„Oh, William geht es gut. Er ist in der Backstube. Ich werde ihm Bescheid geben, dass du da bist. Er wird sich besonders darüber freuen, dass du vorbeigekommen bist.“
„Was ich noch fragen wollte, was macht eigentlich Jana, das Mädchen, dass uns immer beobachtet hat“, lächelte Joel.
„Das Mädchen ist erwachsen geworden und zufällig gerade hier.“
„Wirklich? Sie hat sich inzwischen sicher sehr verändert?“, meinte Joel.
„Oh ja. Aus ihr ist eine hübsche, junge Frau geworden“, grinste Judith.
„Das stimmt wohl. Sie war ja damals schon sehr hübsch. Was macht sie? Ich meine, was tut sie beruflich?“
„Sie arbeitet im Krankenhaus.“
„Oh, dass ist kein leichter Job. Da ist sie nicht zu beneiden.“
„Das ist richtig. Sie kommt oft spät nach Hause und ist dann ganz schön erschöpft. Trotzdem kommt sie oft noch schnell hier vorbei.“
„Wohnt sie denn nicht mehr bei euch?“, staunte Joel.
„Nein. Sie hat schon lange eine eigene kleine, aber hübsche Wohnung“, erzählte Judith.
„Wahrscheinlich würde ich sie gar nicht mehr erkennen“, schüttelte Joel den Kopf.
„Das kann gut möglich sein. Möchtest du sie begrüßen? Ich denke, dass sie sich sehr freuen würde, dich wiederzusehen“, nickte Judith.
„Bist du dir sicher? Ich war lange weg. Ich kann mir also beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie sich noch an mich erinnert.“
„Da liegst du, glaube ich, völlig falsch.“
„Denkst du? Ich würde sie sehr gerne begrüßen“, lächelte Joel und sein Herz klopfte plötzlich schneller.
„Ich werde sie holen. Dann kannst du dich selbst überzeugen. Sie wird staunen, dass du hier bist.“
Judith verließ kurz Joel.
War das eine so gute Idee?, fragte er sich selbst. Schließlich ist er damals wegen ihr gegangen. Aber er konnte nicht lange darüber nachdenken, denn nach ein paar Minuten schritt eine aparte, gutaussehende, junge Frau auf Joel zu. Ihr Gang war anmutig und grazil. Es kam ihm gerade so vor, als würde sie schweben. Ihre Hüften wiegten sich bei jedem Schritt, wie im Takt einer Musik. Mit ihrer Hand schob sie eine Strähne ihrer langen, braunen Haare, die ihr ins Gesicht fiel, nach hinten. Sie lächelte ihn schon von weitem an. Dieses Lächeln kannte er. Es war genau das gleiche Lächeln wie damals. Joel stand von seinem Stuhl auf. Er war überwältigt. Aus Jana ist eine umwerfende Frau geworden. Joel war von ihrer Erscheinung fasziniert. Sie brachte ihn vollkommen aus der Fassung.
„Hey, Joel. Schön, dich zu sehen. Lange ist es her. Du hast dich gar nicht verändert. Ich hätte dich überall sofort wiedererkannt. Du hast nichts von deinem jugendlichen Aussehen verloren“, reichte sie ihm, mit ihrem hinreißenden Lächeln, die Hand.
„Jana, hey. Ich kann es nicht glauben. Du bist nicht mehr das junge Mädchen von damals. Aus dir ist eine bezaubernde Frau geworden. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie du hinter der Theke hervorgeschaut hast“, blickte Joel in ihre wunderschönen blauen Augen und hielt dabei ihre Hand länger, als gewöhnlich. Ihn durchströmte sofort ein eigenartiges Gefühl, als er sie sah.
„Danke für dein Kompliment. Du hast also bemerkt, dass ich nicht mehr das unscheinbare Mädchen bin“, nickte sie.
„Oh, ja. Du hast dich verändert. Hübsch warst du damals schon, aber heute siehst du hinreißend aus. Ich hätte dich nicht wiedererkannt, wenn wir uns irgendwo begegnet wären“, lächelte Joel sie an.
„Wieder ein Kompliment. Wow. Hast du ein schlechtes Gewissen? Willst du dich für etwas entschuldigen?“, schaute sie ihn keck an.
„Nein, ich habe keine schlechtes Gewissen und für was soll ich mich entschuldigen?“, sah er sie erstaunt an.
„Weil du mich damals kaum wahrgenommen hast. Du hast mich links liegen lassen, als wäre ich noch ein Kind.“
„Das ist nicht ganz richtig. Du bist mir damals schon aufgefallen. Aber, was hätte ich tun sollen? Was hast du von mir erwartet? Du warst noch so jung“, war er überrascht.
