Eines Tages, Beth war gerade zu Besuch bei ihrer älteren Schwester, war sie mit dem Töchterchen unterwegs. Sie gingen einkaufen, was sonst? Die große Schwester wohnte in Berlin. Diese Stadt war der einzige Ort in der Republik, wo die übliche Mangelware im Ladenregal offen auslag. Berlin sollte halt Aushängeschild für die angebliche Wirtschaftskraft des Sozialismus darstellen. Das Einkaufen in dieser Stadt geriet jedes Mal zu einer Jagd. Die Gelegenheit bot sich selten und die Liste der Wünsche war entsprechend lang geworden.
Beth hetzte. Sie hatte sich zu viel vorgenommen. Die Stadt war weitläufig. Die Entfernungen von Laden zu Laden waren tatsächlich viel größer, als der Blick vermuten ließ. Die weite Sicht und die breiten Straßen ließen die Strecke kürzer erscheinen, als sie tatsächlich war. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen.
Beth ging allein in den Laden hinein, um das Töchterchen nicht auch noch mit dem Gedränge der Menschen zu belästigen.
Während Beth im Laden herum suchte, entdeckte die Kleine ein wunderbares Spiel. Der Regen hatte eben aufgehört und glitt nun als feiner Faden aus einer Dachrinne an der Häuserwand entlang. Unmittelbar am Kinderwagen vorbei rann er zu Boden. Als Beth eine Weile später aus dem Laden wieder heraus kam, fand sie das Töchterchen vor, wie es andächtig den Faden sich genau auf den Kopf rieseln ließ und dem Wasser nachspürte. Das Mädchen war bis auf die Haut durchnässt. Es war spät im Herbst. Die Luft war kalt, noch nass vom Regen. Der Rückweg würde beinahe eine Stunde brauchen. Beth sah ihre Tochter lächeln. Da schlug sie zu. Sie schlug solange, bis jemand sie ansprach: „Das ist ja schon Kindesmisshandlung, was sie da machen!“ Beth stutzte, hielt ein. Für die Dauer eines Augenblickes schämte sie sich. Dann aber sah sie auf ihre Tochter. Wie konnte ein vernunftbegabtes Wesen nur so dumm sein? Sich bei diesem Wetter so nass zu machen! Sie schlug nicht weiter, aber ihre Wut hielt noch an, bis das Töchterchen wieder trockene Sachen anhatte.
Bei Mutter. Der Fernsehabend.
Inzwischen hat eine politische Sendung begonnen. Ein Kommentar zum Tagesgeschehen. Die gescheiterte Abschaffung der Obamacare, eine soziale Pflichtversicherung in den USA, die der Vorgänger des jetzigen Präsidenten, Barack Obama, eingeführt hatte. Es war ein Wahlversprechen des neuen Präsidenten Donald Trump gewesen, diese Versicherung durch eine neue Regelung mit weniger Leistungen zu ersetzen. Es vergeht beinahe kein Tag, da der neue Präsident keine Schlagzeilen macht. Sein Verhalten tritt diplomatische Gepflogenheiten mit den Füssen. Er wettert gegen die Bündnisse mit den Europäern, die die USA eingegangen sind. Er will den Import von Waren maßgeblich herunter schrauben. „Amerika first“ heisst seine Devise. Mutter ergießt sich in ihrem Hass auf den neuen Präsidenten. Er ist so offensichtlich dumm und selbstverliebt und versteht das Amt des mächtigsten Mannes der Welt als Business, als sei es ein unternehmerischer Deal. Ich kann Mutters Verachtung gut verstehen. Aber sie spricht so laut und schnell, dass ich dem Kommentator in der Sendung nicht mehr folgen kann. Ich fordere sie mit einem energischen „Pscht!“ zum Schweigen auf. Meine Mutter hält einen Atemzug lang verdutzt inne. Dann ergießt sich der Redeschwall weiter ungebremst.
Mit einem Blick auf die Uhr gebe ich mich geschlagen. Halb Elf ist nicht mehr lange hin. Ich erhebe mich und gehe in die Küche. Vorher inspiziere ich vorsichtig das Bad. Es stinkt. Aber der Fußboden ist bis auf zwei kleine braune Flecken sauber. Das Toilettenbecken ist gefüllt mit braunem Wasser. Mutter hat nicht richtig gezogen. Daher der Gestank. Ich drücke den Knopf. Die Spülung rauscht. Das Becken zeigt schmierige Streifen. Das kann auch morgen erledigt werden. Ich gehe in die Küche und lasse Abwaschwasser ein. Das Geschirr von Mittag und Frühstück steht noch. Angetrocknet. Ich räume den Tisch auf. Öffne den Kühlschrank und prüfe die Lebensmittel. Eine Packung Eier, vier Wochen alt. Beim letzten Mal habe ich sie gekauft und mit Datum beschriftet. Ansonsten finde ich diesmal nichts Verschimmeltes. Ich nehme einen Zettel und notiere, was ich am nächsten Tag einkaufen muss. Dann gehe ich in das Wohnzimmer zu Mutter. In der Schrankwand, in einer Schublade unter dem Regalteil, liegt der Schlüssel für die Geldkassette versteckt. Ich hole den Schlüssel hervor und gehe ins Schlafzimmer an den Kleiderschrank der Eltern. Unten auf dem Boden liegt die Kassette. Ich nehme soviel Geld heraus, wie ich ungefähr zum Einkaufen brauchen werde, notiere es auf einer Liste und räume Kassette und Schlüssel wieder an Ort und Stelle.
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