Fliesen. Alle Wohnungen waren mit hochtechnischen Geräten ausgestattet und ein jeder zapfte Strom von Solarzellen. Außerdem verliefen überall kleine Treppchen, die nicht nur die Etagen miteinander verbanden, sondern auch Zwischenetagen, Terrassen und kleinere Plattformen. Die Wasserläufe begannen im Areal 4, dem höchsten, und liefen bis nach unten, was ebenfalls Strom erzeugte. Aron bewunderte dieses ganze Konstrukt, welches er noch immer nicht ganz begriffen hatte. Den Ingeneuren war schließlich beinahe ein Perpetuum Mobile gelungen. Bis auf die Tatsache, dass sie auf den riesigen Solarpark rund um die Stadt angewiesen waren. Ein wenig erinnerte ihn seine Umgebung an die alten Zeichnungen der Hängenden Gärten von Babylon. Nur dass sie nun moderner leb-ten.
Aron hatte Tiska noch nie verlassen. Er wusste, dass es noch mehr solcher Städte gab und auch vollkommen andere. Manchmal lebten die Leute nicht hoch in der Luft, sondern nur auf dem Boden. Und besonders reiche Leute, die Boat-People genannt wurden, wohnten auf Wasserstädten. Aron wusste auch, dass er hier eher der mittleren Oberschicht angehörte, nur ein paar Prominente wohnten in Tiska.
Sascha Griffin Warrick war Arons bester Freund. Seit den ersten Schuljahren kannten sie sich und standen jedes Problem zusammen durch. Wobei Griffin viel mehr davon hatte als Aron. Er wohnte auf den richtig großen, hochtechnisierten edlen Terrassen. Die Jungen hatten sich einmal die besten Ferngläser ausgeliehen und von dort ausprobiert, wie weit sie sehen konnten. Und tatsächlich hatten sie die endlosen Solarzellen entdeckt, einige Straßen, die nach nirgendwo führten und ein paar Bäume, aber sonst nicht viel.
Noch nie hatte Griffin einen Fuß in das dritte oder zweite Areal gesetzt. Nicht, weil er es nicht durfte, viel mehr, weil er sich davor fürchtete. Er war ein hagerer Junge mit wilden blonden Locken und tiefblauen Augen. Gegen ältere, stärkere Kinder konnte er im Falle einer Auseinandersetzung nichts ausrichten. Das schien auch mit den Jahren nicht besser zu werden. Seine Mutter schickte ihn in Kampfsportvereine, aber dadurch veränderte sich die Statur des Jungen kaum. Aron wollte Griffin gar nicht ändern. Er hatte immer das Gefühl, seinen besten Freund beschützen zu müssen, obwohl Griffin nur sieben Tage älter war als er. Wie oft hatte er schon einem anderen Jungen auf die Nase geschlagen, weil Griffin sich nicht wehren konnte oder wollte. Für Aron war das kein Problem. Er half gerne und wollte für seinen Freund da sein. Besonders weil Griffin mit etwas viel Schlimmeren zu kämpfen hatte: Seinem Vater.
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