Als Atheist wirst Du sagen: Na bitte, wusste ich‘s doch. Wie gut hat der Becker das alles zusammengetragen und mir meinen Nicht-Glauben wieder einmal bestätigt.
Egal, was Du jemandem sagst. Der Mensch filtert jede Information nach seinem Verständnis. Der Mensch findet immer und in jedem Fall einen Weg, eine Information so zu verstehen, wie sie ihm persönlich am besten passt.
Andere Informationen dringen erst überhaupt nicht in das Bewusstsein vor.
Bestes Beispiel: Mein erster Buchtitel im Juni 2021 ging sowas von in die Hose. Er lautete: „ DIE BIBEL“ ….
Weiter haben die guten Christen nicht gelesen. Es hagelte auf Facebook nur so von Likes und „ Amens“. Der Untertitel … „Entbrutalisiert“ sollte eigentlich auf die Brutalität in der Bibel aufmerksam machen, und dass es dafür Lösungen gibt. Falsch.
Das wurde nicht mehr gelesen. – oder nicht verstanden. Die Begeisterung für das Wort BIBELwar so groß, dass es schon für die Kirsche auf der Torte ausreichte. Mehr brauchts für einen guten Glauben nicht. Die Antwort lautet „ Amen“.
Der Geist des Glaubens hat einen Mechanismus, der das Verstehen verhindert. Jahrelang stand ich diesem schützenden Mechanismus gegenüber, wie eine Robbe, die gegen die Brandung am Ozean ankämpft.
Doch das ist nicht richtig. Meine Überzeugung ist nichts wert. Sie ist nur eine unter vielen.
Menschen denken nicht falsch. Sie denken anders.
Manche davon ziemlich schräg. Man denke nur an die jüngste amerikanische Geschichte und die Polarisierung ihrer politischen Gesellschaft in zwei Lager.
Jede der beiden Gruppen blickt entsetzt zu den anderen hinüber und ist vollständig davon überzeugt, dass die andere Seite falsch denkt.
Obama konnte während seiner Amtszeit (gefühlt) nicht einen einzigen Republikaner davon überzeugen, wie gut das demokratische Weltbild ist, und Trump konnte in seiner Amtszeit keinen einzigen Demokraten davon überzeugen, wie toll republikanische Werte sind.
Beide Präsidenten zeigten jeweils einen völlig unterschiedlichen Führungsstil und beide wurden jeweils von der eigenen Seite geliebt und von der anderen Seite gehasst.
Wenn ein Glaubenssatz steht, dann ist er erst wandelbar, wenn er von allein fällt. Ein Mensch kann seinen Glaubenssatz erst dann verändern, wenn es vollkommen in sich zusammenbricht.
Ein Gläubiger wird erst dann zum Nichtgläubigen, wenn ihn ein Zweifel dazu bringt. Das wird in der Regel nie passieren, denn er ist immer derjenige, der betet und der glaubt, irgendjemand höre ihm dabei zu.
Er erwartet keine Antwort. Zuhören reicht ihm. Das kann er sein Leben lang so durchhalten.
Ebenso ist es auch mit dem Nichtgläubigen. Es gibt nicht die geringste Naturerscheinung, die nicht physikalisch erklärt werden kann. Es gibt also keine Wunder, nur Zufälle. Wozu also zweifeln, wozu braucht es einen Gott?
Der eigene Glaubenssatz kann nur dann verändert werden, wenn die eigene Nase blutet.
Glaubenssätze sind so wunderbar vom menschlichen Geist geschützt, da muss die Nase erst gegen Beton schrappen, bevor diese verändert wird. Und manchmal denkt man sich: Diese Nase ist wirklich härter als Beton.
Dies ist der Grund, warum Überzeugungen nichts nützen, nur eigene Erfahrungen. Du kannst zwar von Deiner eigenen Erfahrung berichten, und ein kluger Mensch hört Dir vielleicht auch zu, aber jeder Mensch muss seine Erfahrungen selbst machen.
Wir werden in diesem Buch mehrfach auf dieses Thema zu sprechen kommen: Dem Zwang.
Leider ist die deutsche Sprache nicht vielfältig genug, um die unterschiedlichen Schattierungen des Begriffs für Zwanghaftigkeit zu beschreiben. Schade.
- Es gibt den krankhaften Zwang einer immer wiederkehrenden Handlung: Waschzwang, Hygienezwang, Perfektionismus. Innerer Druck.
- Es gibt den überwachenden Zwang: Kontrollzwang, Eifersucht, Stalking, Helikopter-Eltern, Polizeistaat, Zuchthaus.
