Doch genau dieser Mann lag nicht weit entfernt von ihr auf dem Plateau und schnappte ebenfalls nach Luft.
»Es kann nicht sein«, flüsterte er. »Du darfst nicht hier sein! Nicht in diesem Land, nicht mit diesem Mann.«
Langsam und vorsichtig drehte er sich wieder um und nahm seinen Beobachtungsposten ein. Er spähte wieder durch sein Fernrohr und erstarrte.
»Andrew? Was zum …?«
Auch Sarahs Vater war nun deutlich zu erkennen. Horatio konnte es nicht glauben. Was hatte dieser Ganove, dieser Scharlatan, den beiden erzählt, dass sie mit in dieses heiße, für Europäer absolut ungeeignete Land gekommen waren? Das galt es, herauszufinden. Horatio spürte mehr, als er es hörte, dass sich jemand von hinten näherte. Er nahm einen der kleinen Steine in seine linke Hand und klopfte ein bestimmtes Muster. Dann lauschte er. Die Antwort, die wenige Momente später geklopft wurde, stellte ihn zufrieden. Er wartete. Schon legte sich ein Körper neben den seinen. Horatio rückte ein wenig ab, es war zu nah für seinen Geschmack.
»Warum willst du meine Nähe nicht?«, gurrte die Stimme neben ihm. »Bin ich so hässlich?«
Horatio hätte am liebsten geschrien. Aber man durfte sie nicht bemerken. Stattdessen blickte er die Frau neben sich nur kurz an und legte einen Finger auf die Lippen, dann zeigte er nach unten. Die Frau verstand. Beide zogen sich zurück, außer Hörweite des Lagers. Horatio sah der Frau in die Augen.
Sie war nicht hässlich, im Gegenteil.
»Aset, du weißt, ich habe deinem Vater schwören müssen, dich niemals anzurühren.«
Aset lachte. »Er müsste es ja nicht erfahren!«
Horatio schüttelte den Kopf. Als Asets Vater, Sefu, ihn vor einigen Monaten halbverdurstet und fast wahnsinnig in der Wüste gefunden und mitgenommen hatte, musste er ihm nach seiner Genesung schwören, dass er Aset niemals zu nahe kommen dürfe. Und Sefu hatte ihm klargemacht, was passieren würde, wenn er es doch täte.
»Deine Männlichkeit wird in der Wüste neben deinen ausgestochenen Augen und deinem Leichnam verdorren!«
Aber selbst ohne diese Drohung: Horatio hätte Aset niemals berührt. Aus Respekt vor Sefu, aus Respekt vor der Kultur und … weil sein Herz nicht frei war. Aset sah ihn aus ihren großen, braunen Augen an.
»Also, was ist dort unten?«
»Wie zu erwarten war. Eine Gruppe Engländer. Aber ich muss mit deinem Vater reden. Ich glaube, diese dort«, er wies mit dem Finger in Richtung des Tals, »ist besser vorbereitet als die anderen, die ihr Glück versucht haben.«
Aset nickte.
»Er erwartet dich bereits. Er hat mir gesagt, er habe es im Traum gesehen, dass eine große Gefahr auf lodernden Flammen zu uns kommen wird.«
Horatio fror plötzlich. Lodernde Flammen … flammend rotes Haar?
Aset riss ihn aus seinen Gedanken.
»Ich werde so lange hier wachen. Beeil dich!«
Horatio nickte und lief los. Nicht weit von hier war sein Reittier angebunden. Obwohl auch er, wie Sarah, ein Pferd vorgezogen hätte, so hatte er doch recht schnell die Vorteile dieses Wüstenschiffes erkannt. Nach einer knappen Stunde traf er in der Oase ein und eilte zu Sefu, der ihn aus sanften, grauen Augen ansah.
»Ah! Da bist du ja.«
Er betrachtete Horatio genau und nickte zufrieden. Er hätte sofort erkannt, wenn Aset und der »Inglis«, wie ihn alle nannten, sich zu nahe gekommen wären.
»Was hast du zu berichten?«
Horatio setzte sich und nahm dankend den Tee entgegen, der ihm gereicht wurde. Er trank einen kleinen Schluck, um seine Kehle zu befeuchten.
»Sefu, ich glaube, es ist dieses Mal sehr ernst. Es sind Engländer, aber das wussten wir bereits. Doch ich kenne den Anführer, ich bin ihm bereits begegnet, an einem anderen Ort, in meinem früheren Leben.«
»Du denkst, sie wollen den Atem des Nophta stehlen?«
»Ich fürchte, genau deshalb sind sie hier. Der Anführer ist ein Professor Esubam. Ich habe ihn in London kennengelernt und er ist ein Mann, der nicht aufgibt. Wenn er vom Atem gehört hat, dann will er ihn finden und für seine Zwecke nutzen. Aber nicht um der Menschen willen, um sie zu heilen, sondern nur, um Geld zu verdienen.«
»Erzähl weiter. Ich nehme an, Aset hat dir von meinem Traum erzählt?«
Horatio stockte. Doch dann erzählte er weiter.
