Vater ist irgendwann zufrieden. Doch Elli muss die ganze Zeit über an das Mädchen denken. Warum hatte es so geschrien? Sollte auch sie besser schreien, statt Vater duldsam zu Gefallen zu sein? Was hatte das Mädchen gedacht, als es Elli anschaute, zusah, wie Vater sich an Elli befriedigte? Elli war traurig zumute, weil das Mädchen von Vater solche Schmerzen erlitten hatte. Es schien die Sache zwischen ihr und Vater sehr unerträglich zu finden.
Als Vater seine Kleidung geordnet hat, können sie endlich spazieren gehen. Sie gehen zum Teich, unten in der Niederung. Als sie sein Ufer erreichen, sehen sie das fremde Mädchen. Es steht am anderen Ufer des Teiches, in sicherer Entfernung. Elli ruft das Mädchen. Sofort läuft es davon. „Lass sie laufen.“ Vater hat kein Interesse mehr an ihm. „Aber, wo läuft es denn hin? Es kennt sich doch hier gar nicht aus?“ „Ist doch egal. Was geht uns das an?“ „Und wie kommt es wieder nach Hause?“ „Was weiß ich. Da hat es halt die Strafe. Was schreit es auch so herum.“ Vater hat keine Lust mehr, im Park zu spazieren. Er entscheidet, dass sie nach Hause fahren. Sie gehen zurück zu der Stelle, an der der Motorroller abgestellt steht. Elli schaut immerzu nach dem Mädchen. Es muss doch mit ihnen mitfahren, anders kommt es doch nicht den weiten Weg wieder nach Hause. Als Vater Anstalten macht, den Roller zu starten, sagt sie: „Und das Mädchen? Wie kommt es jetzt zu seiner Mutti zurück?“ „Na, irgendwie wird sie es schon finden.“ „Aber es weiß doch gar nicht den Weg! Es kann doch nicht über Nacht hier im Park bleiben!“ „Also gut, ich gehe zurück und schaue nach ihm.“ Vater stellt den Roller wieder ab. Elli ist zufrieden. „Du bleibst aber hier und wartest!“ Auch gut, wenn er nur nach dem Mädchen suchen geht. Vater geht den Weg zurück, den sie zu dritt gegangen waren. Es dauert lange, ehe er wieder kommt. Allein. „Ich hab sie nicht mehr gefunden. Sie ist irgendwo hingelaufen.“ Elli versteht nicht, was sich das Mädchen denkt. Wo soll es jetzt nur bleiben? Bald wird es Abend. Sie ist traurig wegen dem Mädchen.
Elli geht zu Vaters Roller und steigt auf ihren alten Platz hinter der Windschutzscheibe auf. Wenigstens muss sie nicht wieder hinter Vater auf dem wackeligen Rücksitz sitzen.
Beth war in ihrer neuen Heimat angekommen. Kinder, Haushalt und Arbeiten gehen hatten sich in einem Rhythmus aus Gewohnheiten und Wiederholungen miteinander verwoben, Beth und Karl hatten sich im Alltagseinerlei zusammengerauft. Ruhe war in ihr Leben eingekehrt.
So oder ähnlich gab Beth zur Antwort, wenn sie danach gefragt wurde. Der Kleine wurde nicht mehr so häufig krank. Beth erschien regelmäßig zur Arbeit. Die Kinder stritten zwar oft und laut miteinander, liebten sich aber dennoch. Die Wohnung war eingerichtet. Sie hatten alles, was sie zum Leben brauchten.
Bedeutete solch ein Leben Harmonie? Beth musste manchmal an ein Gespräch mit Vater denken, das Jahre zurück lag. Es war kurz vor Beth Hochzeit mit Karl gewesen. Vater hatte beim Abendbrot beiläufig gemeint, man solle die Harmonie beachten. Wenn es in einer Beziehung keine Harmonie gäbe, solle man die ganze Sache besser bleiben lassen. Beth hatte ihn damals prompt gefragt: „Was ist das, Harmonie? „ Vater hatte wortlos sein Brot weiter gekaut, und war ihr die Antwort schuldig geblieben. Wusste er keine Antwort? Oder war ihm die Frage zu dumm erschienen? Nach all den Jahren hatte Beth sich selbst noch keine Antwort geben können.
Ruhe bedeutete für Beth, dass ein Tag den geplanten Verlauf nimmt. Wenn sich die Tage einander ähnelten, dann war Ruhe in den Alltag eingezogen. Harmonie, das musste wohl das Übereinstimmen von Meinungen bedeuten. Gleicher Geschmack, gleiche Werte und Ansichten. Fremde Ansichten stießen Beth ab. Das gleiche erwartete sie von Anderen, wenn sie deren Meinung widersprach. Und weil Anderssein und Fremdsein ganz selbstverständlich zu Ablehnung führten, brachte Beth ihre Meinung stets hart und aggressiv vor. Ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung! Widerrede war sinnlos oder aber nicht mehr interessant.
