Die Vergangenheit, ein schwindender Traum
Der Himmel über Drenkesians präsentierte sich mit milden Tagesfarben, Wolken von glasscherbenklarer Helligkeit, stechende Sonne, die verdunkelte Augen blendete. Ein schöner Sommermorgen. Perfekter Start in den Tag. So eine abgenutzte Redewendung, billionenfach kopiert, gebrandmarkt, überall nur nicht in mir, zum Glück…. Selbstbetrügerische Überlegenheit…Der perfekte Start in den Tag, tra la la, und schon steht das Wochenende vor der Tür, tra la la, die Arbeitskollegin schien köstlichen Gefallen daran zu finden, sie summte ein abgenutztes Lied mit schlechter Tonlage, vollkommen im Einklang mit ihrer lächerlichen Selbstinszenierung und schnell senkte Glathener Kyrias den Kopf, denn er anerkannte sie wieder, seine Umwelt, er anerkannte sie als Aversion, als verwünschte Wirklichkeit der physisch-organischen Lächerlichkeit, einzig der zum Boden gesenkte Blick mochte ihn davor bewahren. Vor weiteren Erniedrigungen.
Die summende Arbeitskollegin fixierte nun ihren Blick auf ihn, suchte offenbar nach Vorwürfen, nach einem neuen Opfer, das sie ärgern konnte – sie hatte das Opfer schnell gefunden, der neue Arbeitskollege.
„Ähm Herr Ky-Rias.“
„Glathener Kyrias, verehrte Kollegin, freut mich in ihre Bekanntschaft zu treten.“
„Aber warum denn, warum bin ich eine verehrte Kollegin für Sie, na so was, Sie schauen mich doch gar nicht an, schauen immerfort zum Boden. Und deswegen soll ich in Ihren Augen die verehrte Kollegin sein, ähm…Na so was. Der perfekte Start, tralla, tralla …“
Die summende Arbeitskollegin fixierte ihren Blick auf Glathener, so schien es ihm zumindest, denn er sah sie nicht an, sondern erspürte ihre Anwesenheit mit den Körpersinnen.
Der Tür ganz nah, nur noch den Dienstschlüssel hereinstecken. So schnell wird eine neue Prüfung des Alltags überstanden sein. Die Flucht in die Einsamkeit, eine geliebte Wunde, die gerne gelitten wird. Verneigung vor dem öden Arbeitsalltag, Verneigung vor dem vermittelten Wissen, Verneigung vor der Einsamkeit, Glatheners geliebter Wunde.
Angekommen im Dienstbüro, fand Glathener die Stille, einzig die tuschelnden Stimmen der neuen Arbeitskollegen hinter der Tür lieferten das Beweismittel dafür, dass es sie noch gab, die Gesellschaft und ihre Urteile. Und Glathener hatte ein vornehmliches Bewusstsein dafür zu wissen, wie gesellschaftliche Urteile ausfielen: 96,45% schlecht, 03,55% gut.
Gesellschaftliche Urteile? Ja, die Urteile einer Gesellschaft, einer Kultur unter vielen anderen Kulturen und ihren Mysterien. In einer Gesellschaft unter vielen anderen begann sein Leben, es setzte sich fort, schlug eine Laufbahn an und wartete auf den Tod, bis der Tod eintrat. Und die Urteile dieser Gesellschaft von Drenkesians, der Gesellschaft, wo er lebte, fielen zu 96,45% schlecht und zu 03,55% gut aus.
Es war eine Gesellschaft der direkten Erniedrigungen, der direkten Kritik, des direkten Lobes, des direkten Lästerns, der direkten Ehrlichkeit, auch wenn sie weh tat. Eine erfolgssüchtige Gesellschaft des individualistischen Wettbewerbs, eine Gesellschaft, die nach einem Grundsatz lebte, lebt und leben wird: direkte Kritik, direkte Erniedrigungen, direkte Vorwürfe, kränkende Kommentare, all´ das ist das gesellschaftliche Rezept zum individuellen Erfolg, zur Selbstverbesserung . Und diese Tatsache, dieser gesellschaftliche Leitfaden erschöpfte, ermattete, quälte und plagte den Geist und den Körper.
Bei jeder Bewegung, die er in dieser menschlichen Gesellschaft ausführte oder sich zumindest den Versuch gestattete, diese Bewegung, diesen Plan auszuführen, bei jedem Bissen, den er in den Mund nahm, kroch die Angstnarbe in ihn herauf. Glathener litt den Kampf mit der Angst aus – hoffentlich kein neues Seelenleid, dieses Mal, so seine allgegenwärtige Hoffnung. Denn in den häufigsten Fällen wurde jeder Plan, jede Idee, jede Bewegung, die von Glatheners Person stammt, als Vorwurf modelliert.
