Und laut Doktor Son würde das auch so sein, wenn jemand seine Sauerstoffmaske nicht aufgesetzt hatte. Die Gaskonzentration in der Kabine war auf jeden Fall ausreichen, um alle Anwesenden zu betäuben.
Er konnte sich also die nächsten Stunden auf die Durchführung seines Vorhabens konzentrieren.
Jenes Plans, den er als er ihn das erste Mal von Doktor Son gehört hatte, für völlig undurchführbar hielt.
Und der sich für ihn auch jetzt noch so verrückt anhörte, dass er vielleicht gelingen konnte.
Er dachte kurz an seine erste Begegnung mit Doktor Son zurück.
Zwei Tage nach dem Essen mit Shin Tae-Yong in Peking war er nach Kuala Lumpur zurückgekehrt.
Am darauf folgenden Morgen hatte er die Nummer gewählt, die Shin ihm gegeben hatte und Doktor Son erreicht.
Der Koreaner hatte den Piloten freundlich gebeten ihn am Abend in seinem Hotelzimmer zu treffen. Dort hätte man Zeit und Ruhe über eine Zusammenarbeit zu reden.
Faizal war pünktlich um acht im Hotel erschienen, und auf sein Klopfen hin, hatte Son ihm die Tür geöffnet.
Im ersten Moment hatte er gedacht, den Zwillingsbruder Shins vor sich zu haben. Die gleiche Größe und Statur, Kurzhaarschnitt, frische Rasur und perfektes Englisch.
Doch auf den zweiten Blick wirkte Doktor Son im Vergleich ein paar Jahre jünger und agiler.
Seine Erscheinung war nicht ganz so formal wie die seines Chefs aber er bemühte sich, den Flugkapitän mit derselben asiatischen Freundlichkeit zu begrüßen.
Einen Kollegen, der bei ihm war, hatte er als Sicherheitsmitarbeiter vorgestellt. Seinen Namen hatte Faizal nach einer Minute wieder vergessen.
Son hatte seinen Gast zu einem kleinen Besprechungstisch geführt, auf dem eine Landkarte lag. Ohne die Beschriftung zu lesen, erkannte der erfahrene Pilot die Umrisse des südchinesischen Meeres.
Faizal hatte lächelnd Platz genommen und auf die Karte gedeutet.
»Mr. Shin hat mir von Ihren Transportplanungen nach Peking erzählt. Und davon, dass ich Sie eventuell unterstützen kann.«
»Ja, wir planen zur Zeit einen größeren Transport, das stimmt. Und ich würde Ihnen dazu gerne eine Geschichte erzählen und Sie um Ihre Meinung bitten.«
Son war stehen geblieben und deutete auf die kleine Minibar neben dem Tisch.
»Aber darf ich Ihnen vielleicht vorher etwas anbieten?
Wissen Sie, ich arbeite hier sehr viel mit Kollegen aus europäischen oder amerikanischen Ländern zusammen, genau wie Sie wahrscheinlich auch.
Vieles an deren westlicher Lebensart kommt mir als Asiat oft oberflächlich und dekadent vor. Zweifellos empfinden Sie da oft ähnlich.
Aber mit einer Sache habe ich mich mittlerweile angefreundet. Nämlich mit der Ansicht, dass es sich mit einem guten Bier in der Hand viel einfacher plaudert.
Was denken Sie? Wir haben hier ein Ausgezeichnetes in der Bar, darf ich Ihnen eins anbieten?«
Eine Minute später hatten sie beide an dem kleinen Tisch gesessen und nach einen Zuprosten und einem genüsslichen Schluck aus seiner Flasche war Doktor Son zur Sache gekommen.
»Sehen Sie Kapitän Faizal. Wir beschäftigen uns schon eine Weile mit dieser Planung. Die Hintergründe dafür hat Mister Shin ja erläutert. Ich werde Ihnen unseren Plan vorstellen und bin sehr gespannt Ihre Meinung dazu zu hören.
Aber vorher würde ich Ihnen gerne eine kurze Geschichte erzählen.«
Faizal hatte die Augenbrauen hochgezogen und seinen Gegenüber fragend angesehen.
»Eine Geschichte?«
»Ja, eine Geschichte. Und mich würde interessieren, ob Sie das was ich Ihnen erzähle für möglich halten.«
Doktor Son nahm einen weiteren Zug aus seiner Bierflasche und sammelte sich kurz.
»Kapitän Faizal, stellen sie sich bitte vor, eines Abends startet hier in Kuala Lumpur ein Passagierflugzeug mit Flugziel Peking.
Die Bodencrew hat ihren Job erledigt, die Maschine ist beladen und aufgetankt.
