Das akzentfreie Englisch, mit dem er seine Gäste empfing und die betont bescheidene und höfliche Art, mit der er sich bewegte wirkten interessiert und sympathisch.
Faizal hatte sein Alter auf Anfang sechzig geschätzt.
Der Oberkellner hatte Shin wie einen gern gesehenen Stammgast begrüßt und sie an einen abgelegenen Tisch im Hintergrund des Lokals geführt.
Nach dem ersten Gang und dem üblichen Small Talk war der Koreaner schnell zum Grund seiner Einladung gekommen.
Er hatte von Kunden erzählt, die immer wieder von meist amerikanischen Banken drangsaliert wurden.
Die USA sahen die Tätigkeiten asiatischer Institute in ihrem Lande nicht gerne und drängten diese Kunden, ihre Geschäftstätigkeiten und Vermögen durch die lokalen US-Banken betreuen zu lassen.
Das ging sogar so weit, dass nichtamerikanische Konkurrenz bei internationalen Geldtransfers oder bei Transporten von Wertpapieren und Bargeldbeständen überall auf der Welt massiv behindert wurde.
Immer wieder kam es dazu, dass asiatische Transportunternehmen die Lizenzen für solche Werttransporte in oder aus den USA nicht bekamen oder dass sich Versicherungen auf Druck der Amerikaner hin weigerten, für diese Bewegungen zu garantieren.
»Im Moment überlegen wir, den Transport einer solchen Sendung als Frachtbeiladung in einer unauffälligen Passagiermaschine durchzuführen.
Damit könnten wir die großen internationalen Lufttransportunternehmen meiden und etwas unbeobachteter agieren. Was meinen Sie Kapitän Faizal?«
Der Koreaner hatte den Piloten über den Tisch hinweg freundlich angelächelt und interessiert die Augenbrauen hochgezogen.
»Sie kennen sich doch seit vielen Jahren im asiatischen Luftverkehr aus«.
»Na ja,« hatte Faizal kurz überlegt. »Ich denke die Beiladungen, die als Fracht in Passagiermaschinen mitfliegen, unterliegen den gleichen Sicherheits- und Zollbestimmungen wie die bei offiziellen Frachtairlines«.
»Da haben Sie natürlich Recht, und wie gesagt handelt es sich nicht um illegale Transporte. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch«.
Shin hatte beschwichtigend die Hand gehoben.
»Aber es ist eine sehr wertvolle Fracht, die nach Möglichkeit ohne große öffentliche Beachtung reisen soll. Für meine Kunden ist oberste Diskretion und die Vermeidung von internationalem Aufsehen außerordentlich wichtig.
Wir verfügen hier über einige ausgezeichnete Kontakte zu den örtlichen Fluggesellschaften. Und die Malaysia-Airlines für die Sie arbeiten fliegt Routen, die für viele unserer Klienten hervorragend passen würden.
Wie gesagt, wir planen zur Zeit einen Transport von Bargeld und Wertpapieren von Kuala Lumpur aus in Richtung Peking.«
»Die Route fliege ich im Moment regelmäßig«.
»Perfekt,« hatte Shin weitergeredet.
»Sehen Sie, mit den chinesischen Behörden pflegen wir seit langem erstklassige Beziehungen. Bei den meisten, sagen wir mal sensiblen Transporten, gibt es dort keine Probleme, die sich nicht mit etwas gutem Willen beilegen lassen.
Es gibt aber in letzter Zeit häufiger Versuche, meine Klienten auch dort zu behindern. Die amerikanischen Behörden setzten alles daran, diesen Kunden Steine in den Weg zu legen.
Das geht so weit, dass man auf politischer Ebene versucht, die chinesischen Stellen zu beeinflussen, um solche Transporte zu verhindern.
Na ja, Sie sind sicher ein gut informierter Mensch Kapitän Faizal.
Sie wissen, wie die USA international auftreten.
Und wie sie auch hier in Asien manchmal davon ausgehen, dass sie sich mit ihrer Arroganz und ihren Dollars alles erlauben können«.
Ohne auf eine Antwort des Kapitäns zu warten hatte er beschwichtigend die Hand gehoben.
»Aber ich will Sie nicht mit Politik langweilen. Dazu sind die Umgebung und das Essen hier viel zu schade.«
Mit einem offenen Lächeln hatte er sein Glas erhoben, um mit seinen Gästen anzustoßen.
Der Koreaner hatte sich an diesem Abend als perfekter und unterhaltsamer Gastgeber gezeigt. Und erst nach vielen anderen Themen war er beim Dessert auf den Grund seiner Einladung zurückgekommen.