Glathener fühlte sich beobachtet, obwohl man ihm versicherte, niemand beobachte ihn bei der Sitzung, ha, ha, Glathener fühlte sich gekränkt, offenbar lästerten einige Sitzungsmitglieder – unkontrolliert, direkt und unbeherrscht – über andere, Glathener nahm sie wahr, obwohl er damit kämpfte, sie nicht wahrnehmen zu wollen, lediglich seine Lärmempfindlichkeit band ihn an das gesellschaftliche Dasein, an den lauten Trubel der direkt-unkontrollierten Worte. Ob die verehrten Kollegen ihre fieberhaften Nebengespräche ein wenig leiser stimmen möchten, schließlich befände man sich hier in einer öffentlichen Arbeitssitzung, so die Bitte Glatheners. Sie führen wichtige Gespräche. Gespräche über den Sinn des Arbeitslebens, ha, ha, und noch etwas: intelligent seien die Arbeitskräfte in dem Fall, wenn beste Konzentration und Gedankenklarheit trotz der Lärmfaktoren und störender Nebengeräusche eingehalten werden kann, ha, ha, Sie gehören jedenfalls nicht zu dieser Sorte, Glathener, ha, ha, so pflegte der Betriebsratsvorsitzende unerwünschte Mitarbeiter abzufertigen, vor überheblichem Selbstbewusstsein glänzend wie ein König, jeder Kommentar am richtigen Platz der Selbstgefälligkeitskrone.
Und jeder Augenblick – angenehm, unangenehm, schicksalsbelassen, zufälligkeitsbestimmt oder absichtlich verursacht – jeder Augenblick vergeht. Auch eine Sitzung wie diese vergeht, eine erste Sitzung bei der neuen Arbeitsstelle. Es handelt sich hierbei um die sechste Arbeitsstelle in wechselhafter Folge innerhalb von zwei Jahren. Die Vergänglichkeit der eigenen Vergangenheit in diesem gestorbenen Augenblick der ersten Sitzung bei der sechsten Arbeitsstelle, ein Augenblick, der Glathener noch immer quälte und gedanklich auffraß.
Rollläden herunterziehen, Bürozimmer möglichst abdunkeln, denn das Sonnenlicht bahnte die Gedanken auf unerwünschte Weise an den pfeifenden Lärm der Hauptstraße und ihrer Zivilisation, die da draußen herrschte, ihr Verkehr. Eine neue Überwindung durchlebt, die Vergänglichkeit einer ersten Arbeitssitzung bei der sechsten Arbeitsstelle… wechselnde Zeiten, wechselnde Zeiten, im menschlichen Geist.
Kein Sonnenlicht drang mehr ins Arbeitszimmer, der Computer fuhr hoch, förderte künstliche Lichtstrahlen in verkümmerte Augen hinein, ein fabelhaftes Bildschirmlicht... Die Zeiten, sie wechselten und wechseln und werden wechseln. Nichts bleibt in gleichem Zustand, sondern dem täglichem Wandel überlassen. Keine Ansicht bleibt dieselbe. Und dieser Wandel war und ist und wird die größte Unsicherheitsfalle bleiben. Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart, von der Gegenwart bis zur Zukunft und wieder zurück zum Anfang der Ausweglosigkeit. Möge die Seele in mir zur Ruhe kommen, möge sie eine eigene, einheitliche Zeit finden, so Glatheners Wunsch. Möge diese einheitliche Zeit einem zeitlichen Stillstand gleich kommen… Die Seelenruhe der Entschleunigung…
Die Entschleunigung der Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden, Millisekunden. Momente des Stillstands. Zeitlicher Verlust. Entschleunigung. Stehenbleiben, innehalten, wahrnehmen, die Zeit einatmen und ausatmen. Im Wandelkreis schwebeleicht rasend, von Veränderung zur Veränderung. Gedankenlos-Sein. Nichts mehr befürchten. Die Langsamkeit neu erlernen. Dem wuchernden Hass ganz ferne. Leben, Leben, im Flimmer des statischen Weltbildes, ohne Erneuerung, ohne Wandel, ohne Fortschritt. Schwerelos die Gesellschaft und ihre Langeweile ertragen, mit ihren Veränderungen rasend, ohne sie zu verinnerlichen. Nur ihren wandelnden Zug beobachten, von der Ferne, als ein fremder Teil, der vorgibt geschäftig mitzurasen, zum Schein der eigenen Existenz.
Glathener beobachtete den Bildschirm der Erneuerung, die verkünstelten Wörter, die in rasender Reihenfolge hintereinander aufblitzten. Und er beobachtete natürlich auch die guten gesellschaftlichen Urteile, die morgen etwas ganz anders darbieten werden als heute.
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