Zeit ist Geld, das ist eine wohlbekannte Weisheit des Materialismus. Zeit ist Geld, keine Fehler, immerzu schnell, fehlerlos sein, der Gesellschaft treu dienen, dem Fortschritt der Vermarktung, der Schnelllebigkeit, dem Wachstum. Heute, ein standardmäßiges Produkt auf dem Markt. Morgen, ein neues Produkt auf dem Markt. Übermorgen, eine Innovation für die Zukunft. In drei Tagen, die ersten Käufer. In fünf Tagen, die kommerzielle Vermarktung. In sieben Tagen dann, das nächste neue Produkt.
„Wachen Sie jetzt endlich auf, Glathener! Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Öffnen Sie die Augen! Jetzt.“
Die Stimme des Vorgesetzten besaß den gewöhnlichen Klang der Hetze und Selbstbestimmung.
„Ich sehe Sie mit offenen Augen an, höre Sie und vernehme die Zeit, die schneller zu sein scheint als der Mensch“, erwiderte Glathener und setzte hierbei die übliche angespannte Zuhörermiene auf.
Er sah den Vorgesetzten an, beobachtete seine hektisch umherwandelnden Augenlieder, die das Bürozimmer überflogen, ohne jedoch den Blick auf einen festen Beobachtungspunkt zu senken, und sich darin zu verlieren, denn das würde doch nur Zeit kosten.
Wutgeräusche machten sich hörbar. Ein Papierstapel knallte auf den Schreibtisch. Glathener konnte noch immer nicht seinen Blick von den Augen des Vorgesetzten lösen. Diese Augen verkörperten – so abbildgetreu, so realitätsgefangen – die Beschleunigung, die Schnelligkeitssucht. Diese Augen lieferten sich ein Wettkampfrennen mit der Zeit, wollten sie doch so gerne ein vergebliches Rennen gegen die Zeit bewältigen, schneller als die Zeit sein.
Das knallende Geräusch wiederholte sich, diesmal mit lauterer Stärke. Dann sah Glathener endlich zum Schreibtisch hin. Die Hände des Vorgesetzten wüteten hysterisch mit einem Papierstapel, der zwischen dem Schreibtisch und seinen mit zeitlichem Wettbewerbshass genährten Händen umherflog.
„Warum wüten Sie so mit den Papierstücken herum, Sie zerstören doch die Mühseligkeit der Schrift, bitte, hören Sie damit auf!“
Bei dieser Aussage fühlte Glathener wieder die unangenehme Begleitung eines bekannten Gefühls – es war seine eigene Unsicherheit und die Falle, die ihn in diese Unsicherheit hineinbeförderte.
„Diese Papierstücke hier stehen für die armselige Drecksarbeit, die Sie in unserem Unternehmen geleistet haben, Ihre letzte Chance auf eine Art der Wiedergutmachung oder was auch immer Sie darunter verstehen mögen, hmm, es handelt sich um ein Projekt für unser neues Wortzählungsprogramm mit vorinstallierter Funktion für zehn internationale Sprachen. Sie haben die Aufgabe, dieses vollendete Projekt zu dokumentieren, und ja, diese ausgeleierten Papierflugstücke hier, das sind die speziell für Sie abgefertigten Kopien von unseren Projektergebnissen. Engbefristete Abgabefrist, Glathener. Ich brauche die Dokumentation bis morgen Nachmittag. Mindestens 10 Seiten im Umfang, gewöhnliches Unternehmensformat, keine weiteren Aussagen.“
„Aber?“
„Kein Kommentar, sagte ich doch. Das ist Ihre letzte Chance auf eine Wiedergutmachung, Sie Dreckskerl, Sie, ahh, mir fehlen die Worte, Ihre Unverschämtheit zu beschreiben. Und die Zeit, meine Arbeitszeit, Lebenszeit, ach, zehn Minuten, zehn wertvolle Minuten von meiner Arbeitszeit sind bei dem sinnlosen Versuch verflossen, Ihnen die Unmöglichkeit Ihres Daseins zu verdeutlichen, vergeblich, zehn Minuten, Glathener. Der Wecker meiner Armbanduhr hat fünfmal gepiept, eigentlich hatte ich nur zwei Minuten für dieses Gespräch eingeplant, Sie langsamer Nichtstuer!“
„Seit wann tragen Sie eine Armbanduhr mit Wecker-Funktion? Das ist mir neu.“
Ein lautes Türknallen, die Antwort. Nun begriff Glathener seine ausweglose Lage. Er verließ das Arbeitsbüro. Für immer. Seine sechste Kündigung innerhalb von nur zwei Jahren war schon so gut wie vorgezeichnet. Es brauchten keine weiteren unnötigen Worte mehr zu fließen, keine Worte der Reue, keine Worte des Existenzverlustes und des Abschieds, keine sinnlosen Worte mehr, die die wertvolle Arbeitszeit in der fortschrittlichen Beschleunigungszeit doch nur verschwenden würden, anstatt sie für den innovativen Fortschritt zu nutzen. Glathener verließ das Gebäude der kurzlebig-sechsten Arbeitsstelle. Ein Abschied ohne Worte. Als wäre er nie dagewesen, kein wirklicher Teil des Arbeitspuzzles.
