Du bringst alle Deine Erfahrungen in jede Betrachtung mit hinein, Deine Kindheit, Deine Traumata, Deine Träume, Deine Stimmungen, Deine Intelligenz und Dein Lebens- Umfeld.
Jedes Sonnenlicht, jeder Windhauch, jeder Regentropfen auf Deiner Haut wird von Dir so empfunden, wie Du bist.
Das, was Du bisher erfahren hast, das ist Deine jetzige Empfindung, und das ist Deine jetzige Wahrheit.
Du bringst Deine Freude mit, Deinen Streit, Deine Konflikte, Deine Sorgen. Wenn Du etwas ansiehst, wenn ein Mensch zu Dir spricht, wenn ein Vogel am Himmel zwitschert – alles, was Du siehst, egal was:
Du schaust zuerst in Deinen eigenen Spiegel.
Zuerst siehst Du Dich selbst an, und dann siehst Du das, was Du sehen willst. Und erst dann proklamierst Du Deine eigene Wahrheit.
Deine Wahrheit bist immer Du selbst.
Jede Wahrheit, die Du für richtig hältst, ist der Blick in Deinen eigenen Spiegel.
Ich nenne Dir ein Beispiel:
Fünf Personen sehen eine Wolke:
Nummer 1 sagt: “ Oh, wie ist das wunderschön!“
Nummer 2 sagt: “ Lass uns reingehen, gleich regnet es.“
Nummer 3 sagt: “ Ich habe Angst, ein Gewitter kommt.“
Nummer 4 sagt: “ Das alles hat Gott gemacht.“
Nummer 5 sagt: “ Interessant, wie sich Kondensat in solch einer Höhe halten kann.“
Dieses Beispiel lässt sich beliebig fortführen, und es zeigt, dass jede Lebenssituation bei den Menschen stets unterschiedliche Reaktionen hervorruft.
Wenn Du dieses Beispiel fortführen würdest, könntest Du feststellen, dass kein Bereich des Lebens ausgenommen werden kann, der nicht von den Menschen unterschiedlich betrachtet, interpretiert und mit unterschiedlichen Gefühlen behaftet wird.
Ich nehme als Mensch Dinge anders wahr als ein anderer, und für mich ist das die richtige und wahre Ansicht. Meine Art zu denken ist gesteuert. Sie wird geleitet durch Erfahrungen und Muster.
Mein Bewusstsein spielt sich im Kopf ab.
Ich bin geprägt. Meine Kindheit, meine Jugend, meine Familie, meine Erfahrungen, meine Welt. All das prägt mich und leitet meine Gedanken und meine Gefühle.
Diese Prägung aus früher Kindheit geht bis ins hohe Alter hinein. Du kannst Dich nicht dagegen wehren.
Ich bilde meine Erfahrungen aus meiner Erlebniswelt.
Immer bin ich es selbst, als Mensch, der die Situation bewertet, und dazu nehme ich meine eigenen Muster als Grundlage.
Beispiele gibt es unendlich viele: Erfahrungen, Konditionierungen, Familiengeschichte, Sorgen, Ängste, Aggressionen, Fähigkeiten, Konfliktlösung und vieles mehr.
Ich selbst bin es, der den Sonnenuntergang zu einem schönen Farbenspiel macht, zu einem Fingerzeig Gottes, oder zur Ankündigung auf eine gruselige Geisternacht.
Wie lange meine Zündschnur ist, bis ich aus der Haut fahre: Das ist nicht der andere, das bin ich. Noch nicht einmal das: Es ist meine Konditionierung und die Prägung aus meiner Kindheit.
Der menschliche Geist ist dazu fähig, seine Umwelt so zu betrachten, wie sie für ihn richtig erscheint. Sie erscheint ihm so, wie er sie sich selbst eingerichtet hat.
In dem Moment, in dem Du das verstehst, kannst Du Dich vom Streit mit anderen befreien. Vorher nicht. Vorher bist Du das Opfer Deiner Konditionierung.
Jeder Mensch trägt seine eigenen Wahrheiten mit sich herum. Jede Wahrheit hat seine Berechtigung und ist der anderen Wahrheit gegenüber in gewisser Weise gleichwertig.
Niemand hat das Recht zu sagen: „Meine Wahrheit ist wahrer als Deine“.
„In gewisser Weise“ bedeutet nicht, dass ich die andere Meinung einfach akzeptieren muss.
Ein Walfänger findet es in Ordnung, Wale zu jagen. Ein Henker findet es in Ordnung, den Hebel umzulegen. Ein brasilianischer Bauer findet es in Ordnung, Urwald in Brand zu setzen. Natürlich geht ein Mörder nicht straffrei aus, bloß weil er das für richtig hält.
