Kommissar Brandt blies die Backen auf. Seine Beschwerde, die er seinem Chef gegenüber polternd vorgetragen hatte, begegnete dieser ebenfalls mit einem Vorwurf. Dabei hatte er nur erwähnt, dass die Kollegen, die sich mit dem Fall des verschwundenen Rockmusikers befassten, ihm blöd gekommen waren.
„Du musst zugeben, dass deine Launenhaftigkeit nicht bei allen gut ankommt“, hörte er seinen Chef.
„Na hör mal. Ich frage, warum von einer Gästeliste nichts in der Akte steht, und die kommen mir komisch“, wehrte er sich.
„Ich habe auch nichts von einer Gästeliste gesehen. Und du kannst es mir glauben, ich habe die Akte mehr als einmal gelesen“, erwiderte der Dezernatsleiter.
„Aber gerade das ist es doch! Faros Manager behauptet mir gegenüber, dass es eine Liste gibt, und er habe sie den Kollegen überlassen. Ich frage die, und die behaupten sie hätten keine.“
„Ja dann weiß ich es auch nicht. Was erhoffst du dir denn davon? Willst du wirklich alle Gäste befragen, die an dem besagten Abend in diesem Club waren?“
„Es wäre machbar – gewesen“, maulte der Kommissar, „wenn die Kollegen ihre Hausaufgaben gemacht hätten.“
„Wie auch immer, du solltest dir diesen Manager noch einmal vorknöpfen und ihn fragen, warum er solche falschen Behauptungen von sich gibt.“
„Das werde ich mit Sicherheit.“
Auf dem Gang zu seinem Büro dachte Kommissar Brandt bereits darüber nach, was Faros Manager dazu veranlasst haben konnte, falsche Angaben zu machen. Oder hatten seine unfähigen Kollegen die Gästeliste einfach verschlampt?
Vor seinem Schreibtisch angekommen, ließ er sich ein paar Gedanken durch den Kopf gehen. Da war immer noch die offene Frage nach dem Taxi. Wenn sich der Fahrer oder die Fahrerin nicht zu erkennen gaben, hatten sie Dreck am Stecken. Entweder hatten sie mit dem Verschwinden des Rockmusikers zu tun, oder er oder sie fuhren illegal, wie er schon einmal vermutet hatte. Welche Möglichkeit sollte ihm näher erscheinen? Wenn sie ihn entführt hätten, wären ihre Forderungen schon längst auf dem Tisch gewesen. Ein Unfall? Ein Unfall wäre nicht verborgen geblieben, es sei denn, das Taxi ist in den Kanal gestürzt; der letzte Anrufversuch Faros kam aus der Nähe der Schleuse Holtenau. Doch so wie er der Akte entnommen hatte, war der Nord-Ostsee-Kanal mehrere Kilometer vor der Schleuse und auch an der Mündung in die Förde von Tauchern abgesucht worden – ohne Ergebnis.
Das kam also alles nicht in Betracht.
Im grellen Licht der Scheinwerfer, die Blitzlichtern gleich ihr Geflimmer in das Halbdunkel des Clubs warfen, ging Kommissar Brandt am Rand der Tanzfläche vorüber. Es war ihm unmöglich, in dem Gewitter der Lichtorgeln jemanden fest auszumachen. Dutzende Gäste bewegten sich im Rhythmus der Musik, die Band auf der Bühne schien ihr Bestes zu geben, was die Phonzahl ihrer Musik betraf, spöttelte er und bahnte sich einen Weg durch die Menge, um an die Tische abseits der Bühne zu gelangen. Zumeist waren es sehr junge Menschen, die dort in Nischen dicht beieinander saßen. Für die knappen räumlichen Ausmaße des Clubs schien ihm das Gewirr der Massen mehr als zu viel.
Dann entdeckte er Faros Manager unter den Leuten. Dass der ihn bereits schon eher erblickt haben konnte, schloss der Kommissar daraus, dass bei ihm wenig Überraschung war, als er sich zu ihm durchgekämpft hatte. Zudem hatte er ihn vorher angerufen und ein Treffen mit ihm verlangt. Der Manager hatte darauf verwiesen, dass er abends im Club sei, wohl in der Annahme, den Kripobeamten davon abhalten zu können, ihn aufzusuchen.
„Sie haben den Weg hierher nicht gescheut?“ Der Manager schaute gelangweilt tuend in die Menge der Gäste und bewegte, genau wie die anderen, im Takt der Musik seinen Körper.
Kommissar Brandt verstand ihn wegen der Lautstärke kaum, schob sich näher an sein Ohr. „Sind Sie oft hier in diesem Club?“
„Manchmal“, hörte er ihn. Er nahm ihn zur Seite, um sich und ihn von der Geräuschkulisse abzuwenden. Aber der Lärm war überall.