»Bei diesem Esubam sind zwei Gelehrte, ein Mann und seine Tochter. Beide kennen sich in der Medizin hervorragend aus. Ich glaube, er hat sie nur mitgenommen, um herauszufinden, ob es wirklich dieses Heilmittel gibt.«
Sefu sah ihn nur an, sagte nichts, und Horatio fühlte sich genötigt, eine Erklärung abzugeben.
»Ja, Sefu. Ich kenne die beiden. Ich war … mit dieser Frau … der Tochter …«
Sefu hob die Hand.
»Du musst es mir nicht sagen. Ihr gehört dein Herz, habe ich Recht?«
Horatio nickte.
»Ich habe es, als ich dich gefunden habe, gewusst. Du hast immer nur einen Namen gemurmelt, als du im Fieber lagst. ›Sa’arah‹ kam immer wieder über deine Lippen.«
»Sarah. Ja. So heißt sie.«
Sefu lächelte.
»Und genau darum habe ich dir das Versprechen abgerungen. Verstehst du mich?«
»Sefu, du bist sehr weise. Doch was machen wir jetzt?«
Der Mann erhob sich.
»Du weißt, die Bruderschaft des Nophta hat eine Aufgabe. Wir haben geschworen, niemanden den Atem des Nophta finden zu lassen. Wir selber wissen nicht, wo und was es eigentlich ist. Wir wissen nur, es bringt Verderben in die Welt. Seuchen und Krankheit. So ist es uns überliefert. Wenn wir das Gefühl haben, dass sie der Wahrheit zu nahe kommen …«
Er sprach es nicht aus, aber Horatio verstand. Zur Not würde die gesamte Expedition unter seltsamen Umständen verschwinden. Es wäre nicht die Erste. Er erhob sich.
»Ich werde weiter beobachten.«
»Ich möchte, dass du Nkosi und Hanbal mitnimmst. Wenn es so ist, wie du sagst, dann wird es gefährlich. Und ich will nicht, dass etwas geschieht, was später zu Problemen führt.«
Horatio verbeugte sich leicht und verließ das Zelt. Eine Stunde später war er zurück auf seinem Platz. Aset kehrte zur Oase zurück. Horatio war sich sicher, dass die beiden Männer eher auf ihn als auf die Expedition achten sollten.
So heiß die Tage in der ägyptischen Wüste waren, so eiskalt waren die Nächte. Obwohl Sarah nun schon seit mehr als zwei Wochen im Land war, überraschte sie der Temperatursturz, den sie so in den Städten und während der Nilreise nicht erlebt hatte, völlig. Und sie hatte András Esubam ausgelacht, als sie auf der Ausrüstungsliste, die er ihr in London gegeben hatte, unter anderem einen warmen Wollumhang gefunden hatte.
Nun trug sie exakt diesen Umhang, stand am Rand des Lagers und spähte nervös in die Dunkelheit. Im Lager selbst waren zahlreiche Fackeln zwischen den Zelten in den Boden gerammt worden und im Zentrum brannte ein Lagerfeuer, an dem die Männer sich versammelt hatten, aßen, scherzten und lachten. Sarah hatte nicht die Ruhe, dort still zu sitzen. Seit sie im Lager angekommen waren, fühlte sie sich beobachtet, aber natürlich war es aussichtslos, zu versuchen, außerhalb des Feuerscheins irgendetwas zu erkennen. Das Einzige, was sie sah, waren die Wachen, die als lautlose Schatten um die Zelte patrouillierten, dabei aber nicht sonderlich angespannt wirkten. Spürten sie es denn nicht? Bemerkten sie nicht, dass in den Bergen, die sich schwarz und bedrohlich gegen den samtigen Nachthimmel abzeichneten, irgendetwas auf sie lauerte?
Fröstelnd zog Sarah die Schultern zusammen, als irgendwo im Gebirge ein Schakal zu heulen begann.
»Stimmt etwas nicht, Sarah?«
Sarah machte einen Satz vor Schreck und konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken. Professor Esubam, der lautlos an sie herangetreten war, wirkte ebenso erschreckt durch ihre Reaktion wie sie selbst, musste dann aber lachen, gab einer der Wachen, die sofort mit gezücktem Revolver neben der jungen Frau aufgetaucht war, ein Zeichen, dass alles in Ordnung war, und fasste Sarah am Arm.
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