Er erinnert sich noch genau an den forschenden und leicht ungläubigen Blick des Mannes durch die runden Brillengläser. Der Junge weiß genau, Kolkraben sind ausgezeichnete Flugkünstler und würden nie eine derartige Verletzung durch Selbstverschulden bekommen. Viel wahrscheinlicher könnten Menschen den Tieren so etwas antun. Diese betrachten Rabenvögel oftmals negativ als Unglücksboten, als diebisch, ungeschickt oder gefährlich, und gehen gegen sie vor. Nach kurzem Schweigen hatte der Arzt ihm wieder zugelächelt. Er traute Raban offenbar eine das Tier verletzende Tat nicht zu, da er dann nicht mit dem Vogel im Arm zu ihm gekommen wäre.
Der Junge betrachtet den Vogel, der wieder mit leicht schräg gestelltem Kopf und wachen, dunkelbraunen Augen zurückblickt. Der Kolkrabe hat eine Körperlänge von weit mehr als 50 cm und eine schlanke Statur. Sein Schnabel ist sehr groß und kräftig, der Oberschnabel ist deutlich nach unten gebogen. Das Gefieder ist einfarbig schwarz und glänzt im Mondschein metallisch. Beine und Schnabel sind ebenfalls schwarz.
»Bist du jetzt fertig mit meiner Musterung?«, vernimmt er die leicht knarzende Stimme.
»Entschuldige bitte, Röiven! Ich wollte dich nicht so anstarren. Aber ich konnte noch nie einen Kolkraben aus der Nähe betrachten. Ich hoffe, ich habe deine Gefühle nicht verletzt.«
»Ähem, ist schon gut. Ich möchte dir noch danken. Die Schmerzen sind weg. Aber leider ist mein rechter Flügel jetzt unbeweglich. Hast du ihn mit Absicht festgebunden?« Die Augen des Vogels scheinen aufzuglimmen, so, als ob dort ein unsichtbares Feuer lodert.
»Das hat der Arzt, zu dem ich dich gebracht habe, gemacht, um deinen Flügel, also die Muskulatur zu schonen. Aber, keine Angst, in drei Tagen werde ich ihn entfernen.«
»Ich habe keine Angst, nie!«, vernimmt der Junge jetzt eine aufgebrachte Stimme. »Aber ich habe einen dringenden Auftrag, den ich erfüllen muss. Jetzt wird es sehr schwierig werden, Baran aufzuhalten.« Der große Vogel klappert mit seinen Augendeckeln.
»Ich brauche meinen rechten Flügel nicht nur zum Fliegen«, fügt er nach einer kleinen Pause erläuternd hinzu. »Ich benötige ihn auch, damit ich mit voller Kraft zaubern kann! Meine Magie ist in meinem derzeitigen Zustand vielleicht sogar gefährlich für mich, wer weiß das schon so genau.«
»Magie und Zauberei? Träume ich vielleicht noch?« Raban reibt sich erneut die Augen. Der Vogel beugt sich von dem kleinen Tischchen zu ihm herüber und zwickt ihn kurz mit dem kräftigen Schnabel in die Schulter.
»Autsch, was soll das denn jetzt?«, fährt der Junge auf.
»Ich wollte dir beweisen, du träumst nicht!« Ein leises Lachen, das wie rollende Steine auf einem sandigen Fels klingt, folgt.
»Also, du kannst zaubern? Zumindest, wenn du nicht derart eingepackt bist?«, will der Junge, immer noch etwas ungläubig wissen.
»Na klar. Das ist doch nicht in Frage zu stellen. Wie hätte ich dich denn sonst finden können?« Der Vogel klingt selbstbewusst. Der Junge versteht aber immer noch nicht.
»Wie? Du hast mich gefunden? Ich meine eher, ich habe dich gerettet, oder meinetwegen auch gefunden, wenn das deine Ehre kränken sollte.« Jetzt lacht Raban leise.
»Ach, sei’s drum. Der Mond wandert weiter. Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen, wenn wir noch etwas retten wollen!«, lenkt der Kolkrabe unerwartet aber drängend ein.
»Was? Wir müssen zu einer Rettungsaktion aufbrechen? Da solltest du mich aber erst besser informieren, worum es überhaupt geht!«
»Dazu ist keine Zeit. Wir müssen sofort aufbrechen. Jetzt!« Der schwarze Vogel berührt den verdutzten Jungen mit seinem linken Flügel.
»Portaro!«
Raban hört die knarzende Stimme. Das Zimmer beginnt sich zu drehen. Es flimmert kurz.