- Es gibt den gewalttätigen Zwang: Terror, Gewalt, Folter, Diktatur.
- Und es gibt noch viele weitere Formen, darunter den Willenszwang:
Willenszwang sagt: „Ich will.“ Nötigung, Bedingungen, Forcieren, äußerer Druck. Diesen Zwang meine ich.
Es gibt so viele Arten von Zwang, alle heißen gleich. Diejenige Art, die ich aber meine, ist der Willenszwang. Der Zwang, seinen Willen durchzusetzen.
„Ich will.“
Du erlebst diesen Zwang tagtäglich. Vielleicht kennst Du einen Willenszwinger oder vielleicht bist Du selbst einer.
Der Willenszwinger wird auf keinen Fall akzeptieren, was andere sagen. Er will das haben, was er will. Punkt.
Und genau hier stehen wir an der Wurzel des gesamten, menschlichen Leidens.
Nimm jede mögliche Form von Gewalt, egal welche, Kriege, Mord, Hass, Rassismus, Patriotismus, und suche davon einen gemeinsamen Nenner.
Nimm davon die Wurzel, den Anfang, die Quintessenz. Du wirst automatisch auf den Willenszwang kommen.
Du kennst sie, die Willenszwinger. Du kennst ihre Methoden, ihre Raffinessen, ihre Gnadenlosigkeit.
Und leider: Du kennst ihre Gewaltbereitschaft.
Erkenne es und erkenne auch Deinen eigenen Willenszwang. Vielleicht bist Du selbst ein Willenszwinger.
Das Problem ist die Unfähigkeit, andere Willen anzunehmen, zu akzeptieren. Die Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen. Die Unfähigkeit, hinzuhören, zuzuhören. Erkenne bei Deinen Mitmenschen den Unterschied und erkenne den Zwang bei Dir selbst. Werde zum Willensversteher.
Jesus, wäre in der Lage gewesen, ein Willensversteher zu sein. Doch der zwanghafte Ewigkeits- und Himmelswahn, die Abhängigkeit zum Vater im Himmel, das hat ihn selbst zum Willenszwinger gemacht. Wir kommen noch darauf zu sprechen.
Gott ist ein klassischer Willenszwinger. Mit seinem Sündenwahn und mit der Strafsucht, ist er um keinen Deut besser als ein Inquisitor im Mittelalter.
Im Prinzip hätte Gott sich alle 10 Gebote sparen können. Sie sind sowieso bereits zu 40 Prozent unsinnig. (Die Gebote 1 bis 4) Und letztlich kommen alle auf einen einzigen Punkt zusammen.
Ein einziges Gebot würde komplett ausreichen, um sämtliche Sünden der Welt zusammenfassend zu beschreiben:
„ Übe keinen Zwang aus.“
Das reicht. Fertig. Mehr braucht es nicht.
Ach, wie gerne hätte ich Lust dazu, eine eigene Religion zu gründen. Klar mit einer Bibel und mit allem, was so eine Kirche braucht. Und natürlich mit einem Kirchenchor. Ist doch logisch.
Und die Bibel hat goldene Lettern:
DIE BIBEL – Amen.
Und wenn Du sie aufschlägst, findest Du ein darin einziges Blatt, mit einem einzigen Satz. Und darauf steht das erste Gebot:
„ 1. Übe keinen Zwang aus.“
Vielleicht gibt es für diese Religion noch ein Untergebot, für die Unverbesserlichen:
„ 1.a. Sei nicht blöd.“
Dieses Gebot steckt aber bereits in Nummer 1 und wäre daher nicht mehr notwendig …
Auf der Suche nach Lösungen nach mehr Klarheit im christlichen Konzept, muss ich zuerst einige besondere, psychologische Aspekte ansprechen.
Die Psyche des Menschen ist ungeahnt vielschichtig. Als Resümee lässt sich sagen: Du trägst die ganze Zeit immer Deine Vergangenheit mit Dir herum.
Eines der größten Eigenschaften des Menschen ist der Umgang mit der eigenen Wahrheit. Du wirst niemals erleben, dass Menschen alle eine gemeinsame Wahrheit auch als solche verstehen.
Jede Wahrheit ist unterschiedlich.
Das, was wir sehen, hängt davon ab, wie wir es betrachten (… wollen).
Völlig egal, was Du siehst. Alles, alles, alles wird von Dir zuerst in Deinem Geist bewertet und beurteilt, bevor Du es in Dich aufnimmst.
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