Beth hatte es nie anders kennen gelernt. Selbst jetzt, als erwachsene Frau, erntete Beth Mutters Ablehnung, wenn sie nicht deren Meinung traf. Karl lachte sie lauthals aus, wenn sie ihm fremde Standpunkte näher begründete. Sie sei naiv und dumm! Jeder müsse sehen, wo er bleibt im Leben, sonst wird man untergebuttert. Streben nach Ehrlichkeit und Gerechtigkeit hätten keine Chance. Solche Sachen zählten nicht. Während Beth ihrem Idealismus nachhängt, erwirtschafteten Andere inzwischen stillschweigend ihren Vorteil. So argumentierte Karl. Wagte Beth dann immer noch zu widersprechen, so schnitt Karl ihr das Wort ab: Beth müsse alles anders machen, als die anderen Leute. Nur, um aufzufallen.
Beth beschlich in solchen Momenten ein merkwürdiges Gefühl. Hatte er Recht? Sie kannte wirklich niemanden in ihrem Umfeld, der so dachte wie sie, mit dem sie über die Dinge des Lebens reden und sich verständigen konnte. Sie fühlte sich fremd und einsam unter den Menschen.
Beim Erziehen der Kinder hatte Beth eine Art 'Strafenleiter' entwickelt. Beim ersten Mal ermahnte sie das Kind ruhig. Beim zweiten Mal wurde sie laut. Wagte das Kind einen dritten Versuch, schlug Beth zu. Beth war davon überzeugt, dass Kinder strenge, konsequente Regeln brauchten. So fühlte sie sich verpflichtet, ihre 'Strafenleiter' einzuhalten. Beth war der festen Ansicht, dass Kinder Ausnahmen von den Regeln nicht verstehen könnten. Ausnahmen würden sie nur als Schwäche, als ein Unterliegen der Eltern verstehen.
Am Abend fand ein Ritual zum Schlafen gehen statt. Diesem Vorgang konnte sich keiner der Familie entziehen. Jeden Abend erfanden die beiden Kinder irgendeinen angeblich ganz wichtigen Grund, weshalb sie dringend noch einmal in die Stube kommen mussten. Mal war es ein Käfer im Zimmer, mal eine nasse Hose, Durst, Toilette gehen. Oder aber, das Geschwisterkind wollte nicht still sein und nun mussten die Eltern für Ruhe sorgen.
Doch was konnte helfen, wenn der Tag zu kurz und das Bedürfnis der Kinder nach Nähe ungestillt geblieben war? Was geschah, wenn nach der fünften Runde nun ernsthaft die Blase drückte? Dann eskalierte Beths 'Strafenleiter'. Der Abend endete mit Geschrei und Weinen.
Karl hielt sich bei diesem allabendlichen Kleinkrieg um das Zubettgehen der Kinder zurück. Er wollte seine Ruhe haben. Wenn das Abendprogramm im Fernsehen begonnen hatte, war er nicht mehr bereit einzugreifen. Meist brüllte er die Kinder dann nur aus dem Sessel heraus und überließ alles Weitere Beth. Ein anderes Mal, er hatte offensichtlich gute Laune, holte er die quengeligen Kinder zu sich heran, setze sie auf seinen Schoss und ließ sie ein Weilchen dem Fernsehprogramm zuschauen.
Wenn Beth und Karl sich gestritten hatten, oder, schlimmer noch: wenn Beth sich verletzt fühlte, ohne recht zu wissen von wem und warum, dann hatten die Kinder keine gute Zeit. Beth hielt sich zwar an ihre 'Strafenleiter', aber ihre Strafen wurden dann unberechenbar und hart. Sie spürte nicht, dass eine tiefe, kalte Wut, ja beinahe Hass sie trieb und ihr jedes Augenmaß nahm. Sie verlor die Kontrolle über ihre Gefühle und Reaktionen. Ein kleines Necken erschien ihr unerhört und frech.
Beth vermochte nicht, noch jung in ihrer Rolle als Mutter, sich in die Welt eines kleinen Kindes einzufühlen. Mehr noch: Beth bewertete alles Tun ihrer kleinen Tochter, als wäre die schon eine Erwachsene. Sie glaubte ernsthaft, ihre Tochter wolle sie ärgern, wenn diese eifrig alle Steinchen, Schnecken, Vogelkacke und Zigarettenstummel von der Straße aufhob, und schneller, als Beth ahnen konnte, sich in den Mund schob. Es dauerte Jahre, bis Beth begriff. Als das zweite Kind, das Söhnchen, ganz ähnlich seiner Schwester mit Begeisterung Dinge tat, so unverständlich für Erwachsene, um sie bald darauf ganz zu vergessen, begriff Beth endlich, dass Kinder nicht nur an ihrem Körper wuchsen.
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