Nur, Deine Wahrheit ist für Dich gültig, nicht für andere.
Wenn Du den anderen wirklich verstehen willst, dann gehe erst einen Kilometer weit in seinen Stiefeln.
In Gottes Stiefeln möchte ich eigentlich nicht so gerne herumlaufen. Wir müssen 3 Charaktere Gottes voneinander unterscheiden: 3 Wahrheiten
1. Gottes Wahrheit
2. Die Wahrheit der Bibelschreiber
3. Die Wahrheit der christlichen Kirche
Gehen wir einmal völlig wertfrei davon aus, Gott würde existieren. Alles würde nach seinem Drehbuch verlaufen: Er erschuf die Welt und sorgte dafür, dass der Andromedanebel und die Milchstraße sich so langsam aneinander annäherten, so dass sie in ca. 2 Milliarden Jahren aufeinandertreffen.
Vier oder fünf Tage später erschuf er Adam, Eva und die Schlange, und irgendwie gab es Stress, was auch immer passiert ist, am siebten Tage standen die drei vor dem Tor des Paradieseingangs und guckten sich betroffen an.
Unser braver Simon, angenommen, er hätte glaubwürdige Informationen über die wahren Begebenheiten, würde die ganze Geschichte niederschreiben. Er konnte nicht anders, er schrieb die Geschichte so, wie er sie verstanden hat.
Er hatte gerade zuvor seinen Esel geschlagen und seinen ältesten Sohn geohrfeigt und benutzte, wie hätte er es auch anders können, sein eigenes Weltbild, sein eigenes Gerechtigkeitsbewusstsein und seine eigene Logik, um das alles so zu beschreiben, bis er zufrieden damit war.
Die Kirchengelehrten, brave, gläubige Mönche, schrieben die alten Schriften in Dutzenden von Generationen ab und fanden zum Beispiel, dass die Dreieinigkeit Gottes sich so toll anhörte, dass dies in die Bibel reinmusste, bis endlich die Vulgata einen Schlussstrich unter den Wildwuchs der Abschriften setzte und die finale Version herausgab.
Martin Luthers deutschsprachige Übersetzung und King James englische Übersetzung zeigen im Vergleich den Unterschied, was Wortwahl und Sprachnuancen alles ausmachen können.
Und der arme Priester auf der Kanzel liest das alles seiner Gemeinde vor, und die versteht nur das, was sie imstande ist zu verstehen, nämlich:
Die Frau war es. Sie hat Adam verführt.
Die Projektionen auf andere Menschen
Ein weiterer Punkt, im Hinblick auf Verhaltensweisen im Umgang zwischen Menschen ist der: Ich projiziere mir meine Mitmenschen.
Beispiel: Ich kenne da jemanden, und ich frage mich: Warum ist dieser Mensch so offensichtlich, unglaublich unsympathisch, dass ich ihn so abgrundtief schrecklich finde, und trotzdem hat er eine Riesen- Anhängerschaft an Fans, die ihn bejubeln? (Ich nenne hier keine Namen.)
Sind seine Fans vielleicht genauso schrecklich? Nein.
Die Antwort lautet: Ich erschaffe ihn mir.
Der andere kann nichts dafür. Ich bin derjenige, der ihn so erschafft, dass ich ihn absolut nicht ausstehen kann. Sobald ich sein Bild sehe, stellen sich bei mir alle Nackenhaare auf. Sein Gesicht, seine Stimme, dein Blick. Es gibt überhaupt nichts, was ich an ihm mag.
Und im Gegenzug dazu sehe ich einen anderen Menschen, den halte ich für total toll. Seine Mundwinkel beim Lächeln, die Art, wie er einen Satz beendet, seine kleine Zahnlücke. Wie wunderbar ist es, einen solchen Menschen zu kennen, und sich vom Sonnenschein seines Lächelns beleuchten zu lassen?
Es ist genau, wie im vorherigen Kapitel beschrieben, die eigene Wahrheit: Nicht dieser Mensch ist es, den ich betrachte: Ich bin es, der sich selbst über ihn ansieht. Ich erschaffe ihn mir für mich. Er kann überhaupt nichts dafür und ein anderer hält ihn für genau das Gegenteil.
Ich trage ein Riesen-Paket an Konditionierungen mit mir herum, sehe einen Menschen und urteile sofort über ihn: „Liebe auf den ersten Blick.“
Ich erzählte zu Beginn die Geschichte von Gottes Spaziergang im Paradiesgarten. Der eine, der diese Geschichte unvoreingenommen liest, hält Gott für total menschlich und niedlich, väterlich und fürsorglich. Wunderbar, ein Gott der spazieren geht.
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