„Das musst du jetzt nicht sagen. Ich war dir und auch deinen Freunden völlig egal“, schüttelte Jana den Kopf.
„Warum sagst du sowas?“
„Weil es die Wahrheit ist. Ich war kein Kind mehr, Joel. Nur hast du es nicht bemerkt. Es waren gerade mal zwei Jahre Unterschied, zwischen Emilia und mir. Aber klar, du hattest damals ja nur Augen für sie“, sah sie ihn vorwurfsvoll an.
„Was wirfst du mir eigentlich vor? Von wem redest du?“, wollte Joel wissen.
„Von Emilia, dass weißt du doch.“
„Oh, nein. Du sagst dasselbe wie deine Mutter. Emilia und ich waren damals nur Freunde. Ich war nicht verliebt in sie, wenn du mich das jetzt fragen willst.“
„Wirklich? Warum hast du dann nie ein Wort mit mir gewechselt?“
„Ich weiß es nicht. Hättest du denn mit mir geredet?“, hob er den Kopf und schaute ihr in die Augen.
„Wieso nicht? Ich habe nur darauf gewartet, dass du, oder einer von euch, mich anspricht. Damals hätte ich so gerne zu eurer Clique gehört.“
„Das wusste ich nicht. Aber du hattest doch deinen eigenen Freundeskreis. Wir waren alle ein paar Jahre älter als du. Was hat dich so an uns interessiert?“
„Vergiss es. Es ist sowieso zu spät. Reden wir nicht mehr darüber. Bist du mit jemandem zusammen?“, wollte Jana wissen.
„Nein und du?“
„Ich habe einen Freund“, antwortete sie kurz.
„Das heißt? Seid ihr ein Paar?“
„Nein. Er ist nur ein Freund, wie ich schon sagte“, wiederholte Jana.
„Und er? Sieht er das genauso?“
„Klar. Warum fragst du?“
„Nur so. Ihr seid also nicht zusammen?“, schaute er skeptisch.
„Nein! Was ist mit Emilia? Seht ihr euch immer noch so oft?“, bohrte Jana weiter.
„Nein. Emilia ist mit Marc zusammen. Sie haben sich während der Studienzeit ineinander verliebt. Seit ich damals Uni verließ, habe ich sie nicht mehr gesehen“, erzählte Joel.
„Was? Du hast die Uni verlassen? Warum? Ich dachte, ihr würdet für immer zusammenbleiben. Du und deine Freunde.“
„Das war leider nicht möglich. Aber Freunde sind wir trotzdem noch. Jede Woche telefonieren wir miteinander“, lächelte Joel.
„Das ist schön, aber warum hast du die Uni denn dann verlassen?“
„Es war kompliziert. Ich musste weg.“
„Wegen eines Mädchens?“, wollte sie wissen.
„Ja. Ich hatte mich wieder einmal in die Falsche verliebt“, berichtete Joel.
„Willst du es mir erzählen?“
„Es ist unnötig heute darüber zu reden. Das ist Vergangenheit und ich habe es überwunden.“
„Wirklich? Bist du sicher, dass du es überwunden hast?“
„Ja. Ich bin ganz sicher. Reden wir nicht über Vergangenes, sondern über dass, was uns noch erwartet.“
„Wie du willst. Du sitzt wie früher auf eurem Stammplatz. Mama und Papa wollten diese Ecke am Fenster nicht verändern. Es war immer euer Platz und das sollte er auch bleiben“, nickte Jana.
„Ja, dass war er. Ich habe gerade wieder an die alten Zeiten gedacht. Aber, willst du dich nicht endlich setzen? Du könntest mir mehr von dir erzählen, wenn du Lust hast?“, schlug Joel vor.
„Würde ich gerne, aber leider muss ich gehen. Bin schon spät dran.“
„Wirst du erwartet? Von deinem Freund?“
„Ja“, schaute sie ihn wieder mit diesem eigenartigen Lächeln an.
Schon damals konnte er diesen Blick und dieses Lächeln nicht deuten.
„Vielleicht könnten wir uns ja wieder treffen, bevor ich zurückfliege? Was meinst du?“, wollte Joel von ihr wissen.
„Warum nicht? Wie lange bleibst du?“
„Noch drei Tage. Heute Abend esse ich mit Anna und morgen Abend ist hier unser Treffen, dass weißt du ja sicher. Wann würde es dir denn passen?“
„Morgen Mittag. Wäre es dir recht?“
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