»Sehen Sie Kapitän Faizal, es hat mir wirklich sehr gefallen, Sie heute Abend kennen zu lernen. Und ich würde mich ehrlich freuen, wenn Sie uns bei unserem Unternehmen unterstützen könnten«.
»Ich habe mich auch sehr gefreut, Sie kennenzulernen«, hatte Faizal sein Glas erhoben.
»Auch wenn mir bis jetzt nicht richtig klar ist, wie ich Sie bei Ihren Geschäften unterstützen kann.«
»Wissen Sie,« hatte Shin mit einem Lächeln geantwortet, an das der Kapitän noch häufig zurückdenken musste.
»Wissen Sie, mir ging es heute darum, Sie persönlich kennen zu lernen und mir ein Bild von Ihnen zu machen. Und ich denke, dass Sie ein sehr erfahrener und scharfsinniger Mensch sind, der perfekt zu unserem Vorhaben passt.
Von der Technik und der Planung die meine Kollegen in Kuala Lumpur haben verstehe ich selber zu wenig, um es jetzt hier zu erläutern.
Aber wir würden uns freuen, wenn Sie bei Ihrem nächsten Aufenthalt dort etwas Zeit für meinen Partner Doktor Son hätten. Der leitet unsere Aktivitäten im Malaysia und kann Ihnen genau erklären, was er und sein Team planen. Und ich verspreche, dass Sie sich nicht langweilen werden«.
Faizal hatte gelacht. »Gerne, wenn ich mich damit für die heutige Einladung revanchieren kann. Und Sie haben mich neugierig gemacht. Ich bin übermorgen wieder in der Stadt und bleibe dann drei Tage.
Ich werde mich gerne mit Ihrem Herrn Doktor Son in Verbindung setzen und bin gespannt, was er zu erzählen hat.«
Bei der Verabschiedung hatte Shin später in die Innentasche seines Jacketts gegriffen.
Mit geschickter Bewegung hatte er einen kleinen Briefumschlag hervorgezaubert und ihn dem Flugkapitän gereicht.
»Dieser Scheck ist ein erster bescheidener Dank, für die Zeit die Sie opfern Kapitän Faizal, und ein Zeichen wie wichtig unser Klient und sein Anliegen für uns ist«.
»Aber ich bitte Sie. Ein Abendessen und ein Treffen zu einem Gespräch ....«
»Nicht nur das«, hatte der Koreaner Faizals protestierende Hand beiseitegeschoben.
»Es beinhaltet auch die Bitte, dass Sie beide diese Begegnung heute Abend und ihre Unterhaltung mit Doktor Son absolut vertraulich behandeln. Wie gesagt, Diskretion ist eines unserer wichtigsten Anliegen.
Diesen Barscheck löst jede Filiale der Bank of China ein und er ist an keinerlei Verpflichtung gebunden.«
Suzann hatte ihm auffordernd zugezwinkert und so hatte er den Umschlag schließlich angenommen und in seiner Jackentasche verschwinden lassen.
Später im Taxi hatten sie ihn gemeinsam geöffnet und festgestellt, dass er einen Barscheck der Bank of China über hunderttausend Yuan enthielt.
»100.000 Yuan für ein Abendessen .....?«
Faizal hatte ungläubig den Kopf geschüttelt.
»Da stimmt doch was nicht, oder? Hat dir schon einmal jemand hunderttausend Yuan für ein Essen bezahlt?«
»Nein, noch nie, aber ich bin ja auch nicht ein so gutaussehender Flugkapitän wie du.«
Sein Lachen hatte etwas gequält gewirkt, und die nächsten zwei Tage hatte er damit verbracht, sich auszumalen, welche Pläne dieser ominöse Doktor Son ihm präsentieren würde.
Aber seine Vorstellungen hatten dabei nicht im Entferntesten an die Realität herangereicht.
Und jetzt saß er hier im Cockpit seiner Boing 777, 11.500 Meter über dem südchinesischen Meer und ihm war klar, dass er für die nächsten Stunden auf sich alleine gestellt war.
Zumindest würde keiner der anderer 238 Menschen an Bord in der Lage sein mit ihm zu kommunizieren.
Die Kabinendurchsage, die er gerade erledigt hatte, diente lediglich dazu, sich selbst zu beruhigen und einen kleinen Anschein von Routine zu bewahren.
Das Betäubungsgas in der Notversorgung der Kabine hatte genau wie das in der seines Copiloten dafür gesorgt, dass Passagiere und Besatzungsmitglieder die nächsten acht bis zwölf Stunden bewusstlos blieben.
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