Der Pilot hat mittlerweile selber wieder die Kontrolle über die Maschine übernommen und sie stabilisiert. Und bei seinem Versuch sich zu orientieren meint er, vor sich etwas zu erkennen, das aussieht wie eine Landebahn.
Er steuert darauf zu und sieht bei einem langsamen Überflug, dass es sich tatsächlich um einen schwach beleuchteten Flughafen handelt.
Da es im Umfeld wenig zu sehen gibt, vermutet er eine kleine Militäreinrichtung.
Im Stillen betet er, dass man am Boden seine Notlage erkennt und die Landebahnbeleuchtung eingeschaltet lässt.
Denn ein kurzer Blick auf seine Treibstoffanzeige sagt ihm, dass dieser Flughafen für ihn mit Sicherheit die letzte Möglichkeit ist die Maschine zu retten.
Er beschließt also, eine Schleife zu fliegen und einen Landeversuch zu unternehmen.
Und was soll ich Ihnen sagen, der Flugzeugpilot ist ein absoluter Profi.
Der Landeversuch gelingt und er rettet seine Passagiere, das Flugzeug und natürlich sich selbst.
Alle Menschen an Bord bleiben unverletzt und der Pilot wird nach der geglückten Landung als Held gefeiert.
Na Kapitän Faizal, was halten Sie von dieser Geschichte?«
Der Pilot hatte selber einen Zug aus seiner Flasche genommen und geschmunzelt.
»Eine spannende Geschichte .... und wenn sie in Hollywood gut gemacht würde, könnte ich mir sogar vorstellen sie mir im Kino anzuschauen.
Aber ich denke, mit der Realität hat sie Gott sei Dank nicht viel zu tun, oder?«
»Ok«, hatte Doktor Son mit niedergeschlagenem Blick zugegeben.
»Sie haben natürlich Recht, diese Geschichte passt wesentlich besser ins Kino als in die Realität.
Aber vielleicht ändert sich Ihre Meinung ja, wenn ich Ihnen sage, dass ich ein paar kleine Details verschwiegen habe.«
»Ein paar Details ....?«
»Ja, einige wichtige Einzelheiten die nur wenige von den Beteiligten kannten.
Zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Maschine und die Menschen an Bord während der gesamten Geschehnisse nie in ernsthafter Gefahr befunden haben.«
»Aha ... , das müssen Sie mir erklären.«
»Ganz einfach ..., diese ganze Luftnotlage und der Ausfall der Instrumente etc. waren nur fingiert. Man hatte vorher am Boden den Sauerstoff für die Notversorgung der Kabine und für den Copiloten durch Betäubungsgas ersetzt.
Die wurden also bei dem Alarm während des Fluges betäubt. Der Kapitän war natürlich eingeweiht und hatte jederzeit alles unter Kontrolle.
Und er hat selbst für die Abschaltung der Funkgeräte und Transponder gesorgt. Sie wissen, dass man dazu im Cockpit nur ein paar entsprechende Sicherungen ziehen muss und schon ist man für die Außenwelt verschwunden.«
»Aha .... « Faizal richtete sich leicht auf und sah seinen Gesprächspartner erwartungsvoll an.
Der Denkapparat des Piloten war während Doktor Sons etwas einschläfernder Erzählung in den Ruhemodus gewechselt.
Aber jetzt war er schlagartig wieder bei 100% Leistung.
Und im Hintergrund hatten einige rote Lämpchen angefangen zu blinken.
»Jetzt wird Ihre Geschichte langsam zum Krimi, oder?«
»Ja,« hatte Son grinsend zugestimmt.
»An dieser Stelle wird sie zum Krimi. Und es gibt ein paar weitere Details, die ich verschwiegen habe.«
»Ich bin gespannt ...«
Zum Ersten, die Tatsache, dass der Pilot in der Geschichte diesen kleinen Militärflugplatz natürlich nicht zufällig gefunden hat. Sondern dass er ihn 100-prozentig gezielt angeflogen hat und dass er dort erwartet wurde.
Und, dass schon kurze Zeit nach der Landung ein großer Teil der Fracht aus dem Frachtraum der Passagiermaschine entladen und auf LKWs in der Dunkelheit der Nacht verschwunden war.
Und zum Zweiten, die Tatsache, dass ein paar Wochen später, als Experten der Fluglinie und des Herstellers die Maschine besichtigen durften, auch Flugschreiber und einige andere technische Geräte von Bord nicht mehr aufzufinden waren.