Als das Gleißen aufhört, steht er im Freien, auf einem Bergrücken. Der Kolkrabe läuft schimpfend auf einem schmalen Pfad hangabwärts:
»Elender, blöder, nichtsnutziger Verband. Völlig ungeeignet zum Zaubern. Wir sollten eigentlich direkt bei Minerva angekommen sein.« Der schwarze Vogel blickt sich kurz nach dem Jungen um, der noch immer dort steht, wo sie angekommen sind. »Nun schau dich kurz etwas um. Aber beeile dich und folge mir schnell nach!«, hört er Röivens Stimme.
Was der Junge sieht, verschlägt ihm den Atem. Er befindet sich auf einem beeindruckenden Bergrücken. Die langen Abhänge hinter ihm leuchten hell im Mondlicht. Auf der vor ihm liegenden Seite liegen dagegen graue Schatten. So weit er den Weg vor und hinter sich sowie das umgebende Land überblicken kann, ist nirgends ein Haus oder eine Ansiedlung zu sehen. Der sich vor ihm abwärts windende Weg verläuft in Richtung eines Moorgebietes, auf dem nur schwach vereinzelte Büsche zu erkennen sind. Ein leichter Dunst liegt auf dem Gebiet. Über die gesamte Weite ist kein Ton zu hören oder die geringste Bewegung zu erkennen. Lediglich der schwarze Vogel schreitet auf dem Weg vor ihm abwärts.
»Wie sind wir hierher gekommen und wohin willst du so schnell?« Der Junge holt den Vogel kurz darauf ein, um sich ihm in den Weg zu stellen. »Du gibst mir jetzt sofort eine Erklärung für das alles.«
Nach einer kurzen Pause fordert er: »Und wenn du schon zaubern kannst, besorge mir doch meine Hose, Shirt und Schuhe. In meinem Schlafzeug ist es reichlich kalt. Außerdem möchte ich nicht derart gekleidet umherwandern!« Herausfordernd blickt Raban in Röivens Augen.
»Ist ja gut. Ich versuch es mit deinen Sachen.«
Der Junge hört ein kurzes, unverständliches Gemurmel, dann ist er normal gekleidet, so wie er gestern unterwegs war.
»Danke, das ging ja mal schnell. Aber jetzt solltest du meine Fragen beantworten und mir sagen, worum es geht. Und bitte, fang vorne an.«
Lächelnd nimmt er den Vogel auf seine Arme und folgt dem Pfad in der bisherigen Richtung.
»Wir sind mit dem magischen Sprung hierher gekommen. Wenn sich ein Zauberer einen ihm bekannten Ort vorstellt und »Portaro« spricht, verlässt er den bisherigen Ort und befindet sich sofort an dem aus seinen Gedanken.«
»Das Reisen mittels magischem Sprung kenne ich aus einem Buch. Dass das tatsächlich funktioniert, hätte ich nicht gedacht«, staunt der Junge verblüfft. »Aber warum sind wir hier auf diesem unwirtlichen Berghang?«
Röiven klingt bei der folgenden Erläuterung etwas verlegen:
»Ich sagte dir bereits, dass ich mit dem festgebundenen Flügel vielleicht nicht so gut zaubern kann. Es ist zwar auf unserem Weg hierher nichts passiert …« Die nächsten Laute klingen, als könnten es Schimpfworte sein, formen sich aber zu keinen sinnvollen Worten in Rabans Kopf:
»… aber wir sind zu weit oberhalb des Ziels angekommen. Wir müssen eine Höhle am Fuß dieses Berges erreichen, bevor der Mond untergegangen sein wird.« Der Rabe klappert erneut mit seinen Augendeckeln, wobei er seinen Kopf etwas schräg hält.
»Was weißt du über Elfen?«, beginnt der Kolkrabe seinen Bericht danach unerwartet mit einer Frage, worauf Raban sofort stehen bleibt. »Halt, ähem, ich meine natürlich: nicht anhalten. Die Zeit drängt. Während ich dir die geforderten Informationen gebe, musst du so schnell wie möglich weitergehen.«
Der Junge setzt sich sofort wieder in Bewegung. Auch wenn der Vollmond sein Licht ungehindert zur Erde schicken kann, gibt es auf dieser Seite des Berghangs mehr Schatten als Licht. In der unsicheren Beleuchtung bewegt sich der Junge so schnell wie möglich, was aber nicht so einfach ist. Er muss sehr oft um größere Steine herum ausweichen oder sich vorsichtig auf losem Geröll abwärts vortasten. Mit dem Vogel auf den Armen ist es nicht so einfach, das Gleichgewicht zu behalten. Raban möchte unbedingt vermeiden hinzufallen, wodurch sie aber relativ langsam den Hang hinunterkommen. Manchmal meint er, ein Aufseufzen des Kolkraben zu hören, so, als ob dieser wegen des gemächlichen Tempos fast verzweifelt.
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