Die Passagiere sind gut gelaunt an Bord, die Crew macht routiniert ihre Arbeit und der Tower gibt den Start frei.
Es herrschen beste Wetterbedingungen und die Maschine hebt wie geplant ab.
So weit so gut.
Doch dann geschehen plötzlich unerwartete Dinge.
Kurz nachdem das Flugzeug die Reiseflughöhe erreicht hat, fällt der größte Teil der Elektronik an Bord aus. Funkgeräte und Instrumente funktionieren nicht mehr.
Der Kabinendruck und damit die Sauerstoffversorgung brechen zusammen. Die Notsauerstoffversorgung funktioniert auch nicht und die Passagiere und die Besatzung werden innerhalb von Sekunden bewusstlos.
Glauben Sie, dass so etwas möglich ist?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Na ja, dass so viele Systeme der Bordelektronik gleichzeitig ausfallen und dass dann auch noch das Notsystem der Sauerstoffversorgung versagt, das ist schon extrem unwahrscheinlich.«
»Unwahrscheinlich oder unmöglich?« Hatte Doktor Son nachgebohrt.
»Mmhh .... , also als Techniker haben wir uns daran gewöhnt das Wort unmöglich, aus unserem Sprachgebrauch zu streichen.
Aber eine solche Situation ist nur schwer vorstellbar. Und selbst diese Ausfälle bedeuten ja nicht zwangsläufig, dass die Maschine verloren ist.«
»Nein, nein, das habe ich ja auch nicht gesagt, meine Geschichte geht ja weiter.«
Son hob beschwichtigend die Hand und nahm einen kurzen Schluck aus der Flasche vor sich.
»Auch wenn alle Funkgeräte an Bord ausgefallen sind, kann der Autopilot ja weiterhin den Kurs halten. Da dazu einige Messdaten fehlen vielleicht nicht mehr so genau, aber das Flugzeug würde zunächst einmal weiterfliegen.
Also nehmen wir an, alle Personen an Bord sind bewusstlos und der Autopilot fliegt die Maschine weiter.
Am Boden fällt natürlich auf, dass routinemäßige Statusmeldungen ausbleiben und dass die Crew auf Ansprache nicht reagiert.
Aber bevor dann weitere Maßnahmen eingeleitet werden, ist das Flugzeug schon tausende Kilometer über dem Meer geflogen und längst von den Radarschirmen verschwunden.«
Er hatte auf der Karte vor sich mit dem Finger einen Kreis in der Mitte des südchinesischen Meeres beschrieben und Kapitän Faizal vielsagend angesehen.
»Aber wie Sie schon sagten, muss ein solcher Ausfall von Systemen ja nicht bedeuten, dass es zwangsläufig zu einer Katastrophe kommt. Auch in unserem Fall nicht. Ganz im Gegenteil.
Lassen Sie mich die Geschichte weitererzählen.
Dadurch, dass verschiedene Messsysteme ausgefallen sind, fehlen dem Autopiloten exakte Daten. Er weicht leicht vom Kurs ab und die Maschine sackt langsam tiefer. Nach einiger Zeit ist sie so weit gesunken, dass zumindest im Cockpit die Sauerstoffversorgung durch die Außenluft wieder ausreichend ist.
Der Pilot kommt zu sich und erkennt die Situation. An der Tatsache, dass nur noch extrem wenig Sprit in den Tanks ist, sieht er sofort, dass das Flugzeug mehrere Stunden führerlos geflogen sein muss.
Seiner Meinung nach fliegt die Maschine also unkontrolliert irgendwo über China.
Er erkennt die Notlage.
Und hat nur wenige hundert Meter Höhe und einen kleinen Rest Kerosin zur Verfügung.
Er probiert einen Notruf abzusetzen, aber keins der Funkgeräte funktioniert.
Er versucht, den Copiloten zu wecken, auch das gelingt ihm nicht.
In seinem verzweifelten Bemühen sich zu orientieren schaut er aus dem Cockpitfenster.
Aber da es dunkle Nacht ist und er nur schätzen kann, in welche Richtung die Maschine die letzten Stunden geflogen ist, hat er natürlich nicht die geringste Chance, seine genaue Position zu bestimmen.
Eine aussichtslose Situation, die sich sicher kein Pilot vorstellen mag.«
Son hatte eine dramaturgische Pause entstehen lassen und in einem langen Zug seine Flasche gelehrt. Genüsslich hatte er sich mit der Hand den Mund abgetupft, bevor er fortfuhr.
»Aber in dieser Nacht meint es das Schicksal gut mit den Passagieren und der Besatzung.
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