Und nicht zuletzt das wichtige Detail, dass der Pilot als er ein paar Tage später mit einem anderen Flugzeug und auf den Schultern seiner applaudierenden Passagiere nach Kuala Lumpur zurückkehrte, zehn kleine Barschecks über jeweils eine Millionen US-Dollar in der Tasche hatte.
Faizal und Doktor Son hatten sich einige Augenblicke stumm in die Augen gesehen.
Der Flugkapitän hatte damals nicht geahnt, dass seinem Gegenüber allein diese Sekunden des Schweigens reichten, um zu wissen, dass er gewonnen hatte.
Ein paar Augenblicke lang widerstand er dem Versuch empört aufzuspringen und zur Tür zu gehen.
Nicht ahnend, dass der anwesende angebliche Sicherheitsbeamte ihn daran gehindert hätte mit seinem neuerworbenen Wissen lebend das Hotelzimmer zu verlassen.
Aber eine Mischung aus Abenteuerlust und Neugierde hielt ihn auf dem Stuhl.
Innerhalb von einer Sekunde hatte er realisiert, dass diese kleine Geschichte die dieser großväterliche Doktor Son ihm wie nebenbei erzählt hatte, schon der ganze Plan war.
Und dass er soeben das Angebot erhalten hatte, in dieser modernen Heldengeschichte die Hauptrolle zu übernehmen.
Aber gleichzeitig wurde ihm auch klar, dass der Held in dieser kinoreifen Erzählung sich in einem ganz entscheidenden Teil von den anderen Hollywoodhelden, die er selbst oft bewundert hatte, unterschied. Und dass sein so strahlender Heldenglanz durch ein wichtiges Detail verdunkelt wurde.
Nämlich dadurch, dass er die Gefahr aus der er seine Passagiere und seine Crew rettete, wissentlich und mit voller Absicht selbst herbeigeführt hatte.
Eindeutig kriminell und mit dem verachtenswerten Ziel, sich und andere zu bereichern.
Eine Vorstellung, die sich weder mit seiner Ausbildung, seinem Berufsethos oder seinen Moralvorstellungen vereinbaren ließ.
Und dass er die Heldentat für die er gefeiert wurde, nicht zufällig und wirklich heldenhaft begangen hatte.
Sondern dass jedes Gericht der Welt ihn dafür völlig zu Recht viele Jahre ins Gefängnis schicken würde.
Ihn, der immer stolz auf seine 25 Dienstjahre als Berufspilot zurückgeschaut hatte.
Und der wie kaum ein Anderer von sich behaupten konnte, dass Pflichterfüllung und Berufsehre in seinem Leben nicht nur leere Worte waren.
Sondern dass für ihn das Wohl und die Sicherheit seiner Passagiere und der ihm anvertrauten Seelen immer an erster Stelle gestanden hatten.
Zugegeben, Werte die in der heutigen Zeit mehr und mehr hinter Kommerz und Leistungsdruck verschwanden. Das hatte er oft genug selbst erfahren.
Aber gleichzeitig auch Ideale die zumindest ihn, seit seiner Berufswahl begleitet und geleitet hatten.
Und von dener er bis zu diesem Moment immer angenommen hatte, dass sie für ihn unumstößlich und unverhandelbar waren.
Und jetzt lag hier, kurz vor dem Ende seiner Berufslaufbahn, ein Angebot an ihn auf dem Tisch.
Das Angebot, diese Leitbilder und diesen Stolz auf seine Karriere für einige Barschecks in seiner Tasche zu verkaufen?
10 Millionen US-Dollar für sein bisher untadeliges Leben?
Oder 10 Millionen US-Dollar für seinen zukünftigen Ruhestand?
Dem Kapitän war klar, dass er für seine Antwort keine Bedenkzeit erhalten würde.
»Sie meinen es wirklich ernst mit dieser Geschichte, oder?«
Der Blick in die Augen seines Gastgebers hatte die Frage wortlos beantwortet.
»Ich glaube nicht, dass es möglich ist ein Flugzeug unauffällig so mit Betäubungsgas zu präparieren, dass man die Passagiere und den Copiloten so einfach ausschalten kann.«
»Wir haben die Möglichkeit, glauben Sie mir,« antwortete Son ohne jeden Anflug eines Zweifels.
»Und niemand wird es im Nachhinein herausbekommen können. Das Gas wirkt schnell, mindestens zehn Stunden lang und verflüchtigt sich rückstandslos.«
»Aber wie wollen Sie einen Militärflugplatz finden, auf dem Sie nachts unbeobachtet eine Boing 777 landen können?«
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