„Ist das eine bekannte Band?“, wollte der Kommissar wissen. Er schrie es fast.
Der Manager zuckte unaufhörlich weiter.
„Ich meine wegen der vielen Leute hier! Vor allem junge Leute!“, rief der Kommissar.
Der Manager nickte rhythmisch zu den Tönen der Musik. „Nein!“, rief er, „völlig unbekannt!“ Dann hörte er auf zu tänzeln. „Warum sind Sie hierhergekommen? Sie hätten mit mir einen Termin an anderer Stelle ausmachen können!“, rief er nun und kam dabei ganz nah an das Ohr des Kripobeamten.
„Wollte mir einen Überblick über das Publikum verschaffen.“ Jetzt hielt sich Kommissar Brandt die Ohren zu. „Können wir nicht vor die Tür gehen? Ich hätte noch ein paar Fragen.“
Der Manager schien verstanden zu haben, wortlos zeigte er zum Ausgang.
Draußen wirkte die Dunkelheit wie eine schwarze Wand. Es dauerte etwas, bis sich der Kommissar von der grellen Glitzeranimation des Clubinneren gelöst hatte.
„Das ist jetzt keine Privatveranstaltung da drinnen?“, wollte er feststellen.
„Nein, hier kann heute jeder rein. Wenn Sie auf
Faros Konzert hinauswollen, so war das eine seltene Ausnahme“, war die Antwort des Managers.
„Sie sagten mir bereits, dass Sie damals niemanden gekannt haben. Ist es heute genauso?“
„Klar, ich kann doch nicht jeden kennen.“
„Warum sind Sie heute hier? Damals war es wegen Faro, das verstehe ich. Übrigens“, betonte der Kommissar, „es gibt überhaupt keine Gästeliste von der Veranstaltung damals. Warum haben Sie behauptet, die Polizei hätte eine bekommen?“
„Hab ich das so gesagt?“ Der Manager verzog seine Miene zu einem unschuldig dreinschauenden Blick. „Dann war das ein Missverständnis. Ich hatte es bestimmt so verstanden, dass ich Ihren Kollegen Auskunft darüber gegeben habe.“
„Das ist aber jetzt blöd. Mir wollten Sie keine Auskunft über die Gäste geben.“ Nun war es Kommissar Brandt, der eine gewisse Strenge in seinen Blick legte. „Können Sie mir denn jetzt etwas zu den Gästen sagen? Ob zum Beispiel da drinnen welche sind, die auch bei Faros Konzert dabei waren.“
Der Manager bewegte langsam seinen Kopf hin und her. „Beim besten Willen nicht. Ich kann mir nicht alle Gesichter merken. Sie haben es ja selbst gesehen, wie es bei dem Geglitzer der Laser da drinnen im Halbdunklen zugeht, da erkennt man doch kaum jemanden.“
Kommissar Brandt starrte in die Dunkelheit, die nur von der Reklamebeleuchtung des Clubs und der nächsten Straßenlaterne erhellt wurde. Das Lasergewitter drinnen im Club noch in seinen Augen, hatte er Mühe, seine Blicke der Umgebung anzupassen. Der uralte Mercedes, den er als einen sogenannten Strich-Acht ausmachte, fiel ihm aber sofort auf, als sich seine Augen an die Schwärze der Nacht gewöhnt hatten.
„Als Sie Faro in das Taxi setzten – war das hier vorn oder gibt es noch einen Hinterausgang?“
„Es war direkt hier vor dem Eingang, da ungefähr, wo jetzt das Taxi steht.“ Der Manager zeigte auf den alten Mercedes.
„Sie meinen dieses Auto dort?“ Auch der Kommissar deutete hinüber auf den Strich-Acht.
„Genauso ein Taxi war es, genauso. Vielleicht ist es sogar dasselbe wie damals. Gehen Sie doch mal der Sache nach, Kommissar. Der Fahrer sitzt bestimmt hinter dem Steuer und pennt, wartet auf potentielle Fahrgäste, die nachher aus dem Club strömen.“ Der Manager schien sich geradezu zu ereifern.
„Sind Sie sicher, dass es ein Taxi ist?“
„Das sehen Sie doch.“
„Dann schauen wir mal nach. Kommen Sie“, forderte der Kommissar ihn auf, „kommen Sie ruhig mit.“
Sie gingen die paar Schritte bis an den Mercedes. „Also Sie behaupten, es sei ein Taxi. Sehen Sie eine entsprechende Beschilderung auf dem Dach? Ich sehe keine“, feixte Kommissar Brandt.
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