Glathener trat auf die belebte Straße der Möglichkeiten, stolperte gegen belustigt- lästernde Menschen, so viele in der Anzahl, dass sie einem geschäftigen Ameisenhaufen glichen. Glathener konnte sie nicht ertragen. Körperliche Anspannung versteinerte seinen Gang. Er übersah die Menschen, ihren Verkehr, ihre Worttöne – belustigt, wundervoll und zart, humorlos, böse und abgrundtief – sie waren alle so unterschiedlich gestrickt, diese menschlichen Ameisenhaufen und er unter ihnen, einer von ihnen, mit denselben Körperorganen wie sie, dieselbe anatomische Struktur und doch gedankenweltenweit von ihnen entfernt… Glathener tanzte gerne im Bann dieser Vorstellungen, sie verschafften ihm Klarheit über sein auswegloses Dasein und entfernten ihn immer mehr von der unerträglichen Schwermut der Realität.
„Dreckskerl, haben Sie Ihren Kopf in den Wolken verloren?“
Die Fahrradfahrerin, eine gnadenlos-schockierte Frau mit Kleinkind unterwegs, rief ihm weitere Schimpfworte hinterher, das Kleinkind vor Angst versteift.
Um ein Haar hätte die Fahrradfahrerin Glathener über den Haufen gefahren. Und er, Glathener, schaute beklommen nach unten, hielt sich die Ohren zu und ging schweigend weiter – das war seine gewöhnliche Maßnahme in alltäglichen Wutsituationen – und dann war die Fahrradfahrerin außer Sichtweite geraten und Glathener hob wieder den Blick auf und ging weiter. Ziellos. Ohne Ankunft und ohne Aufbruch.
Er wusste nicht, wohin er ging, seine schwindelig anmaßenden Schritte trieben ihn dahin. In die undefinierbare Ferne. Und Glathener ging fort, aus dem alten Leben in das Nichts hinein. Denn es war das Nichts, das er vernahm. Eine innere Leere umgeben von zighunderten fremden Gestalten.
Die Sicht einer Straße wurde fleißig wegignoriert, ohne Hintergedanken überquert, das bremsend-hupende Auto, das Glathener fast überfahren hätte, mitsamt der BUH Rufe fleißig überhört.
Glathener ging weiter, dachte über die gesellschaftliche Zeit nach, die ihn auffraß, seine Gedanken suchten nach Lösungen, nach neuen Perspektiven und mussten feststellen, dass es diese Perspektiven, diese Lösungen nicht gab, und so kehrten die Gedanken immer wieder zum Anfangsimpuls zurück – das zeitliche Auffressen durch die Gesellschaft.
Auf dieser Weg-Suche nach dem unerträglichen Sinn des Lebens traten unerwartete Begleiter auf, es waren Begleiter, die seinem eigenen Körper entsprangen. Zahnschmerzen. Und diese Zahnschmerzen verstärkten den Gedankentrubel um die Ausweglosigkeit, die eigene Verwirrung. Sie bebten im Zahnkiefer, ihrem Ausgangspunkt und wandelten über zum Kopf, zu den Augen, bis sie das Gesicht und den ganzen restlichen Körper erreichten. Glatheners Leib bestand aus einem stechenden Zusammenschluss von Zahnschmerzen. Er bebte.
Es war ihm ungewiss, wieviel Zeit seit seinem Spaziergang verflossen war. Glathener konnte sich lediglich der Abenddämmerung und des wohlbekannten Gebäudes entsinnen, dahin wo ihm die Schritte getrieben hatten. Es war das Wohnhaus, in dem er lebte, nach zweifachem Anblick wurde das abgestandene Gebäude richtig erkannt. Als eine kurzfristig-wechselnde Bleibe des Daseins. Glatheners Gedanken spielten bereits mit der Messerspitze des Abschieds. Da betrat er die Eingangstür.
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